Grüne duale Studiengänge:In der Praxis verwurzelt

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Grüne duale Studiengänge: Noch sind es Nischenangebote, aber das könnte sich bald ändern: Einige Programme mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit verbinden ein Hochschulstudium mit einer Berufsausbildung.

Noch sind es Nischenangebote, aber das könnte sich bald ändern: Einige Programme mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit verbinden ein Hochschulstudium mit einer Berufsausbildung.

(Foto: Providence Doucet/Unsplash)

Einige Hochschulen in Deutschland bieten duale Programme zu Fachgebieten wie nachhaltige Holztechnik, Ingenieurwissenschaft oder ressourcenschonendes Wirtschaften an. Warum Absolventen so gute Berufsaussichten haben.

Von Lara Voelter

Nachhaltigkeit ist ein Wort, das vor allem aus dem politischen und wirtschaftlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken ist. Um in Zukunft Ressourcen und Emissionen einzusparen, müssen viele Branchen grüner werden. An dieser Stelle setzen Studiengänge im Nachhaltigkeitsbereich an. Duale grüne Studiengänge, also Studiengänge, die theoretische Inhalte zum Thema Nachhaltigkeit an einer Hochschule mit Praxisphasen in einem Unternehmen verbinden, gibt es zahlreiche. Noch dünn gesät ist hingegen das Angebot an nachhaltigen dualen Studiengängen, die zusätzlich zum Bachelor mit einer Berufsausbildung abschließen. Diese doppelte Qualifikation sorgt meist für sehr gute Jobperspektiven.

Am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier kann man seit 2007 den dualen Studiengang "Nachhaltige Ressourcenwirtschaft" belegen. Das Curriculum umfasst Schwerpunktthemen wie nachhaltiges Wirtschaften, Betriebswirtschaftslehre und Wirtschafts- und Umweltrecht. Zusätzlich absolvieren Studentinnen und Studenten eine kaufmännische Ausbildung.

Nachhaltigkeit ist ein Thema, das überall rein muss", sagt Klaus Helling, der den Studiengang leitet. Jede Abteilung eines Unternehmens habe Schnittstellen damit: beispielsweise im Einkauf, um etwa Produkte aus der Region zu beschaffen oder Nachhaltigkeit in den Lieferketten umzusetzen, in der Produktion, wo umweltgerechte und effizientere Prozesse wichtig seien, in der Produktentwicklung, wenn es um nachhaltige Produkte gehe, oder im Controlling, wo Nachhaltigkeitsberichte geschrieben werden. "Deshalb gibt es aus meiner Sicht ein Muss, dass sich betriebswirtschaftliche Studiengänge und Ausbildungen noch stärker der Nachhaltigkeit öffnen", erläutert Helling.

Die Hochschulen sind regelmäßig mit Partner-Unternehmen im Gespräch

Die Stadtwerke in Bad Kreuznach sind eines von mehreren Unternehmen, die seit einigen Jahren mit dem Umwelt-Campus kooperieren. Die Stadtwerke stellen pro Jahr eine Azudentin oder einen Azudenten, wie die dual Studierenden am Umwelt-Campus genannt werden, ein. Sie spezialisieren sich auf eine bestimmte Thematik - dabei spielten ihre eigenen Interessen, aber auch Fachgebiete, die für den Betrieb notwendig seien, eine Rolle, sagt der Personalleiter der Stadtwerke, Alexander Kohn. "Die Kombination aus theoretischem Studium im Nachhaltigkeitsbereich und kaufmännischer Ausbildung ist für beide Seiten gewinnbringend", betont er. Regelmäßige Austauschtreffen mit der Hochschule, den kooperierenden Unternehmen und den Studierenden würden dafür sorgen, dass man sich bei der Konzeption der Studieninhalte möglichst nah an der Praxis orientiere.

