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Draußenschule:Der Wald macht Laune

Wie fühlt sich die Rinde verschiedener Baumarten an? Im Wald lösen die Schüler Aufgaben, bei denen sie auf spielerische Art Wissen über ihre Umwelt erwerben.

(Foto: Ekaterina Yakunina/imago)

Immer mehr Schulen gestalten den Sachunterricht regelmäßig unter freiem Himmel, auch bei Wind und Wetter. Dabei lernen die Kinder eine Menge über die Natur und bewegen sich viel. Welche Vorzüge die Draußenschule außerdem hat.

Von Joachim Göres

Auf Holzstämmen sitzen in einer Waldlichtung 20 Kinder. In der Mitte liegt ein Thermometer im Laub. Lennox liest die Temperatur ab: 15 Grad. Alle holen ihr Naturtagebuch aus ihrem Rucksack und notieren die Zahl, einige malen noch eine Sonne dazu, als Erinnerung an diesen schönen Vormittag im Herbst. Plötzlich fangen die Bäume laut an zu rascheln. Ein Windstoß lässt viele rot-braune Blätter auf die Erde rieseln. "Oh wie schön, guck mal!", ruft Franka begeistert Philipp zu. Beide strecken ihre Arme nach oben, um ein paar Blätter zu fangen.

Was für Außenstehende wie ein Schulausflug aussieht, ist für die Mädchen und Jungen der 3a der Grundschule Lüne ein normaler Unterrichtstag: Seit Februar 2020 findet ihr Sachunterricht jeden Dienstag zwei Stunden im Wald statt, auch bei Wind und Wetter. Die Schülerinnen und Schüler aus Lüneburg besuchen ein Jahr lang eine sogenannte Draußenschule und erleben, wie sich die Natur in den Jahreszeiten verändert. "Nur bei Glatteis oder schwerem Sturm gehen wir nicht in den Wald", sagt Sandra Miehe, Umweltpädagogin von "Landschaftsabenteuer". Diese Bildungsinitiative entwickelte das Konzept für die Draußenschule und erprobte es bereits an circa einem Dutzend Schulen in Schleswig-Holstein und Hamburg. Es wird vorwiegend an Grundschulen praktiziert, ist aber auch für weiterführende Schulen geeignet.

Während Klassenlehrerin Birte Möller sich im Hintergrund hält, gibt Miehe Anweisungen, beantwortet Fragen, stellt Aufgaben. "Womit nehmen Bäume Wasser und Nährstoffe auf, über ihre Blätter, ihre Wurzeln oder ihre Zweige?", will sie wissen. Wer das richtige Handzeichen für die zweite Antwort gibt, darf zu einem Baum laufen, die anderen bleiben an ihrem Platz. "Welcher Farbstoff lässt Blätter grün aussehen, Cholesterin, Chloroform oder Chlorophyll?", lautet die nächste Frage. "Chlorophyll, das habe ich hier im Wald gelernt", nennt Mattes die richtige Antwort und darf wie fast alle Kinder zu einem neuen Baum rennen.

Während einer kurzen Pause stürmen viele Kinder zu einem Holzstapel, wo sie Äste hin- und herräumen. "Die sind alle verrückt", meint ein Mädchen zu ihrer Freundin, während sie beobachten, wie mehrere Jungen Stöcke gegeneinanderschlagen und sich austoben. "Ich kann die Blätter der Bäume voneinander unterscheiden", sagt Lia stolz und hebt ein Ahornblatt auf; jedes Kind durfte sich im Wald einen Patenbaum aussuchen. Lia wählte einen Ahornbaum. Ist es nicht manchmal im Wald ungemütlich und kalt? "Nein, wir sind immer richtig angezogen. Man ist im Wald gut gelaunt", findet Daria, die ihrer Buche regelmäßig einen Besuch abstattet. Auch andere Kinder haben ihren Patenbaum im Blick, an dem sie gelernt haben, wie man durch die Messung des Stammumfangs das Alter eines Baumes berechnen kann.

Nach der Pause gilt es, die nächste Aufgabe zu lösen. Umweltpädagogin Miehe hat die Zeit genutzt, um im Wald Karten auszulegen, auf denen verschiedene Baumarten mit ihren Charakteristika wie Blätter und Wuchsform abgebildet sind. In Gruppen suchen die Kinder immer für einen Baum die passenden Karten zusammen, wobei gelegentlich die Meinungen auseinandergehen, wie bei der Eiche die Rinde oder bei der Buche die Früchte aussehen. Danach stellen sie sich im Kreis um die Karten, die sie auf den Boden gelegt haben und besprechen das Ergebnis. Henry und Martha tauschen nach kurzer Diskussion zwei Karten aus, dann passt alles.

