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E-Learning-Experte:"Das ist wie ein Marathonlauf"

Auch im Fernstudium sollte es Möglichkeiten geben, einander persönlich zu begegnen, findet Burkhard Lehmann .

(Foto: privat)

Was die Qualität eines Fernstudiums ausmacht, und worauf es ankommt, damit es gelingt.

Das Zentrum für Fernstudien und Universitäre Weiterbildung (ZFUW) der Universität Koblenz-Landau gehört zu den ältesten Einrichtungen für digitales Lernen an Hochschulen in Deutschland und hat sich auf berufsbegleitende Fernstudiengänge für Akademiker spezialisiert. Burkhard Lehmann ist Geschäftsführer des ZFUW und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium. Schon sein ganzes Berufsleben beschäftigt sich der 66-Jährige mit dem Fernstudium. Er weiß, dass es schwierig sein kann, vom Studienbeginn bis zum Ende am Ball zu bleiben und erklärt, wie man das schafft.

SZ: Sie haben Erziehungswissenschaften studiert und in Soziologie promoviert. Wie kam es dazu, dass Sie zum Spezialisten für Distance Learning wurden?

Burkhard Lehmann: Durch Zufall. Ich traf vor vielen Jahren einen Kollegen, der mir erzählte, er sei Mentor bei der Fernuniversität Hagen geworden. Das hat mich neugierig gemacht. Ich kannte zwar das ganz klassische universitäre Ausbildungssystem, aber wie eine Institution funktioniert, die ihr Lehren und Lernen mediatisiert hat, war mir unbekannt. So habe ich mich damals selbst bei dieser Hochschule als Mentor beworben. Bald habe ich gemerkt: Das ist attraktiv, es lohnt sich, sich mit dieser besonderen Form des Lehrens und Lernens auseinanderzusetzen. Inzwischen ist das schon fast eine Art Hobby geworden.

Haben Sie das Fernstudium selbst mal ausprobiert?

Ja. 1997 habe ich mich an der British Columbia University Vancouver für das Kursangebot "Teaching with Technology" eingeschrieben und war dort über neun Monate Online-Student, der damals mit einem der ersten Learning-Management-Systeme Bekanntschaft gemacht hat. Da habe ich gemerkt, wie es ist, neben einer ganz normalen Berufstätigkeit ein Fernstudium zu absolvieren, und das in einem internationalen Kontext. Besonders beeindruckend fand ich, zu erleben, wie Diskussionen rund um die Sonne stattfinden - je nachdem, in welcher Zeitzone die Teilnehmer sind. Aber man erfährt auch, dass dies eine Herausforderung ist, auf die man sich einstellen muss.

Welche Schwierigkeiten birgt ein Fernstudium?

Wenn man neben einer ganz regulären beruflichen Tätigkeit noch ein Lernangebot annimmt, muss man dafür genügend Zeit und Motivation mitbringen. Sich nach einem normalen Acht-Stunden-Tag noch einmal hinzusetzen, Lektionen durchzugehen, Aufgaben neu zu bewältigen, das ist nicht so ganz leicht, wenn Sie gleichzeitig feststellen, dass Ihre Kolleginnen und Kollegen zur Grillparty gehen oder sich nett unterhalten, während Sie noch Ihr Päckchen Arbeit zu erledigen haben. Wenn Sie in einem familiären Kontext leben, geht der ja auch weiter. Sie müssen mehr leisten als alle anderen. Das ist wie ein Marathonlauf, den man da auf sich nimmt. Da muss man schauen, dass man nicht auf halber Strecke stecken bleibt.

Das Lernen auf Distanz ist keine autodidaktische Veranstaltung und funktioniert nicht nach dem Motto: Ich gehe in die Bibliothek, leihe mir ein Buch aus, komme zu einem Ergebnis oder schaue mir ein Video an. Ein Online-Studium ist, sofern es gut ist, ein begleitetes oder angeleitetes Studium. Dennoch müssen Sie sich selbst organisieren. Die gesamte Lernumgebung, die Sie normalerweise an einer Schule oder Hochschule haben, ist in dieser Form nicht verfügbar. Auch die soziale Kontrolle fehlt - Sie gehen ja nicht mit ihren Kommilitonen in eine Vorlesung oder treffen sich im Seminar.

Was heißt Selbstorganisation, wie kann das funktionieren?

Man muss sich Lernzeiten vornehmen, etwa so: An diesem oder jenem Tag ist dieses oder jenes Lernpensum dran. So haben Sie eine Regelmäßigkeit, die gibt Struktur. Beim Fernstudium muss man damit zurechtkommen, dass man nicht unmittelbar und sofort jemanden fragen kann, wenn man mit einer Problemstellung nicht weiterkommt. Sondern man schiebt diese Fragen auf für einen späteren Zeitpunkt, wenn man Kontakt zu einem Mentor oder Tutor oder zu Kommilitonen hat. Außerdem müssen Sie sich selbst motivieren, damit Ihr Vorhaben auch zu einem Abschluss kommt. Und damit Sie zwischendurch nicht aufgeben oder enttäuscht darüber sind, dass andere in der gleichen Zeit ein vergnüglicheres Leben haben als man selbst.