Sarah Becker hat "Nachhaltige Ressourcenwirtschaft" studiert und ihr Praxissemester bei den Stadtwerken Bad Kreuznach gemacht. "Den Mix aus Wirtschaft und Nachhaltigkeit finde ich sehr spannend. Man kann ihn auch sehr gut in den betrieblichen Kontext einbinden - dann ist der Nachhaltigkeitsbegriff nicht mehr so abstrakt", sagt die 24-Jährige. Sie hat im Sommer ihr Studium beendet und arbeitet seit September als Junior-Personalreferentin in der Personalabteilung der Kreuznacher Stadtwerke. Dort möchte sie erst einmal ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln. "Und vielleicht hänge ich danach noch einen Master dran."

Die Fachgebiete Elektrotechnik und Maschinenbau verbindet der Studiengang "Nachhaltige Ingenieurwissenschaft" an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin miteinander. Themen wie Energieeffizienz, regenerative Energien und Nachhaltigkeit stehen hierbei im Fokus. Bei der dualen Variante, die es seit 2017 gibt, absolvieren Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Berufsausbildung als Industriemechaniker beim Autohersteller Ford in Köln. "Ohne Nachhaltigkeit geht es nicht mehr", sagt Studiengangleiter Dieter Franke. Es gebe heute keinen Bereich der Technik mehr, der von Fragen zur Nachhaltigkeit, zur Energieeffizienz und zum Schutz der Ressourcen ausgenommen sei. "Keine Ingenieurin und kein Ingenieur kann heute einfach nur eine schöne Maschine bauen, ohne auf Nachhaltigkeit zu achten, und das ist auch richtig so."

Auch Lea Greis hat ihr Praxissemester bereits beendet. Besonders gut habe ihr bei Ford gefallen, dass die dual Studierenden in zwei verschiedenen Bereichen arbeiten können: in der Produktentwicklung und im Manufacturing. "Währenddessen konnte ich viele theoretische Inhalte aus dem Studium anwenden, zum Beispiel aus einer Thermodynamikvorlesung, die ich zuvor besucht hatte", sagt die 22-Jährige. Nach dem Studium würde sie gerne in der Produktentwicklung arbeiten. "Aber wir können bei Ford natürlich nicht zu 100 Prozent wählen, sondern bekommen die Stellen, die frei sind", erklärt sie.

Studierende erlernen handfeste Berufe wie Tischler oder Zimmerer

Seit 2018 lässt sich der Studiengang "Holztechnik" an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNEE) Eberswalde auch in Kombination mit einer Berufsausbildung studieren. Neben allgemeinen Technologien der Holzbearbeitung und -verarbeitung stehen nachhaltige Baumethoden mit Holz, der Einsatz alternativer Rohstoffe wie Bambus und energie- und ressourcenschonende Technologien im Vordergrund. Die Studierenden können zwischen den Berufen des Tischlers, des Zimmerers oder des Holzbearbeitungsmechanikers wählen. Momentan prüft die Hochschule, ob sie auch die Berufsausbildung des Bauzeichners ins Studium integrieren kann.

Die Berufsausbildung in den kooperierenden Unternehmen dauert bei diesem dualen Programm zwei Jahre. Währenddessen eignen sich die Studierenden die theoretischen Studieninhalte mithilfe von Online-Lernmaterialien und Unterstützung von Dozenten selbst an.

Präsenz an der Hochschule ist nur zu wenigen Terminen erforderlich, das ermöglicht es den Studenten, deutschlandweit in Partnerunternehmen zu arbeiten und dafür in den ersten beiden Jahren nicht zwingend den Wohnort wechseln zu müssen, sondern in der Heimatstadt zu bleiben. Vom dritten Jahr an findet die Lehre in Präsenz an der Hochschule statt, und während der vorlesungsfreien Zeit arbeiten die Studierenden - wie bei diesem Ausbildungsmodell üblich - in ihrem Kooperationsunternehmen. Dort machen sie in der Regel auch ihr Praxissemester und schreiben ihre Bachelor-Thesis.

