Süddeutsche Zeitung

Drei Abschlüsse zugleich:Spitzenklasse

An der Staatlichen Ballettschule in Berlin können Tänzer Abitur machen und parallel dazu Berufsausbildung und Studium absolvieren.

Von Christine Demmer

Isabell Arnke hat sich durch ihre Kindheit getanzt, erst auf dem Eis, dann im Kinderballett der Deutschen Oper in Berlin und drei Jahre lang in der Hauptrolle von "Der kleine Prinz" im Berliner Schillertheater. Nun tanzt die Charlottenburgerin auf einen Dreifachabschluss zu, den andere bestenfalls nacheinander in Angriff nehmen: Als Schülerin der Staatlichen Ballettschule Berlin wird die 15-Jährige, wenn alles klappt, in zwei Jahren Abitur machen, ihre Berufsausbildung zur staatlich geprüften Bühnentänzerin abschließen und gleichzeitig ein Hochschulzeugnis über den Bachelor of Arts in Empfang nehmen. Mit dann noch nicht einmal 20 Jahren.

In etlichen Bundesländern kann man parallel zur Berufsausbildung das Abitur (duales Abitur) oder einen Hochschulabschluss (duales Studium) erwerben. Aber gleichzeitig mit dem Reifezeugnis einen Berufsabschluss und einen Hochschulabschluss bescheinigt zu bekommen, das geht nur an der Staatlichen Ballettschule Berlin, zu der auch die Schule für Artistik gehört. "Unser Angebot ist weltweit einmalig", sagt Schulleiter Ralf Stabel mit hörbarem Stolz in der Stimme. Der habilitierte Theaterwissenschaftler hat das Ausbildungskonzept entwickelt und vor einigen Jahren, gefördert vom Land Berlin, einen modernen Schulneubau samt Internat, Lehrern und Erziehern am Prenzlauer Berg bekommen. Hier lernen und üben 300 Schülerinnen und Schüler aus 27 Nationen, mehr als zwei Drittel davon aus Deutschland. Arnke geht in die elfte Gymnasialklasse. Weil sie nicht im Internat, sondern bei ihrer Familie in Berlin wohnt, steht sie von montags bis samstags um sechs Uhr auf, um mit der S-Bahn zur Schule zu fahren. "Wir fangen um 7.50 Uhr an, mit vier Schulstunden, Mathe oder Englisch oder Deutsch, was eben auf dem Stundenplan steht", beschreibt sie einen typischen Tag. "Um 11.30 Uhr beginnt das Balletttraining, Arbeit an der Stange, in der Mitte tanzen, Sprünge üben. Anschließend haben wir zeitgenössischen Tanz und dann Spitzenunterricht oder Proben für Aufführungen." Stabel legt großen Wert darauf, dass seine Eleven beizeiten auf der Bühne stehen. "Sowohl die angehenden Artisten als auch die Bühnentänzer haben viele Auftritte und entsprechend viele Proben", sagt der Schulleiter. Um 18 Uhr endet der Unterricht, und Isabell fährt nach Hause oder zusammen mit der Klasse zu einer Aufführung in einem der Berliner Theater - als Besucherin oder als Tänzerin.

Für jeden Jahrgang bewerben sich erheblich mehr Kinder und Jugendliche, als zugelassen werden können. Eine Ballettklasse umfasst etwa 15 Schüler. "Alle müssen bei uns vortanzen", betont Stabel. "Wer in einem weit entfernten Land wohnt, schickt manchmal eine DVD oder einen Stream vorweg." Aber Stabel besteht darauf, die Bewerber und ihre Eltern persönlich kennenzulernen. "Wir sagen dann: Komm in den Schulferien zu uns, bleib eine Woche und mach mit beim Unterricht. Danach entscheiden wir." Falls das Reisebudget knapp ist, die Erwartungen an den Bewerber es aber rechtfertigen, macht der Schulleiter Geld bei seinem Förderverein locker. Der sei außerordentlich großzügig.

Mehr als zwei Drittel der Schüler wählen die Sparte Tanz, die anderen wollen Artisten werden. Zum Ballett zieht es gewiss mehr Mädchen als Jungen, oder? Nicht unbedingt, sagt Stabel: "Wenn im Einstiegsalter gerade ein Tanzhype ist, dann haben wir die Klassen voll mit Jungs." Die Bühnentänzer erlernen das Repertoire des klassischen Balletts ebenso wie die modernen Ausdrucksformen des Contemporary Dance, dazu Tanztheorie, Tanzgeschichte, Künstlerische Gymnastik und Anatomie. Damit sind sie gut ausgestattet, um später für eine der circa 70 Balletttruppen und Tanztheaterensembles an deutschen Bühnen unter Vertrag genommen zu werden. Schulleiter Stabel beziffert die Erfolgschancen seiner Schüler selbstbewusst auf 100 Prozent. Künftige Arbeitgeber seien häufig die Staatsballette in Berlin, Hessen und Bayern. "Manchmal sind die Absolventen mit dem Einsatzort nicht ganz glücklich", räumt er ein. "Aber wichtig ist, erst mal den Einstieg zu schaffen. Ein mittelgroßes Theater ist auch ganz okay."

Mit Ende 30 ist die Karriere vorbei. Spätestens in diesem Alter müssen Tänzer umsatteln

Bühnentänzer und Artisten haben ebenso wie Leistungssportler nur ein kurzes aktives Berufsleben. "Für die meisten Künstlerinnen und Künstler ist es mit Mitte, Ende dreißig zu Ende", erklärt Stabel. "Also muss schon während der Erstausbildung auf die Zeit der zweiten Karriere hingearbeitet werden." Die Fachhochschulreife und das Abitur öffneten den Weg in den zweiten Beruf, sagt der Schulleiter und berichtet von gelernten Tänzern und Artisten, die nach Ende ihrer Bühnenlaufbahn erfolgreiche Juristen und Mediziner geworden seien. Wer nicht studieren wolle, könne bei der Arbeitsagentur eine Umschulung, zum Beispiel zum Physiotherapeuten, beantragen und bekomme sie in der Regel auch bewilligt. "Weil man bei uns eben auch eine Berufsausbildung erhält", erläutert Stabel. "Das ist die Bedingung für eine Umschulung."

An der Berliner Ballettschule werden junge Talente ab zehn Jahren aufgenommen. Die Ausbildung beginnt mit der fünften Klasse und dauert neun Jahre. Am Ende des zehnten Schuljahres entscheiden sich die Schüler entweder für die gymnasiale Oberstufe oder für die Berufsfachschule. Parallel dazu studieren alle an der angeschlossenen Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und bekommen nach bestandener Abschlussprüfung ihren Bachelor of Arts. Isabell Arnke würde danach gern beim Staatsballett Berlin tanzen. Auch wenn ihr bis zur ersten Karriere noch viel Zeit bleibt, lernt sie in gewisser Weise schon jetzt für die zweite.

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Quelle:
SZ vom 26.01.2018
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