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#endlichfreitag:Ich bin ein Gletscher, cool und unberührbar

Job-Kolumne #endlichfreitag

Ein bisschen sein wie Jürgen Klinsmann, und manchmal wie Per Mertesacker - das Arbeitsleben wäre um so vieles einfacher.

(Foto: iStock)

Der Chef sagt: "Ich habe ein tolles Projekt für Sie!" Sie denken:" Muss das sein?" Und lächeln. Über den Motivationsfetisch im Job - und das Privileg, Per Mertesacker zu sein. Auftakt der neuen Job-Kolumne #endlichfreitag.

Job-Kolumne #endlichfreitag

Endlich Freitag. Hochgefühl! Ein letzter Gedanke an die verpatzte Präsentation am Montag, ein Erschauern im Rückblick auf das Get-together am Mittwochabend, schnell noch ein Papierkügelchen in Richtung des Kollegen im Polohemd geschnippt: Was Arbeitnehmer im Büro erleben und warum es immer wieder schön ist, wenn die Arbeitswoche rum ist - darum geht es in der Kolumne #endlichfreitag.

Gäbe es eine Rangliste der von Arbeitnehmern meistgehassten Wörter, so fänden sich neben offensichtlichen, weil zukunftsbedrohenden wie "Change Management", "Synergieffekte" oder "Einsparpotenzial" in den Top Ten auch mindestens zwei zukunftsbejahende. "Neues". Und "Projekt".

Klar, es gibt auch ausgewiesene Projektarbeiter. Jürgen Klinsmann beispielsweise, Spitzname "der Erneuerer". So einer nimmt nicht nur jede Herausforderung an, er ist sogar aktiv auf der Suche nach der nächsten Challenge (was nichts anderes als der Superlativ zu Projekt ist). Aber der durchschnittlich motivierte Arbeitnehmer wird bei der Aussicht auf ein neues Projekt ähnlich begeistert reagieren wie mutmaßlich mancher Nationalspieler bei Einführung der blauen Gummibänder: "Muss das sein? Was soll 'n das bringen?"

Natürlich kann man so nicht reagieren, wenn - sagen wir - der Chef mit der Idee für eine neue Kolumne kommt. Nur so als Beispiel. Lustlosigkeit ist im Job tabu, Motivationsfetisch angesagt. Einfach mal eine Flunsch ziehen, sowas dürfen nur hochbezahlte Fußballer wie Per Mertesacker und werden noch für ihre Bockigkeit gefeiert.

Der gemeine Arbeitnehmer hat sich für solche Gelegenheiten ein Reaktionsrepertoire antrainiert, das von "Klingt interessant, ich nehme das mal mit" bis hin zu "Wahnsinnsidee - warum bin ich darauf nicht schon selbst gekommen?" reicht. Wobei die zur Schau gestellte Begeisterung positiv mit Hierarchie (der vorschlagenden Person) und Bedürftigkeit (der mit dem Vorschlag geschlagenen Person) korreliert.

Geübte spielen ihre Antwort mit einem zustimmenden Lächeln aus, während sie gedanklich neben Per in der Eistonne meditieren.

Ich bin ein Gletscher, cool und unberührbar. Ich bin ein Gletscher, cool und unberührbar. Ich bin ein Gletscher, cool und unberührbar ...

Was natürlich nicht stimmt. Die Gletscher schmelzen weg und der Chef widerlegt das Unberührbarkeitsmantra mit einem beherzten Schulterklopfen: "Sie machen das, das wird super!" Womit Projekt und Anspruch an Selbiges mit einem Handschlag besiegelt wären.

Also los, hilft ja nichts - es folgt nach dem ersten Schock Prä-Projekt-Phase zwei: Prokrastination. Die dient zwar nicht der anstehenden Aufgabe, doch der Arbeitnehmer gelangt zu erstaunlichen Erkenntnissen. Er entdeckt, dass sich die Begriffe Glück und Unglück im gleichnamigen Gedicht von Heinrich Heine ganz wunderbar durch die Worte Motivation und Antriebslosigkeit ersetzen lassen:

Das Glück/die Motivation ist eine leichte Dirne

Und weilt nicht gern am selben Ort

Sie streicht das Haar dir von der Stirne

Und küsst dich rasch und flattert fort.

Frau Unglück/Antriebslosigkeit hat im Gegenteile

Dich liebefest ans Herz gedrückt

Sie sagt, sie habe keine Eile

Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.