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Uni Erlangen-Nürnberg:Tüfteln für eine bessere digitale Didaktik

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ist federführend in Online-Lehre und Medienpädagogik: Studierende und Wissenschaftler, aber auch externe Besucher experimentieren mit modernen Lernformaten für verschiedene Zielgruppen.

Von Holger Pauler

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) steht seit knapp 300 Jahren für Innovation. Justus von Liebig, Nobelpreisträger für Chemie, war hier eingeschrieben, auch der große Physiker Georg Simon Ohm. Aktuell gehört sie bundesweit zu den Vorreitern der Digitalisierung. In der Virtuellen Hochschule Bayern (VHB), dem gemeinsamen Online-Campus der Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Bayern, bietet die FAU circa 80 Kurse an, so viele wie keine andere Hochschule in Bayern. Das Themenspektrum reicht von Softwareentwicklung für Ingenieure über Radiologie bis hin zur Filmdidaktik und Filmästhetik. Die VHB richtet sich mit ihren Angeboten an Studierende und Lehrende der Hochschulen in Bayern, im Bereich Open-VHB könne sich auch andere Interessenten kostenfrei mit Online-Kursen bayerischer Hochschulen und Universitäten weiterbilden.

Mit circa 39 000 Studierenden ist die FAU die drittgrößte Hochschule in Bayern. Sie betreibt Campusse in Nürnberg, Fürth und Erlangen und ist an weiteren Standorten aktiv, zum Beispiel in der Dr.-Remeis-Sternwarte in Bamberg. Zu den wichtigsten Fächern, die sie anbietet, gehören Maschinenbau, Medizin, Chemie und Physik. Darüber hinaus ist die FAU für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern bekannt.

Tashina Voit studiert Deutsch und Englisch auf Lehramt und parallel dazu Germanistik und Theater- und Medienwissenschaft auf Bachelor. "Ich wollte meine Leidenschaft für Theater und digitale Medien auf mein Lehramtsstudium übertragen", sagt Voit. Deshalb habe sie sich im vergangenen Herbst für den Kurs Medienpädagogik an der FAU angemeldet - eine Zusatzqualifikation, die sie für sehr wichtig hält. Das Erweiterungsfach Medienpädagogik wurde erstmals vor 15 Jahren fakultativ an der FAU angeboten. An der Hochschule müssen sich von diesem Wintersemester an alle Lehramtsstudierenden mit medienpädagogischen Grundlagen befassen.

Im Lehramtsstudium geht es auch um eine kritische Sicht auf das Internet

Das Erweiterungsfach Medienpädagogik gliedert sich in die vier Lernbereiche Medienerziehung, Mediendidaktik, Mediengestaltung und Informationstechnische Grundkenntnisse. Die Studierenden sollen unter anderem erlernen, wie analoge und digitale Medien im Unterricht eingesetzt werden können, wie sie sich mit den "medialen Lebenswelten" von Kindern und Jugendlichen besser vertraut machen und den Nachwuchs für einen kritischen Umgang mit verschiedenen Internet-Angeboten sensibilisieren können. "Das Fach bietet den Studierenden einen umfassenden Blick auf den Schulalltag", sagt Danny Herzog. Der 23-Jährige studiert Gymnasiallehramt mit der Fächerverbindung Wirtschaft und Recht, Geografie und eben: Medienpädagogik. Der ganzheitliche Blick sei ihm besonders wichtig, "da digitale Bildung alle Fächer betrifft".

Am Kompetenzzentrum ILI können auch Gäste interaktive Formate ausprobieren

Medienpädagogik ist ein wichtiges Fachgebiet des Instituts für Lern-Innovation (ILI), das als Herzstück der Digitalisierung der Lehre an der FAU gelten kann. Das ILI sei ein Ort, an dem gemeinsam mit anderen universitären Lehrstühlen an innovativen Lernstrategien und Kursformaten getüftelt werde, sagt Voit. Ein interdisziplinäres, international vernetztes Team aus circa 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Geistes- und Technikwissenschaften befasst sich mit dem Thema digitales, mediengestütztes Lernen für verschiedene Zielgruppen - von Schulkindern bis hin zu Seniorinnen und Senioren.

