Duales Studium Physiotherapie Körperarbeit mit Köpfchen

Zum Physiotherapeuten kann man sich an einer klassischen Berufsfachschule oder Hochschule ausbilden lassen. Über die Frage, wie sinnvoll ein Studium ist, wird viel diskutiert.

Von Annika Brohm

Wer Physiotherapeut werden wollte, hatte in Deutschland lange Zeit nur eine Möglichkeit: Er besuchte eine Berufsfachschule. Seit einigen Jahren kann man Physiotherapie auch studieren. Im Hörsaal sollen die Studenten zu "reflektierten Praktikern ausgebildet" werden, sagt Udo Wolf, Professor für Physiotherapie an der Hochschule Fulda. Es sei wichtig, die gängigen Methoden kritisch zu hinterfragen - aus wissenschaftlicher Perspektive. Deutsche Hochschulen bieten mehr als 50 entsprechende Studiengänge an, Tendenz steigend.

Trotzdem ist der Anteil der Physiotherapeuten mit akademischer Ausbildung in Deutschland verschwindend gering. Vor zwei Jahren ermittelte der Verband Physio Deutschland im Rahmen einer Hochschulumfrage, dass lediglich knapp drei Prozent der Physiotherapeuten einen Bachelorabschluss haben. "Das ist noch viel zu wenig", findet Alexander Stirner, Juniorensprecher des Verbands. Schließlich werde die Behandlung immer komplexer - die Anzahl von Patienten mit chronischen Erkrankungen oder mit mehreren Leiden nehme zu. Bereits im Jahr 2012 forderte der in Köln ansässige Wissenschaftsrat eine akademische Quote von zehn bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs. Diese müsse für sämtliche Gesundheitsfachberufe gelten. "Davon sind wir in der Physiotherapie noch weit entfernt", sagt Stirner.

Die Akademisierung der Disziplin befindet sich in Deutschland im Schwebezustand. Zwar erproben einige Hochschulen seit 2010 Studiengänge, die angehenden Physiotherapeuten auch ohne eine begleitende Ausbildung zur Berufszulassung verhelfen. Die Bundesregierung hat die Modellphase aber bis 2021 verlängert. Die Begründung: Die akademische Lehre von Gesundheitsberufen wie der Physiotherapie sei wünschenswert, die fachschulische Ausbildung solle daneben aber dennoch weiter bestehen.

Praktiker werden überall gesucht. Doch Hochschüler wollen weg von der Behandlungsliege

Ein Weg, der die akademische Ausbildung mit der praktischen Ausbildung verbindet, ist das duale Studium: Die angehenden Therapeuten machen sowohl ein Staatsexamen als auch einen Bachelor of Science. Dafür müssen sie jedoch doppelt schuften. In den ersten sechs Semestern findet das Studium parallel zur Ausbildung an einer kooperierenden Berufsschule statt. Auf dem Stundenplan stehen Fächer wie Anatomie, Krankheitslehre und Psychologie. Wie man Waden massiert und Rückenbeschwerden lindert, üben die Studenten im Unterricht zunächst aneinander. Anwenden können sie die Handgriffe während der Praktika in Kliniken und Praxen zum Ende jedes Semesters. Nach bestandener Abschlussprüfung steht die Theorie im Mittelpunkt: In ein bis zwei weiteren Semestern erlernen die Studenten an der Hochschule, wie man aktuelle Fragen der Physiotherapie untersucht, beispielsweise in Modulen wie "Forschungsmethodik" und "Evidenzbasierte Praxis". Zudem besuchen sie Managementkurse, die sie darauf vorbereiten, wie man eine Praxis verwaltet oder leitet.

Ausbildung in zwei Ländern

Lehre in Deutschland, Studium in den Niederlanden: Seit 2002 bietet das Bündnis EPEPE (European Partnership of Evidence and Problem based Paramedical Education) eine internationale Ausbildung für Physiotherapeuten an. Drei Jahre lang besuchen die Studierenden eine Berufsfachschule im nordrhein-westfälischen Kerpen oder in Neuwied in Rheinland-Pfalz. Dort werden sie nach deutschen und niederländischen Standards ausgebildet. Anschließend vertiefen sie ihr Wissen eineinhalb Jahre mit einem berufsbegleitenden Studium an der Zuyd Hogeschool in Heerlen - und erlangen zusätzlich zu dem deutschen Examen den Grad des Bachelor of Science auf niederländischem Niveau. "In den Niederlanden hat die akademische Ausbildung von Physiotherapeuten eine lange Tradition", sagt Barbara Weißbach, Leiterin der Präha Akademie in Kerpen, "dementsprechend ist der holländische Abschluss im Ausland sehr anerkannt." Das ermögliche den Absolventen unter anderem den Direktzugang: "Wer in den Niederlanden studiert hat, darf Patienten in Deutschland nach kurzer Zusatzprüfung ohne ärztliche Überweisung behandeln", erklärt Weißbach. "Die Physiotherapie ist ein handwerklicher Beruf mit Köpfchen", sagt sie. Die duale Ausbildung sei ein guter Weg, um Praxis und Theorie miteinander zu verbinden. Nähere Informationen: https://epepe.eu. ABRO

Mandy Hofmann entschied sich für den dualen Ausbildungsweg. In diesem Sommer hat sie an der Hochschule Fresenius nach sechs Semestern in Köln das Staats-examen gemacht. Mit diesem Abschluss könnte sie in Deutschland bereits als staatlich anerkannte Physiotherapeutin arbeiten. Doch die 35-Jährige macht weiter; sie ist fest davon überzeugt, dass sich die zusätzlichen Stunden im Hörsaal lohnen: "Wenn man einem Patienten mit Hilfe von Studien erklären kann, warum man eine bestimmte Behandlung empfiehlt, dann ist die Therapietreue größer", sagt sie. Zudem könne man mit einem Bachelorabschluss auch im Ausland arbeiten. Anders als in Deutschland dürfen Physiotherapeuten ihre Patienten dort meist auch ohne ärztliche Verordnung behandeln.

