Einstieg in die Arbeitswelt:Ängste und Entscheidungsdruck

Lesezeit: 10 min

"Das ist eine Entscheidung, die das ganze Leben meiner Tochter bestimmt."

In ihren Beratungen stößt Sibylle Riese häufig auf die große Angst, einen gravierenden Fehler zu machen - schließlich entscheidet man sich nicht nur für einen Weg, sondern vor allem auch gegen Tausende andere Optionen. Sie versucht den Jugendlichen und ihren Eltern klar zu machen, dass die Berufswahl nur der erste Schritt ist. "Weiterbildungen, Spezialisierungen und Wechsel sind heute absolut üblich", sagt sie. Die Zufriedenheit im Berufsleben hänge nicht nur von der Wahl des Berufes, sondern auch von der eigenen Entwicklung, den Umständen im Betrieb, den Kollegen und vielen weiteren Faktoren ab.

"Innerhalb eines Berufslebens gibt es viele Wege und Möglichkeiten", bestätigt Sabine Gärtner. Erst vor Kurzem hat sie eine junge Frau beraten: "Das Mädchen war unglaublich vielseitig interessiert, hat Gedichte geschrieben, dem Vater in der Kfz-Werkstatt geholfen, ist Motorcross gefahren - und war nun völlig verunsichert, wie sie von ihren vielen Interessen zu einem Berufswunsch kommen sollte." In der Beratung hat Gärtner mit ihr schließlich die Kernsätze erarbeitet: "Hadere nicht so viel" und "Weniger ist manchmal mehr". Aus all den Wünschen und Ideen hat sich am Ende der Beruf der Erzieherin herauskristallisiert. Die Frage ist jetzt nur noch, ob eine Ausbildung das Richtige ist oder ein Pädagogik-Studium.

"Mein Kind ist noch so unselbständig - wenn ich da nicht Druck mache, passiert nichts."

Sibylle Riese lässt Jugendliche, die mit ihren Eltern zur Beratung kommen, oft auf einer Skala einzeichnen, wie viel Verantwortung sie selbst für ihren Schulabschluss oder ihre Bewerbung übernehmen und wie viel ihre Eltern. "Oft sind Mütter und Väter total erstaunt, wenn das Kind die Elternverantwortung bei 70 Prozent sieht." Vielen Eltern muss Riese dann erst einmal vermitteln, dass ihre Kinder nur dann selbständig werden können, wenn sie dafür auch den Raum bekommen. "Das bedeutet auch, dass die Eltern nicht jeden Tag nachhaken, wie es denn nun mit der Bewerbung aussieht."

Auch Sabine Gärtner erlebt Mütter, die mit ihren fast erwachsenen Söhnen vor ihr sitzen und sagen: "Wir wollen Management studieren!" Den meisten kann sie dann sehr schnell klarmachen, wie vereinnahmend sie gegenüber ihren Kindern sind. Doch schließlich gehe es für die Jugendlichen darum, selbst eine Entscheidung zu treffen.

"Ich bin unsicher, wie viel ich meinem Sohn beim Bewerben helfen soll."

Die Formalitäten, das Anschreiben, ein Vorstellungsgespräch - das Thema Bewerbung überfordert tatsächlich viele Jugendliche. Dennoch ist es wichtig, die Kinder zwar zu unterstützen, ihnen aber nicht die gesamte Verantwortung abzunehmen.

"Gerade kam eine Mutter, selbst Akademikerin, zu mir, die ihrem Sohn perfekte Bewerbungsunterlagen zusammengestellt hat", berichtet Sibylle Riese. "Das Anschreiben war so abgehoben, dass auf den ersten Blick zu erkennen war, dass der Junge das unmöglich selbst geschrieben haben kann." Sie empfiehlt stattdessen, dass die Jugendlichen selbst die Bewerbung schreiben und die Eltern erst danach einen Blick darauf werfen.

Immer wieder erlebt Riese, dass Eltern ihre Kinder emotional überschätzen. "Da steht dann dieser große Kerl von einem jungen Mann vor Ihnen, aber wenn es um das Thema Bewerbungsgespräch geht, hat auch der hinter seiner Coolness ganz große Ängste und Unsicherheiten." Die Beraterin rät Eltern nachzufragen: "Na, wie ist dir zumute?"

Gerade wenn eine Absage kommt, ist es wichtig, dass die Eltern ihren Kindern emotionalen Rückhalt geben. "Seien Sie einfach da für Ihre Kinder, achten Sie auf deren Emotionen, machen Sie Mut!"

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