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Doktor-Betrug:"Der konnte mal was"

Der Doktortitel ist kein Ausdruck wissenschaflicher Berufung - sondern eine Trophäe für Visitenkarten. Warum nur sind die Leute so dämlich und zahlen dafür bei dubiosen Agenturen Geld?

J. Schloemann

Wo ist der Doktor? Im Impressum einer amerikanischen oder englischen Qualitätszeitung, im Verzeichnis der Abteilungsleiter eines gehobenen amerikanischen oder englischen Firmenbüros findet man sehr selten einen promovierten Akademiker. Das geübte Säuseln "Herr Doktor Schmidt ist zu Tisch" einer deutschen Vorzimmerdame, man kann es dort nicht vernehmen. Dabei haben jene Länder, bei allen Klagen über einen gewissen akademischen Niedergang auch dort, bis heute eine Reihe von exzellenten Universitäten. Wie anders ist das in Deutschland: Hier ist im Impressum der Qualitätszeitung oder unter den Abteilungsleitern im Büro oft jeder zweite Name mit einem "Dr." versehen.

Doktortitel gegen Bares: In manchen etablierten Positionen bedeutet der Doktor einfach nur noch so viel wie: "Der konnte mal was".

(Foto: Foto: iStock)

Trophäe für Klingelschilder und Visitenkarten

Warum gibt es diesen Unterschied? Neben der ererbten Titelseligkeit der mitteleuropäischen bürgerlichen Gesellschaft liegt es daran, dass in England und in den USA meist ein normaler Studienabschluss an einer renommierten Universität ausreicht, damit man für einen höheren Beruf in Frage kommt. Wer dort hingegen einen Doktor macht, also einen "Ph.D.", der unterliegt strengeren Auswahlkriterien, und er entscheidet sich damit vor allem langfristig für eine akademische Laufbahn. Das heißt: Er bleibt meistens an der Universität. Außerhalb derselben gibt es nämlich für den aufwendig erworbenen akademischen Grad gar keine sinnvolle Verwendung - abgesehen vielleicht von speziellen Randbereichen, etwa Biotechnologie-Firmen, die aus der Universität heraus gegründet wurden und mit ihrer fachlichen Qualifikation werben.

In Deutschland jedoch ist der Doktortitel häufig keineswegs Ausdruck lebenslänglicher wissenschaflicher Berufung, sondern eine Trophäe für Klingelschilder und Visitenkarten. Der Titel gilt außerhalb der akademischen Welt als Ausweis, über die gute Examensnote an einer austauschbaren deutschen Universität hinaus - denn die kann heute wirklich jeder halbwegs begabte Abiturient erlangen - mehr, besser, gründlicher studiert zu haben. Die Beharrungskraft, Selbständigkeit und Akribie, die der Kandidat bei der Bearbeitung eines wissenschaftlichen Themas bewiesen haben muss, wird er, so die Hoffnung, auch im Büro an den Tag legen. Erfüllt er die Erwartung, dann schlägt sich dies in seinem Gehalt wieder, und Firma und Angestellter verwenden dann den Titel zur gegenseitigen Distinktion.

"Ganz blöd kann er nicht sein"

In manchen etablierten Positionen bedeutet der Doktor einfach nur noch so viel wie: "Der konnte mal was" - der Betitelte hat sein heutiges Büroleben früher einmal mit Leistungen grundiert, die übers Tagesgeschäft hinausweisen. Mindestens aber bedeutet der Verweis auf die Promotion landläufig: "Ganz blöd kann er nicht sein." So hat einst die CDU permanent öffentlich von "Dr. Helmut Kohl" gesprochen, nicht nur um den Respekt zu verstärken, sondern um den Provinzialismusvorwurf zu kontern, also das Vorurteil, der Bundeskanzler sei geistig nie über den Saumagen hinausgekommen.

Weniger offensiv wird im gegenwärtigen Wahlkampf die akademische Qualifikation der Bundeskanzlerin herausgestellt, weil sie ohnehin schon in Gefahr steht, als ungemütlich und verkopft zu gelten, weswegen man lieber ihre weichen Züge betont. Übrigens konkurriert Dr. Angela Merkel gerade mit Dr. Frank-Walter Steinmeier, Dr. Guido Westerwelle und Dr.Gregor Gysi - sie sind allesamt zuletzt nicht durch intensive wissenschaftliche Studien aufgefallen.

Auf der nächsten Seite: Heute wird sogar für ein Volontariat in einem kleineren Provinzmuseum ein kunsthistorischer Doktor verlangt.

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