Auf welche Weise kann man sich selbst motivieren?

Man kann große Ziele in kleine Ziele zerlegen und sich dafür das Lernpensum in Häppchen einteilen. Hat man die einzelnen Etappen erreicht, gibt es eine Belohnung. Oder man redet sich selbst gut zu. "Ich schaffe das, ich werde bald meinen Abschluss haben." Man kann sich auch bereits erreichte Leistungen vor Augen halten und sich sagen: "Das habe ich alles schon geschafft." Klar ist aber auch, dass man für ein Fernstudium Frustrationstoleranz braucht - und die Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben.

Was ist effektiver - ein Präsenzstudium oder ein Fernstudium?

Wenn man die Zeit und die Gelegenheit hat, eine Hochschule zu besuchen, hat man die großartigste Lernumgebung, die man sich vorstellen kann. Sie haben Bibliotheken, Sie haben Kommilitonen, Sie haben Lehrende, alles ist vor Ort. Wenn das nicht möglich ist, etwa, weil man schon im Beruf steht und nicht auf sein Gehalt verzichten kann oder will, ist das Fernstudium die zweitbeste Alternative, und sie wird immer besser, weil sich die Technologien immer weiter entwickeln. Geeignet ist ein Fernstudium für alle, die nicht die Zeit und die Gelegenheit haben, eine ganz normale Bildungseinrichtung aufzusuchen. Etwa, weil diese zu weit weg ist. Oder weil Sie arbeiten müssen.

Haben die heutigen Studierenden bessere Voraussetzungen für ein Fernstudium, da sie als Digital Natives aufgewachsen sind?

Fernstudium ist ein Lehren und Lernen in Einsamkeit und Freiheit, könnte man mit den Worten von Wilhelm von Humboldt sagen. Das galt vor 30, 40 Jahren, als die Kommunikation vielfach über Brief oder Telefon lief. Heute sind wir in einer Situation, in der wir viel mehr Möglichkeiten haben. Die Anzahl der Kommunikationsinstrumente ist gigantisch gestiegen. Neben den Lernplattformen der Bildungsanbieter mit integrierten Chat- und Video-Funktionen sowie Möglichkeiten zum Monitoring nutzen die Studierenden Messenger-Dienste, um sich untereinander auszutauschen - wie im Alltag ja auch.

Gerade im Fernstudium wird immer wieder mit neuen Werkzeugen experimentiert. Was halten Sie davon?

Man muss sich immer um die Alltagstauglichkeit kümmern und prüfen, ob man damit alle Studierenden erreicht. Eine Zeit lang haben Bildungsanbieter mit selbst entwickelten Learning-Management-Systemen experimentiert, das war nicht immer erfolgreich. Neuerdings erproben einige Anbieter zum Beispiel Chat-Bots, also Dialogsysteme, die das Chatten mit einem technischen System ermöglichen. Ein weiteres Beispiel ist der Einsatz von Learning Analytics: Mithilfe von Datenanalyse-Tools sollen Lernfortschritte oder Mengen an zu bewältigendem Stoff gemessen werden oder Probleme beim Vermitteln und Aneignen von Wissen, um daraus dann künftige Leistungen vorauszuberechnen und potenzielle Problembereiche aufzudecken.

Was ist mit Fernstudiengängen, bei denen ein direkter Kontakt sehr wichtig ist, etwa im Bereich Gesundheit, Handwerk oder Soziales? Wo kommt das Fernstudium da an seine Grenzen?

Fächer wie Soziologie oder Theologie lassen sich gut im Modus des Fernstudiums abbilden. Texte kann man weitergeben, lesen, darüber diskutieren, auch online. Schwieriger wird es, wenn es um die Ausbildung von Handlungskompetenzen geht, etwa um Arbeiten in Laboren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man etwa eine Zuchtanlage für Pflanzen zu Hause simulieren kann. Oder bei Gesundheitsberufen die Ausbildung am Bett, die können Sie nicht am Monitor machen. Das trifft auch für die Vermittlung von sozialen Kompetenzen zu. Natürlich haben wir Möglichkeiten, einen Teil davon über digitale Medien abzudecken. Kommunikationstraining beispielsweise, das geht auch in einer Videokonferenz. Aber dennoch besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen einer realen Begegnung mit einem Menschen oder einer digitalen, das haben wir in den letzten Wochen deutlich gemerkt. Deshalb sollte man auch im Fernstudium Räume für reale Begegnungen schaffen.

© SZ vom 05.06.2020
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