Ende des Sitzenbleibens Zwischen Druck und Kuschelpädagogik

Bayern will das Sitzenbleiben in der Grundschule abschaffen. Gut, dass die Politik endlich einsieht , dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat.

Ein Kommentar von T. Schultz

Wer es am Ende doch zu etwas gebracht hat, kann mit schlechten Schulnoten und einer "Ehrenrunde" prahlen wie mit einer heldenhaft erlittenen Kriegsverletzung. Doch für Tausende Schüler ist das Sitzenbleiben einer der demütigendsten Momente ihrer Kindheit. Es ist das Symptom eines Schulsystems, das selbst wenig lernfähig ist: Statt schwächeren Schülern frühzeitig aufzuhelfen, lässt man sie sitzen. Statt ein unterschiedliches Tempo zuzulassen, soll die Klasse im Gleichschritt ihr Ziel erreichen.

Büffeln gegen das Sitzenbleiben: Wer nicht rechtzeitig mitkommt, wird zurückgelassen - bisher.

(Foto: Foto: dpa)

Es mag einzelne Fälle geben, bei denen ein Wechsel der Klassenstufe einen Schüler aufblühen lässt. Die meisten jedoch, das legen mehrere Studien nahe, werden durch das Sitzenbleiben nicht besser. Sie verbessern ihre Leistungen allenfalls kurzfristig. So unterschiedliche, aber allesamt keineswegs leistungsfeindliche Gesellschaften wie Japan, Finnland oder England kommen weitgehend ohne Sitzenbleiben in den Schulen aus. Die deutschen Kultusminister sind also nicht zu vermeintlich naiven Kuschelpädogogen mutiert, wenn auch sie vom Sitzenbleiben immer mehr abrücken.

Flexible Eingangsphase

Erste Erfolge gibt es bereits. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise ist die Zahl nicht versetzter Schüler gesunken, und Bayern will nun das Sitzenbleiben in der Grundschule zugunsten einer sogenannten flexiblen Eingangsphase abschaffen. Dieser Schritt ist vernünftig, denn Erstklässler kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule. Einige können bereits lesen, andere brauchen etwas mehr Zeit. Darauf sind die Lehrer zwar auch jetzt schon vorbereitet, eine flexible Eingangsphase könnte ihnen aber helfen, den Unterricht noch stärker auf die verschiedenen Bedürfnisse der Kinder abzustimmen.

Eine solche Reform hat allerdings auch ihre Tücken. Wenn Grundschüler die flexible Eingangsphase entweder in einem, in zwei oder in drei Jahren durchlaufen, könnte dies den (von ehrgeizigen Eltern oder Lehrern aufgebauten) Druck auf die Kinder, so schnell wie möglich die gewünschten Leistungen zu erbringen, weiter erhöhen. Schüler, die drei Jahre benötigen, werden womöglich weiterhin als "Sitzenbleiber" angesehen, auch wenn sie es offiziell nicht sind.

In Berlin jedenfalls haben Schüler und Eltern diese Erfahrung bereits machen müssen. Dort gibt es schon altersgemischte Lerngruppen und eine flexible Schulanfangsphase. Als herauskam, dass viele Kinder drei Jahre darin verweilen, entbrannte eine Debatte darüber, ob das Modell nicht gescheitert sei. In den Köpfen ist die Idee des Sitzenbleibens noch immer fest verankert. Oft ist es sehr schwer, den Schülern, die in bestimmten Fächern oder Phasen mehr Zeit benötigen als andere, Angebote zu machen, die nicht gleich wieder als Zeichen eines grundsätzlichen Scheiterns und Zurückbleibens interpretiert werden.

Sinkende Schülerzahlen

Damit flexible Modelle gelingen, müssen außerdem die Lehrer gut darauf vorbereitet sein und mehr Gelegenheit haben, sich tatsächlich um jeden einzelnen Schüler zu kümmern. Wenn das Lernen in altersgemischten Gruppen mehr sein soll als ein Sparmodell und die Antwort auf sinkende Schülerzahlen, brauchen Lehrer die nötigen Ressourcen und Freiräume, um den Unterricht zu modernisieren. Er muss offener, individueller und damit anspruchsvoller werden. Das bedeutet auch den Abschied von der Illusion, alle Schüler zum selben Zeitpunkt auf denselben Stand zu bringen.

Früher riet die Pädagogik dazu, "den Unterricht auf die Mittelköpfe zu kalkulieren"; so formulierte es Ernst Christian Trapp, der erste deutsche Pädagogik-Professor, Ende des 18. Jahrhunderts. Auf unterschiedliche Lernwege und Tempi wurde keine Rücksicht genommen. Das traditionelle Sitzenbleiben folgt noch dieser alten Pädagogik: Wer nicht rechtzeitig mitkommt, wird zurückgelassen. Moderne Pädagogen folgen einer anderen Logik: Jedes Kind bekommt die Zeit, die es braucht - aber keines bleibt sitzen.

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