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Führungspersönlichkeiten im Job:Streben nach Macht - mit allen Mitteln

In der Gründerstudie zeigte sich allerdings auch die Kehrseite der problematischen Persönlichkeiten: So gaben sich Menschen mit höheren Narzissmus-Werten und der damit verbundenen übertrieben positiven Selbsteinschätzung allenfalls durchschnittlich viel Mühe bei der Erstellung eines Businessplans. Ähnlich sah es bei Menschen mit erhöhten psychopathischen Neigungen aus. Die machthungrigen, aber realistischeren Machiavellisten fertigten im Vergleich dazu die besseren Businesspläne.

Hier zeigte sich ein Phänomen, das auch aus anderen Studien bekannt ist: "Narzissten sind in der Arbeit grundsätzlich genauso gut wie andere Menschen, sie sind nicht dümmer, aber sie überschätzen sich - und die Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und Realität ist riesig", sagt Kramer.

Die Forschergruppe entwickelt deshalb ein berufsbezogenes Testverfahren, mit dem Dunkle-Triade-Eigenschaften diagnostiziert werden können. Das könne Organisationen dabei helfen, die richtigen beziehungweise falschen Menschen für Positionen zu identifizieren, bei denen Chancen oder Risiken dunkler Persönlichkeitseigenschaften eine Rolle spielen, sagt Schwarzinger.

Zwar ist der Bevölkerungsanteil von Menschen mit massiven Persönlichkeitsstörungen eher gering - unterschiedliche Studien schätzen die Zahl dringend behandlungsbedürftiger Psychopathen auf Werte zwischen zwei und fünf Prozent der Bevölkerung. Extreme Narzissten machen Sozialpsychologe Bierhoff zufolge etwa sechs Prozent der Bevölkerung aus. Doch treten narzisstische und psychopathische Neigungen schon vorher in unterschiedlichen Abstufungen auf. So weisen laut Bierhoff immerhin 15 Prozent der Bevölkerung in Tests schon sehr ausgeprägte Narzissmus-Werte auf.

Und das besonders selbstüberzeugte Auftreten von Narzissten und subklinischen Psychopathen kann zum Problem werden - wenn nämlich Investoren dadurch darüber hinweggetäuscht werden, dass Geschäftsideen gar nicht so brilliant sind, wie sie zunächst scheinen. Aber auch auf Chefposten innerhalb bestehender Konzerne können Menschen mit deutlichen narzisstischen und psychopathischen Neigungen Schaden anrichten.

Hunger nach Kontrolle und Macht

So zeigte eine Untersuchung der Universität Amsterdam, dass Narzissten zwar für die besseren Chefs gehalten werden, die Leistungen von Gruppen mit Narzissten an der Spitze aber dadurch beeinträchtigt wurden, dass diese nicht alle relevanten Informationen auch weitergaben.

Hinzu kommt ein anderes Problem, dessen negative Folgen meist erst auf längere Sicht deutlich werden: Narzisstische Chefs, aber auch Kollegen reklamierten Erfolge für sich und neigten dazu, andere abzuwerten, sagt Sozialpsychologe Bierhoff. "In Gruppen mit narzisstischer Leitung führt die Überbetonung der eigenen Leistung dazu, dass sich Unzufriedenheit aufbaut", so Bierhoff. Denn wenn der Vorgesetzte nicht in der Lage sei, seine Mitarbeiter zu würdigen, werde dadurch auch die Förderung der Mitarbeiter beeinträchtigt.

Noch verheerender scheint sich die Beschäftigung von Menschen mit psychopathischen Neigungen auf Unternehmen auszuwirken. Einem Forschungsüberblick des Marketing-Experten Clive R. Boddy zufolge führt der unersättliche Hunger von psychopathisch veranlagten Menschen nach Macht, Kontrolle und Reichtum wie bei den Narzissten dazu, dass sie Erfolge für sich beanspruchen und Misserfolge anderen in die Schuhe schieben.

Doch damit nicht genug: Ihre völlig Gewissenlosigkeit, Angstfreiheit und Gefühlskälte gegenüber anderen lassen sie Boddy zufolge auch vor härteren Mitteln nicht zurückschrecken, so zum Beispiel dem gezielten Ausspielen unterschiedlicher Personen gegeneinander oder sogar Betrug.

Abstand? Empfehlenswert!

Doch was kann man tun, um sich im Berufsumfeld gegen Menschen mit solch dunklen Persönlichkeitsmerkmalen zu wehren? Was Psychopathen angeht, fällen von Boddy zitierte Wissenschaftler hier ein einhelliges Urteil: Man sollte die Firma verlassen. Es sei gefährlich, sich auf Machtkämpfe einzulassen, da psychopathisch veranlagte Menschen einen immer herzloser und strategischer attackieren könnten als man selbst im Gegenzug dazu in der Lage sei.

Ähnliche, wenn auch nicht ganz so drastische Maßnahmen empfiehlt Hans-Werner Bierhoff für den Umgang mit Narzissten: Es sei auf alle Fälle empfehlenswert, nur das für den Beruf Notwendige an Kontakt zu pflegen, denn es bestehe immer die Gefahr, dass narzisstische Vorgesetzte oder Kollegen einen ausnutzten. Und um das zu vermeiden, gäbe es nur eine Lösung - "möglichst große Distanz".

© sueddeutsche.de/mri
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