"Das war der Abschluss unseres bisherigen Themas Bäume und Wald. Ich bin sehr zufrieden", sagt Miehe. Sie betont, dass eine feste Struktur für die Kinder außerhalb des Klassenraums wichtig ist, damit sie nicht von den vielen Eindrücken abgelenkt werden. Dazu gehört ein fester Tag in der Woche für die Draußenschule. Dazu gehört auch, dass sie dann immer ihren Rucksack mit Sitzmatte, Naturtagebuch und Verpflegung dabei haben und passende Kleidung zur jeweiligen Jahreszeit tragen. Und dazu gehört der Gang von der Schule in den nahe gelegenen Wald, bei dem die Kinder sich auf eine Aufgabe konzentrieren sollen: "Zählt mal die Blätter, die vom Himmel fallen", lautet zum Beispiel eine typische Aufforderung.

"Für die Kinder ist dieser Unterricht im Wald anschaulicher als im Klassenraum. Sie entdecken Wespen auf Blättern, einen lila Pilz oder unbekannte Insekten, über die wir dann weitere Informationen suchen können", ergänzt Möller. Die Baumwurzeln haben ihre Schülerinnen und Schüler nachgestellt, indem sie sich auf dem Boden so gelegt haben, wie die Wurzeln wachsen. "Durch solche Erlebnisse können sie sich besser erinnern. Außerdem wirkt sich das Ganze auch positiv auf das soziale Miteinander aus", sagt die Klassenlehrerin. Und werden auch die Leistungen besser? Möller: "Es geht nicht um Noten, sondern um die Einstellung zur Natur. Man kann nur schützen, was man liebt. Wir sehen, dass die Kinder viel aufmerksamer Tiere und Pflanzen wahrnehmen." Die Lehrerin und die Umweltpädagogin sprechen ab, wie die laut Lehrplan anstehenden Themen im Wald umgesetzt werden. Seit November dreht sich alles um "Tiere im Winter".

Als die Initiative 2008 startete, sei sie die erste mit diesem Konzept gewesen. "Mittlerweile gibt es weitere Anbieter sowie wissenschaftliche Studien zu der Frage, was das Ganze bringt", sagt "Landschaftsabenteuer"-Gründer Johannes Plotzki. Die Universität Mainz hat ein Modellprojekt untersucht, in dem im kompletten Schuljahr 2014/15 je eine Schule aus Brandenburg (Grundschule Lichterfelde, Schorfheide), Rheinland-Pfalz (Grundschule Ahrbach, Niederahr) und Baden-Württemberg (Grund- und Werkschule Hohenstein, Stuttgart) einmal wöchentlich den Unterricht für einige Klassen draußen gestaltete. Mehr als 90 Prozent der Eltern standen dem positiv gegenüber. Auch bei den Kindern gab es eine sehr große Zustimmung, die bei den Mädchen und Jungen der Stuttgarter Schule noch größer war als bei ihren Altersgenossen aus ländlicher Umgebung. Die Kinder fühlten sich entspannter, weil sie die Art der Wissensvermittlung oft gar nicht als Lernen wahrnahmen und zudem mehr Möglichkeiten zur Bewegung als im Klassenraum hatten. Festgestellt wurde zudem, dass das Wissen über die Natur und das Interesse an ihr deutlich gewachsen und die Kontakte untereinander im Wald intensiver waren als im Klassenzimmer.

"Ohne die feste Raumaufteilung im Klassenraum gibt es häufigere Kommunikationsanlässe, und mehr Interaktion wird nötig", bestätigt Plotzki. Er legt Wert darauf, dass die Draußenschule in der Nähe des Schulgebäudes stattfindet, damit der entsprechende Platz in kurzer Zeit zu Fuß erreicht werden kann und die Kinder ihn auch in ihrer Freizeit nutzen können. Scheiden damit Schulen in innerstädtischer Lage aus? "Nein, denn die Draußenschule kann auch in einem Park oder selbst auf dem Schulhof durchgeführt werden", sagt Plotzki. Er spricht von einem wachsenden Interesse von Schulen an einem Unterricht an der frischen Luft, nicht erst seit der Corona-Pandemie.

Finanziert wird die Arbeit der Umweltpädagogen durch verschiedene Stiftungen, zudem übernehmen die jeweiligen Schulvereine einen geringen Eigenanteil. Manche Schulen setzen inzwischen das Draußenschul-Konzept in Eigenregie um. Plotzki: "Das finde ich gut. Je mehr Klassen rausgehen, umso besser."

© SZ vom 29.01.2021
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