Elite-Unis Akademischer Besuchszirkus

Dank "Exzellenzinitiative" erweitert sich die Parallelwelt innerhalb der Wissenschaft: Elite-Unis wissen nicht, wohin mit ihrem vielen Geld. Die anderen Hochschulen werden dagegen knapp gehalten.

Von J. Schloemann

Wir haben einen neuen Plural. Man schnappt ihn auf, wenn man am Rande von akademischen Veranstaltungen mit Wissenschaftsfunktionären plaudert. Der neue Plural lautet: "Die Sassen".

Elite-Uni: Denker und Forscher sollen vor der wachsenden Massenuniversität gerettet werden.

(Foto: Foto: ddp)

Es handelt sich bei den Sassen nicht etwa um die nachlässig ausgesprochenen Sachsen. Oder um sonst irgendeinen Volksstamm zwischen den Sorben und den Schwaben. Nein, die Sassen stehen im Profi-Jargon für die Umwandlung von Einrichtungen wissenschaftlicher Exklusivität in ein neues Massenphänomen. Denn deshalb braucht man jetzt die neue Mehrzahl: Sie bezeichnet die deutsche Inflation der "School of Advanced Study". Kurz: SAS, Plural: Sassen.

Das Modell einer solchen Einrichtung ist erst einmal paradiesisch: Die klügsten Köpfe von überallher treffen sich für ein Jahr an einem schönen Ort. Sie bekommen in dieser Zeit bequemste Wohn- und Bibliotheksbedingungen und keine weitere Verpflichtung außer der zur intellektuellen Arbeit und zum Umgang mit den anderen Gästen.

Refugium für die Besten

Dieses Convivium ist als moderne Nachfolge des geistesaristokratischen Gelehrtenaustauschs, der Gesprächs- und Besuchskultur in Antike und Frühmoderne organisiert. Es will diese Kultur, aus der die Gattung des philosophischen Dialogs hervorgegangen ist, institutionell wiederbeleben: als ein Refugium für die Besten, als Oase für seine "Fellows" inmitten einer immer funktionalistischer werdenden Gesellschaft.

Das glänzende Vorbild liefert das 1930 gegründete "Institute for Advanced Study" in Princeton, dessen berühmtester Gast Albert Einstein war. Nach und nach gründete man in den letzten Jahrzehnten ähnliche Einrichtungen in Europa, auf dem Kontinent also, der einst selbst das Modell der Gelehrtenakademie und der Universität in die Welt gebracht hatte.

Jetzt aber wurden in Europa wieder neue Freiheitsräume geschaffen, um die bedeutendsten Denker und Forscher vor ihrer alltäglichen, aber bedrohten akademischen Freiheit wenigstens eine Zeitlang zu retten: nämlich vor der wachsenden Massenuniversität. So entstand beispielsweise 1970 das Netherlands Institute for Advanced Study in Wassenaar (zwischen Leiden und Den Haag), das Wissenschaftskolleg im Berliner Grunewald (1981) oder das Swedish Collegium for Advanced Study in Uppsala (1985). Oder das Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst (1997). In Delmenhorst!

Beispiellose Gründungswelle

Mussten schon diese sich langsam vermehrenden exklusiven Institute um ihre herausgehobene Reputation und um die akademischen Stars ringen, die oft von einem zum nächsten ehrenvollen Stipendium reisen, so erleben wir jetzt in Deutschland eine beispiellose Gründungswelle. Die neuen "Sassen", die nach dem Vorbild von Princeton immer mehr Professoren aus dem Lehrbetrieb herausziehen, um das neue Institut mit dem Forscher und den Forscher mit dem Institut zu schmücken, diese Sassen sind dabei nicht mehr unabhängig von den Universitäten installiert, sondern innerhalb der jeweiligen Universität.

Der Grund ist die "Exzellenzinitiative". Beinahe jede Universität, die im vorletzten und im vergangenen Jahr für ihr "Zukunftskonzept" den Zuschlag als sogenannte Eliteuniversität bekommen hat, hat ein aus ihrer Sicht weltexklusives neues Besuchsinstitut gegründet oder ist kurz davor. Damit erweitert sich die auf Fünfjahresplänen gebaute Parallelwelt innerhalb der Universitäten: Welt Nummer eins sind die temporären Exzellenzeinrichtungen, die gerade in den Geisteswissenschaften oft gar nicht wissen, was sie mit ihrem vielen Geld machen sollen, und die deswegen eigene Pressesprecher einstellen, flugs weitere Besucher anlocken, indem sie eine weitere Tagung organisieren, die das akademische Reisen insgesamt intensivieren und sich von Agenturen einen hübschen Briefkopf für ihren neuen englischen Namen entwerfen lassen. Welt Nummer zwei, oft nur wenige Meter entfernt, ist der normale Institutsbetrieb mit der lästigen Einheit von Lehre und Forschung, mit übervollen Seminaren und im weltweiten Exzellenz-Vergleich lächerlich knapp gehaltenen Etats und Bibliotheken.

Auf der nächsten Seite: Wie im Wissenschaftsbetrieb alle versuchen, aus der Welt Nummer zwei in die Welt Nummer eins zu gelangen.

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