Genügt nicht doch die Ausbildung an der Berufsfachschule? Das sollte man sich gut überlegen

Mit der Aussicht auf eine internationale Karriere werben viele Studienanbieter. Doch Physio Deutschland warnt auf der verbandseigenen Internetseite vor zu verführerischen Versprechen: Ein akademischer Grad könne im Ausland zwar helfen, sei aber "alles andere als eine Garantie". Bevor sie sich an einer Hochschule einschreiben, sollten sich Abiturienten deshalb gut informieren. Physio Deutschland empfiehlt etwa, Erfahrungsberichte ehemaliger Studenten zu lesen und zu prüfen, ob das Angebot tatsächlich den eigenen beruflichen Zielen entspricht. Vielleicht reiche auch eine Berufsausbildung aus.

"Viele Arbeitgeber suchen Praktiker, keine Theoretiker", sagt Zoltan Urbanyi, Leiter der Fachschule IB Medizinische Akademie im unterfränkischen Aschaffenburg. Wer an die Therapiebank will, sei deshalb mit einer klassischen Ausbildung besser beraten. Im Studium komme das Handwerk häufig zu kurz, findet Urbanyi. Dass die Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen haben, glaubt er nicht. Das liegt auch an deren Gehaltsvorstellungen: "Wer studiert hat, will auch mehr Geld verdienen. Die meisten Praxen können das gar nicht zahlen", sagt er. Eine akademische Ausbildung lohne sich also vor allem dann, wenn man eine Karriere außerhalb der Behandlungsräume anstrebt: in der Verwaltung, in der Forschung und Lehre oder in der Produktentwicklung.

Den Praxisinhabern dürften solche Ambitionen nicht gefallen, denn sie suchen händeringend nach Nachwuchs. 21,7 Prozent der Deutschen nehmen innerhalb von zwölf Monaten physiotherapeutische Leistungen in Anspruch, heißt es im Journal of Health Monitoring, Ausgabe vier/2017 - einer Publikation des Robert-Koch-Instituts mit Sitz in Berlin. "Es gibt einen extrem hohen Bedarf an Physiotherapeuten", sagt Alexander Stirner von Physio Deutschland, "und der kann zurzeit nicht annähernd gedeckt werden". Laut einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit aus dem vergangenen Jahr kommen auf einhundert ausgeschriebene Stellen 33 arbeitssuchende Physiotherapeuten. Für die Absolventen bedeutet das, dass ihnen sämtliche Türen offenstehen - egal ob klassisch ausgebildet oder akademisch. Häufig kommen die Arbeitgeber bereits während des Studiums auf die Nachwuchstherapeuten zu, berichtet die Studentin Mandy Hofmann.

Anderen bei der Genesung helfen zu können, erleben Physiotherapeuten als sinnstiftend. In England oder in den Niederlanden können sie allerdings eigenständiger arbeiten als in Deutschland.

(Foto: Ute Grabowsky/imago/photothek)

Sie absolviert derzeit ein Praktikum in der Gynäkologie einer nordrhein-westfälischen Klinik. "Die erlernte Theorie praktisch umsetzen zu können", darum gehe es. Doch sie spüre auch, dass ein Studium zeitweise großen Stress bedeute. "Alles unter einen Hut zu bekommen, das ist sicherlich die größte Herausforderung." Hinzu kommt die finanzielle Belastung. Schließlich verdienen die angehenden Physiotherapeuten kein Geld - weder während der theoretischen, noch während der praktischen Studienphase. Private Anbieter wie die Hochschule Fresenius verlangen für das Studium monatliche Gebühren zwischen 400 und 600 Euro; die Kosten an Berufsschulen sind oft ähnlich hoch. Immerhin: Bayern ist das erste Bundesland, in dem künftig das Schulgeld für Auszubildende im Gesundheitsfachbereich entfallen soll. Nordrhein-Westfalen erstattet den Auszubildenden seit Oktober 70 Prozent des Schulgeldes.

Hofmann würde sich wieder für das duale Studium entscheiden, wie sie sagt. Sie wolle bestens vorbereitet sein, falls Physiotherapeuten in der Zukunft Patienten auch in Deutschland ohne ärztliche Überweisung behandeln dürfen. Es sieht aber nicht danach aus, als würde der sogenannte Direktzugang bald Realität. Zu groß ist der Widerstand der Mediziner. Für Physiotherapeuten wie Udo Wolf aus Fulda kaum nachvollziehbar: "Wenn man sieht, wie überlastet die Ärzte sind, dann sind die Bedenken absurd."

Informationen zum Studium: https://www.physio-deutschland.de/fachkreise/beruf-und-bildung/studium.html; www.wegweiser-duales-studium.de, Suchbegriff: Physiotherapie