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#endlichfreitag zum ungestörten Arbeitsweg:Ich bin eine verdammte Insel

Job-Kolumne #endlichfreitag

Bitte Ruhe: Der Weg ins Büro ist manchem Arbeitnehmer heilig - zumal freitags, wenn die morgendliche Müdigkeit ihren Höhenpunkt erreicht.

(Foto: iStock)

Morgens, kurz vor acht, der Kollege steigt in der S-Bahn zu. Hat er mich gesehen? Kann ich so tun, als hätte ich ihn nicht bemerkt? Ein Arbeitsweg mit quälendem Gewissen und zwei jugendlichen Philosophen.

Job-Kolumne #endlichfreitag

Endlich Freitag. Hochgefühl! Ein letzter Gedanke an die verpatzte Präsentation am Montag, ein Erschauern im Rückblick auf das Get-together am Mittwochabend, schnell noch ein Papierkügelchen in Richtung des Kollegen im Polohemd geschnippt: Was Arbeitnehmer im Büro erleben und warum es immer wieder schön ist, wenn die Arbeitswoche rum ist - darum geht es in der Kolumne #endlichfreitag.

Es gibt diese Szene im Film About a Boy. Hugh Grant, der darin den überzeugten Junggesellen Will Freeman spielt (okay, der Film hat andere Stärken als Subtilität) wird von drei Frauen bedrängt, seine Verantwortung als soziales Wesen wahrzunehmen. Kein Mensch sei eine Insel, so die einhellige Meinung der Damen - worauf er ihnen frustriert entgegenschleudert: "Some men are islands. I'm a bloody island. I'm bloody Ibiza!"

Ach Freeman, wie recht du doch hast!, denkt sich die Arbeitnehmerin jeden Morgen wieder, wenn der Kollege in den öffentlichen Nahverkehr zusteigt und sie ein ums andere Mal die Gewissensfrage stellt: Hat er mich gesehen? Und die Anschlussfrage: Kann ich so tun, als hätte ich ihn gar nicht bemerkt?

An diesem Morgen entscheidet sie sich für eine Kombination aus "nein, und wenn ist auch egal" und "ja, definitiv". Denn die Zeit zwischen dem Zuziehen der eigenen Haustür und dem Betreten des Büros ist heilig. 25 Minuten lang huldigen auch normalerweise aufgeschlossene Menschen der Einsamkeit und zelebrieren geistig das Eremitentum.

Kopfhörer auf, Augen zu und tief in die Polyesterpolster zu sinken ist eine Möglichkeit, unerwünschter Kommunikation vorzubeugen. Die Pose "der Zeitungsleser" verfolgt denselben Zweck. Und sensible Mitmenschen verstehen die Botschaft solcher S-Bahn-Stillleben auch: "Bitte nicht berühren! Fotografieren verboten!"

Nur: Die leidvolle Erfahrung zeigt, dass es auch Zeitgenossen gibt, die dem zufällig angetroffenen Kollegen mit ihrer frühmorgendlichen Freundlichkeit aggressiv ins Gesicht blitzen, während sie ihn von oben mit Croissantkrümeln berieseln. "Guten Morgeeeen! Du siehst müde aus, schlecht geschlafen? Aber mir brauchst du nichts erzählen, der Mond macht mich gerade auch fertig! Da fällt mir ein: Schon gehört, dass die Krüger wieder schwanger ist? Wer sie wohl vertritt?"

Gegen eine solche Redeattacke hilft nur ein wacher - streichen wir das - ein offener Blick. So auch an diesem Morgen: Die Arbeitnehmerin hat die Konfrontation mit dem Kollegen abgewendet. Vorerst.

Philosophisches Duett in der S-Bahn

Der Zauber von 25 einsam verbrachten Minuten liegt auch in der Zufälligkeit des Erlebbaren. Wie Treibgut werden Momentaufnahmen an der Insel der Arbeitnehmerin angespült. Der Zugführer kündigt die Haltestelle inklusive aller Umsteigemöglichkeiten auf Deutsch, Englisch und Französisch an. Akzentfrei (wobei in Bayern schon Ersteres ein Grund zum Aufhorchen ist). Die Frau gegenüber hat ihre Ausgabe Shades of Grey in einen Sachbuch-Einband geschlagen (ist aber so gefesselt von der Lektüre, das sie beim Umblättern unbedachterweise Titel und Autorin enthüllt). Und nebenan auf dem Vierer lümmeln zwei 13-jährige Jungen in ihren Sitzen, wie es nur 13-jährige Jungen können - vollkommen unberührt von der hygienischen Fragwürdigkeit dieser Sitzgelegenheiten.

Kurz schweifen die Gedanken der Pendlerin ab in Richtung des anderen Extrems: Menschen, die im Fernbus von Stuttgart nach München (immerhin eine zweistündige Fahrt) kein einziges Mal den Kopf anlehnen. Vor ihrem inneren Auge sieht sie zwei fratzenhafte Bakterien auf verspannten Schultern sitzen. "Welche Selbstdisziplin!", ruft die linke, "Bakteriophobie!", schimpft die rechte.