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Duzen im Job:"Suzen" nennt sich das Rumgeeiere zwischen Sie und Du

So sicher den Konzernen bei ihren Duz-Coups die Aufmerksamkeit der Medien ist, so sicher sind die Fallstricke, die sie damit auslegen. Duzen klingt nach Vertrauensvorschuss, es fördert eine Erwartungshaltung, es legt Kumpanei nahe, wo oft keine ist und es keine geben sollte. Duzen einen die Vorgesetzten, müssen sie es gut mit einem meinen - so das gängige Missverständnis. Wo es persönlicher zugeht, wird vieles persönlicher genommen.

Aber auch das freundlichste Du ändert nichts daran, dass ein Arbeitsverhältnis vorliegt. Ein "Nein" beim anstehenden Auftrag oder gar in der Gehaltsverhandlung kann da verletzen. Das alte "Sie" hatte eine Schutzfunktion, das neue "Du" hilft oft ausgebufften Chefs. Sie können mit vermeintlicher Kumpelhaftigkeit weiter bestehende Hierarchien verschleiern, einen Befehl in Watte packen, unangenehme Aufträge geschickt kaschieren ("Das kriegst du schon hin!"). Selbst eine Entlassung mag weniger schlimm klingen, wenn sie mit einem "Nimm das bitte nicht persönlich" endet.

Annäherungsversuch

Als Christoph Filser vor vier Jahren zum Autobauer BMW kam, musste er sich umgewöhnen. Im Kontakt mit Kollegen und Vorgesetzten irritierte ihn der ständige Wechsel zwischen Sie und Du. Zuvor hatte der Wirtschaftsinformatiker achteinhalb Jahre bei Telefónica Deutschland gearbeitet. Dort duzen sich alle Mitarbeiter, inklusive Vorstandsvorsitzendem. "Das war sehr angenehm, weil man nicht darüber nachdenken musste, mit wem bin ich per Du und mit wem per Sie," sagt Filser.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Simone Geiger beschloss er, den Hashtag #gerneperDu an seine E-Mail-Signatur zu hängen. "Die Reaktionen waren unglaublich, fast alle haben den Hashtag auch in ihre Signatur gepackt", sagt Geiger. Vor einem Jahr gründeten sie die Initiative "Gerne per Du". Der Hashtag steht nun nicht nur in der E-Mail-Signatur vieler Mitarbeiter, sondern auch im Adressverzeichnis des Unternehmen, auf Schlüsselbändern und Aufklebern.

Zum Duzen gezwungen wird niemand. Weiterhin siezt man sich bei der ersten Kontaktaufnahme. Geht der Adressat nicht auf das Duz-Angebot in der Signatur ein, bleibt es bei der förmlichen Anrede. "Wir glauben fest daran, dass man auch mit kleinen Mitteln zu einem positiven Kulturwandel beitragen kann", heißt es auf der Website der Initiative.

Inzwischen ziehen andere Firmen nach, bei der BSH Group und der Deutschen Messe nutzt man denselben Hashtag. Bei der Daimler AG und Robert Bosch gibt es die Initiative "Just DU it", bei der Deutschen Telekom heißt es einfach "@DU". jup

Der verordneten Lockerheit haftet zudem mitunter etwas Verkrampftes an, besonders wenn selektiv geduzt wird. Ein Teil des Teams siezt die Chefin, ein anderer duzt sie, weil man sie noch von früher als Kollegin kennt. Da sind die einen schnell als Lieblinge verschrien, während sich andere ausgeschlossen fühlen. Den Teamgeist fördert das eher nicht.

Und: Wenn sich intern alle duzen, heißt das nicht automatisch, dass es extern ähnlich leger zugehen kann. Wie also verfährt man nach außen mit dem neuen Umgangston? Wie spricht man vor und mit Kunden, ist man da weiter "Thomas" und "Nina"? Wie viel Lockerheit ist hier angebracht? "Suzen" nennt sich solcherart Rumgeeiere mit Sie und Du. Es findet sich auch gerne in Kneipen, Fitnessstudios oder sozialen Medien, wo "Du" das Lockmittel ist ("Ein Klick, und du bist dabei!") und "Sie" ranmuss, wenn es ernst wird ("... finden Sie hier unsere Nutzungsbedingungen."). Schön ist dieses Durcheinander nicht.

In manchem Unternehmen hätte man sich vielleicht, gut geplant und wohlüberlegt, in das elegante "Hamburger Sie" retten können, also "Sie" plus Vorname, aber das klingt für manche wohl noch verzopfter als "Sie" plus Nachname. Das Problem ist nämlich: Ein Zurück vom "Du" gibt es nicht, da mag eine Firmenkultur noch so progressiv sein, eine Rücknahme bleibt ein Tabu. Moderne Anreden sind mehr als ein bloßer Sprachwandel, sie ändern eben auch das menschliche Miteinander. Der Du-Entzug bedeutet meist das Ende der Geschichte - privat wie geschäftlich. Mark Twain jedoch hätte dieses Dilemma sicherlich zu einem weiteren Essay inspiriert, zu einem vergnüglichen noch dazu.

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