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Ehrenamt:Idealisten führen

Ammo Recla, Leiter des Freiwilligenmangements bei Oxfam.

(Foto: Oxfam)

Freiwilligenmanager müssen gut organisieren können - und rechtzeitig merken, wann sich Ehrenamtliche überfordern.

Interview von Jutta Pilgram

In Deutschland arbeiten 31 Millionen Menschen ehrenamtlich - bei der Feuerwehr, im Sportverein oder bei Entwicklungsorganisationen wie Oxfam. Allein in den 55 Oxfam-Secondhandläden sind bundesweit 3400 Freiwillige tätig und verkaufen gespendete Dinge für den guten Zweck. Ihre Arbeit betreut und koordiniert Ammo Recla, Leiter des Freiwilligenmanagements.

SZ: Herr Recla, was macht ein Freiwilligenmanager?

Ammo Recla: Die Arbeit ähnelt ein wenig dem Personalmanagement - mit dem Unterschied, dass Personalmanager mit Hauptamtlichen zu tun haben und wir mit Ehrenamtlichen. Bei Oxfam sind wir ein Team von vier Personen. Wir entwickeln Konzepte, organisieren Veranstaltungen, bieten Qualifikationen an und arbeiten eng mit den hauptamtlichen Shop-Referentinnen zusammen, die mit Unterstützung der ehrenamtlichen Shop-Leitungen vor Ort den Einsatz der Freiwilligen steuern. Wir sind also für die übergeordnete Planung und den Rahmen zuständig.

Was bedeutet das?

Wir überlegen uns zum Beispiel: Wie sieht ein Ehrenamt im besten Fall aus? Welche Ausbildung oder Begleitung brauchen Ehrenamtliche, um ihre Tätigkeit gut ausführen zu können? Was können wir von ihnen erwarten, und wo liegen die Grenzen?

Und: Wo liegen die Grenzen?

Wir müssen darauf achten, dass sich die Freiwilligen nicht verausgaben. Das klingt vielleicht ein bisschen dramatisch, aber manche brennen so sehr für ihr Ehrenamt, dass sie über ihre Grenzen hinausgehen. Da ist es unsere Aufgabe, einen Rahmen zu setzen, der sie nicht ausbrennen lässt. Da haben wir eine ganz klare Fürsorgepflicht.

Im Gegensatz zu anderen Personalmanagern sind Sie nicht weisungsbefugt. Freiwillige unterschreiben schließlich keinen Arbeitsvertrag.

Doch, es gibt einen Vertrag über ehrenamtliche Mitarbeit. Das ist wichtig, damit die Freiwilligen wissen, was sie von uns erwarten können, und auch, was wir von ihnen erwarten. In dieser Hinsicht sind wir viel professioneller geworden. Als ich vor gut 20 Jahren in diesem Bereich anfing, machten noch alle irgendetwas. Mittlerweile ist klar, dass man für ein längerfristiges Ehrenamt eine Vereinbarung braucht.

Was machen Sie, wenn Freiwillige ihre Aufgabe nicht ernst genug nehmen und beispielsweise unzuverlässig sind?

Das kommt natürlich vor, aber nur selten. Ehrenamt hat immer mit hoher Fluktuation zu tun. Aber weil es bei uns um ein sehr spezielles Ehrenamt geht, ist eine hohe Zuverlässigkeit nötig. Ehrenamtliche im Einzelhandel können nicht sagen: Heute habe ich keine Lust und lass den Laden zu. Das ist der Kundschaft nicht zu vermitteln. Wer so ein flexibles Ehrenamt sucht, ist bei uns nicht gut aufgehoben. Entsprechend sammeln sich bei uns auch eher Leute, die ohnehin sehr zuverlässig sind.

Die passenden Leute zu finden, gehört auch zu Ihrem Job. Wo lernt man das?

Bisher gibt es weder eine Ausbildung zum Freiwilligenmanager noch ein grundständiges Studium. Manche Unis oder die Akademie für Ehrenamtlichkeit bieten Weiterbildungen an. Einige Stiftungen und große NGOs haben eigene Ausbildungen für ihre Freiwilligenmanager, etwa der Paritätische Wohlfahrtsverband. Ansonsten gilt in diesem Beruf: Man muss selbst gut organisiert sein und andere gut organisieren können. Auch strategisches Denken, pädagogisches Wissen, eine hohe Kommunikationskompetenz und eine strukturierte Arbeitsweise sind wichtig, zum Beispiel im Umgang mit der Datenbank. Die braucht man bei 3400 Personen. Man kann daran auch Entwicklungen ablesen, die für die Planung und die Suche nach neuen Freiwilligen wichtig sind. Brauchen wir eher Jüngere oder eher Ältere? Wie gelingt die zielgruppenspezifische Ansprache?

Eignet sich der Beruf auch für Quereinsteiger?

Ja, unbedingt. Ich bin Diplom-Pädagoge, aber ein Studium ist keine Voraussetzung. Wichtiger ist, dass man ein Herz für Menschen und für deren Befindlichkeiten hat. Gerade im Ehrenamt treffen sehr unterschiedliche Menschen aufeinander, daher sollte man bei Konflikten vermitteln und in Gruppen moderieren können. Und man muss offen sein. Ich finde es großartig, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die etwas in der Gesellschaft bewegen wollen, die Verantwortung übernehmen und sich einbringen - anstatt nur am Stammtisch zu sitzen und zu jammern.

© SZ vom 28.11.2020
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