Die Studierenden nutzen am ILI die E-Learning-Plattform Stud-On, auf der Immatrikulierten aller Fakultäten mediale Lerninhalte bereitgestellt werden. Stud-On steht zudem Lehrenden und Verwaltungskräften sowie Gästen, VHB-Studierenden und Kooperationspartnern der FAU zur Verfügung. Vom Up- und Download einzelner Dateien bis hin zu aufwendig gestalteten, interaktiven Selbstlerneinheiten ist das Spektrum sehr vielfältig. Die Nutzerzahlen sind zuletzt deutlich angestiegen. "Im Monatsdurchschnitt wurden im Jahr 2019 etwa 10 000 Tests durchgeführt, bei denen es darum ging, den eigenen Wissensstand zu überprüfen, im ersten Halbjahr 2020 waren es gut 45 000", sagt Rudolf Kammerl, Leiter des Lehrstuhls für Pädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik.

Blended Learning kombiniert digitales und analoges Lernen

Insbesondere die Vorlesung "Allgemeine Pädagogik II: Pädagogische Anthropologie und Sozialisationstheorien", die Kammerl seit dem Wintersemester 2019 im Blended-Learning-Format anbietet, zeigt das Potenzial der Digitalisierung. Blended Learning bezeichnet die Kombination von analogen und digitalen Formaten. Bis zu 350 Studierende nehmen das Angebot pro Semester wahr. Die Vorlesung ist in zwölf Module aufgeteilt, die Schritt für Schritt bearbeitet werden können. Nach drei Modulen können Studierende ein kurzes Quiz machen, um ihr Wissen zu testen. "Hilfreich ist es auch, dass man am Ende jeder Einheit Vorlesungsfolien herunterladen und ausdrucken kann. Somit erreicht der Kurs auch Studierende, die besser in Papierform lernen können", sagt Tashina Voit. Außerdem gebe es regelmäßig die Möglichkeit, sich mit anderen Studierenden und dem Dozenten im Online-Meeting über vergangene Module auszutauschen.

Entscheidend ist allerdings auch, dass das Format so umgesetzt wird, dass es den Beteiligten einen Mehrwert bringt. Danny Herzog sieht gerade hier Optimierungsbedarf: "Leider ist es so, dass manche Lehrkräfte und Studierende den Begriff Blended Learning mit dem Einsatz digitaler Medien gleichsetzen. Das spiegelt nicht den Grundgedanken wider", sagt er. Vielmehr bedeute Blended Learning, sich Wissen in Eigenregie zu Hause auch mithilfe von Online-Medien anzueignen. In der Präsenzzeit gehe es darum, offene Fragen zu klären und miteinander zu diskutieren. Das neue "Labor für digitales Lehren und Lernen an Schulen" der FAU soll ebenfalls dazu beitragen, das Angebot der digitalen Didaktik auszubauen. Dozentinnen und Dozenten der Fachdidaktiken und Erziehungswissenschaften können sich dort individuell beraten lassen.

Neue Perspektiven in Sachen Digitalisierung tun sich auch in der unmittelbaren Nachbarschaft der FAU auf: Am 1. Januar nahm die Technische Universität Nürnberg den Betrieb auf. Als erste Universität im Freistaat wird sie überwiegend englischsprachige Studiengänge anbieten. Sie ist international, interdisziplinär und - in Lehre wie in Verwaltung - digital angelegt.

"Da die TU digital ausgerichtet sein wird, sollte eine Zusammenarbeit mit unseren Instituten nicht allzu kompliziert sein", meint Kammerl. Er sehe sie daher eher Partner und weniger als Konkurrent auf dem Weg dahin, die Hochschulen zu vernetzen und zu digitalisieren. Ein Prozess, der längst im vollen Gange ist und die Hochschullandschaft der Zukunft prägen wird.

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