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Elite-Unis in München:Das Elend der Massen

Zimmermann: Auch im internationalen Vergleich muss man differenzieren. Irreführend ist der Versuch von Politikern, unsere Universitäten pauschal mit denen in den USA zu vergleichen - damit entsteht ein völlig verzerrtes Bild. Die 400 schlechten Universitäten dort, Provinz-Hochschulen, die mitunter nicht einmal das Niveau einer gymnasialen Oberstufe bei uns halten, kommen in dieser Diskussion nie zu Sprache. Andernfalls wären deutsche Universitäten schon jetzt Spitze.

Täger: Betrachtet man die Ausgaben je Studierenden im OECD-Vergleich, so liegt Deutschland bei den Ausgaben für die Lehre auf Höhe des OECD-Ländermittels. Bei Investitionen für Forschung und Entwicklung liegt Deutschland dagegen in der Spitzengruppe. Das zeigt deutlich die Prioritäten: Das deutsche Hochschulsystem ist nach wie vor ein Forschungsmodell. In Großbritannien ist das anders, dort wird sehr großen Wert auf die Persönlichkeitsbildung gelegt, das französische ist ein reines Ausbildungsmodell.

Zimmermann: Der politische Wille in Deutschland ist offenbar, sich dem britischen Modell weitgehend anzunähern: Das achtjährige Gymnasium und das zweistufige Studienmodell mit Bachelor und Master sorgen dafür, dass auch wir rund 80 Prozent der Absolventen künftig mit 20 oder 21 mit einem Bachelor ins Berufsleben entlassen sollen. Wir bekommen also einer Art zusätzlicher Sekundarstufe. In England aber werden die jungen Leute betreuungsintensiv an den Universitäten unterrichtet und machen erst danach in den Unternehmen eine eigentliche Berufsausbildung. Nach diesem Modell hätte ich übrigens nicht Universitätsprofessor in München werden können. Denn ich habe mir den Luxus erlaubt, mich erst mit 25 zu entscheiden, meinen Schwerpunkt in der Wissenschaft und in der Alten Geschichte zu setzen. Solche Karrieren wird es zukünftig nicht mehr geben. Das ist gerade für Geisteswissenschaften fatal; der Nachwuchs dort braucht eben einen Reifungsprozess, um die Dinge sozusagen tief und weit denken zu können, und nicht schon mit 21 Jahren für immer auf eine Sache festgelegt zu sein.

SZ: Kann es unter solchen Bedingungen überhaupt eine Ausbildung geben, die die Nachwuchswissenschaftler zur viel beschworenen Spitzenforschung befähigt?

Täger: Eine geordnete Doktorandenausbildung in Graduiertenkollegs etwa, wie sie die Exzellenz-Initiative fördert, kann ich nur begrüßen. So wie ein Großteil des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Geistes- und Sozialwissenschaften derzeit promoviert - mit der Belastung in der Lehre, der Betreuungssituation - ist das nicht zielführend.

Honesz: Die schärfere Auswahl beim Übergang etwa von Bachelor- zum Master-Studium oder bei der Auswahl für die zusätzlichen Eliteprogramme benachteiligt diejenigen, die weniger Zeit haben fürs Studium, weil sie arbeiten müssen - tendenziell also die Kinder aus weniger wohlhabenden Familien.

Zimmermann: Wir leben heute noch mit der Illusion, dass wir das wissenschaftliche Niveau in der Lehre halten können. Das wird nicht gehen. Die Zahl der Lehrveranstaltungen ist beim Bachelor deutlich höher als beim herkömmlichen Magister, gleichzeitig aber sollen die Studienzeiten vier Semester kürzer sein. Wie sollen die Studenten diesen dichten Stundenplan bewältigen, ganz abgesehen davon, dass viele von ihnen nebenher arbeiten müssen?

SZ: Forciert die Exzellenz-Initiative, die nur auf die Forschung ausgerichtet ist, die Trennung von Forschung und Lehre?

Täger: Nach wie vor besteht eine Hierarchie in der Bewertung zwischen Forschung und Lehre. Vorzeigbare Erfolge hat man in der Forschung, sichtbar durch das Publikationssystem. Nur so wiederum bekommt man neue Ressourcen, Forschungsgelder, Stellen. Von einer guten Lehre hat man eigentlich nicht viel - außer ein noch höheres Arbeitspensum, weil der Zulauf größer wird.

Zimmermann: In den neuen Studiengängen müssen wir den Erfolg in den Lehrveranstaltungen viel stärker abprüfen, auch in den Vorlesungen. In diesem Semester habe ich ungefähr 280 Hörer in der Vorlesung. Wenn ich mir vorstelle, dass ich die alle prüfen müsste. . . Aber zurück zu Ihrer Frage: An der LMU denkt man bereits darüber nach, die Professoren nach Lehrern und Forschern aufzuteilen. Das wäre für die Ausbildung fatal, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Wenn man nicht ständig eigene Forschungsarbeiten verfolgt, verpasst man den Anschluss an den aktuellen Forschungsstand und nimmt diesen kaum mehr wahr. Wie soll man ihn dann aber an den Nachwuchs weitergeben?

Täger: Trotzdem, wenn Bund und Länder mit dem Hochschulpakt, um den sie sich derzeit noch streiten, tatsächlich zusätzliches Geld für so genannte Lecturer, für zusätzliche Lehrkräfte also, in die Universitäten geben, sollten die sich dem nicht verschließen. Die strikte Trennung jedoch zwischen Lehr- und Forschungsprofessuren wird sich in Deutschland sobald nicht durchsetzen.

Zimmermann: Da bin ich pessimistischer, der Umbau wird kommen.

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