Bei Raphael Schütte liegt der Fall etwas anders. Er hat seine Berufsausbildung als Tischler in der Lehrtischlerei des Fachbereichs Holztechnik an der Hochschule in Eberswalde absolviert, die pro Lehrjahr einen Auszubildenden beschäftigt. Währenddessen machte er auch ein Auslandspraktikum in einer nordirischen Tischlerei. Da die Praxisphasen in der vorlesungsfreien Zeit in einem bestimmten Betrieb bei ihm wegfallen, hat er von der Hochschule auch nur während der Berufsausbildung ein Gehalt bekommen. Auch für das anstehende Praxissemester muss er noch ein Unternehmen suchen, aber der 23-Jährige ist zuversichtlich, dass das problemlos funktionieren wird. Dass er im Gegensatz zu seinen Kommilitonen zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Festanstellung in einem ihm bereits bekannten Unternehmen in Aussicht hat, sieht er positiv: "So kann ich freier entscheiden, wo ich nach dem Studium arbeiten möchte", sagt er.

"Eine abgeschlossene handwerkliche Berufsausbildung, kombiniert mit einem Studium, halte ich für den Königsweg, um in der Holzbranche Fuß zu fassen, sagt Marko Pfeiffenberger, Geschäftsführer von Skandach Holzindustrie, einem Hersteller von Dachkonstruktionen in Magdeburg. Sein Unternehmen kooperiert ebenfalls mit der HNEE Eberswalde, aktuell arbeitet dort ein dualer Student, der seine Zimmererausbildung absolviert hat. Der Trend gehe dorthin, mit nachwachsenden Rohstoffen zu bauen und entsprechende Dämmstoffe zu verwenden. Vor allem jüngere Leute seien bereit dazu, mehr Geld für nachhaltiges Bauen auszugeben, hat Pfeiffenberger beobachtet.

Das wachsende Interesse an Nachhaltigkeitsthemen spiegelt sich auch in der Anzahl der Bewerbungen für das Wintersemester 2021/22 für die grünen dualen Studiengänge wider: Bis zum Semesterstart haben sich mehr Studieninteressierte bei mir gemeldet, als wir in den vergangenen drei Jahrgängen immatrikulieren konnten", berichtet Guido Eichbaum, der das duale Studium der Holztechnik in Eberswalde koordiniert.

Auch wenn es immer beliebter wird, "was mit Nachhaltigkeit" zu studieren, leisten Hochschulen wie in Birkenfeld, Sankt Augustin und Eberswalde mit ihren Programmen, die ein grünes Studium mit einer Ausbildung kombinieren, Pionierarbeit. Es dürfte nicht schaden, wenn das Angebot von dualen Studiengängen in diesem Bereich wächst, denn das Modell impliziert, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur oberflächlich, sondern tiefgründig mit dem Umwelt- und Ressourcenschutz auseinandersetzen.

Eine Auswahl von ausbildungsintegrierenden dualen Studiengängen im Bereich Nachhaltigkeit: Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNEE) Eberswalde bietet neben dem achtsemestrigen Studiengang "Holztechnik" mit "Ökolandbau und Vermarktung" noch einen weiteren ausbildungsintegrierenden Studiengang im Nachhaltigkeitsbereich an. Dieser dauert vier Jahre und acht Monate und schließt mit einem Bachelor und einer Berufsausbildung als Landwirtin oder Landwirt ab. Innerhalb von vier Jahren lässt sich am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier der duale Studiengang "Nachhaltige Ressourcenwirtschaft" absolvieren. "Energie- und Umwelttechnik" kann an der Hochschule Zittau/Görlitz in viereinhalb Jahren studiert werden. Folgende Ausbildungsberufe stehen zur Auswahl: Fachkraft für Kreislauf- und Abwasserwirtschaft, Fachkraft für Abwassertechnik, Industriemechaniker oder Mechatroniker. Wer "Nachhaltige Ingenieurwissenschaft" an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin absolviert, erwirbt den Doppelabschluss Bachelor of Engineering und Facharbeiter (IHK). Das mit einer Ausbildung kombinierte Studium dauert viereinhalb Jahre.

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