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Diskussion über Homeoffice:Der Preis: Befördert werden andere

Brenda Bratt sagt, solche Begegnungen gebe es auch im virtuellen Raum. Die Personalmanagerin aus Bothell, US-Staat Washington, hat in ihrem Berufsleben schon beides getan: im täglichen Stau auf dem Weg ins Büro gestanden und sieben Jahre vom Heimbüro aus gearbeitet - und war dabei zur Chefin aufgestiegen. "Ich habe bewusst virtuelle Kaffeepausen mit Kollegen eingeplant, um sicherzugehen, dass wir ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis hatten", erzählt sie. Heimarbeit sei für ihren Arbeitgeber und sie sehr effektiv gewesen, man habe sich noch stärker vertraut als zuvor. Bei der Betreuung ihrer Zwillinge, die heute Teenager sind, war diese Arbeitsweise eindeutig von Vorteil. "Ich hatte die Flexibilität, am selben Nachmittag einen Kunden zu betreuen und ein Softball-Spiel meiner Kinder zu besuchen." Wenn eines der beiden krank war, sei sie in Rufweite gewesen. "Als Führungskraft sollte man sich ohnehin immer intensiv mit der Leistung seiner Mitarbeiter beschäftigen, ob sie aus der Ferne oder auf derselben Etage arbeiten", sagt Brenda Bratt.

In den USA arbeiten laut Zensus 2010 zehn Prozent aller Beschäftigten mindestens einen Tag pro Woche von daheim aus, 4,3 Prozent tun das ständig. In vielen Firmen ist Fernarbeit Programm. So haben bei IBM 40 Prozent der Belegschaft einen Telearbeitsplatz. Nicht alle sind glücklich damit. Das Firmenkürzel stehe für "I'm by myself", klagen vereinsamte Mitarbeiter. Vereinzelung sei ein Problem, schreiben die Beraterin Tammy Johns und die Professorin Lynda Gratton in der Harvard Business Review. "Je weniger die Mitarbeiter mit ihren Unternehmen verbunden sind, desto wichtiger werden Nachbarschaft und andere Gemeinschaften." Sie plädieren in ihrem Aufsatz "The Third Wave of Virtual Work" für Gemeinschaftsbüros, in denen sich Telearbeiter verschiedener Firmen treffen.

Amerikanische Unternehmen haben auch aus Kostengründen Mitarbeiter ausgelagert. Die Beraterfirma Global Workplace Analytics hat errechnet, dass die US-Wirtschaft 700 Milliarden Dollar pro Jahr sparen könnte, würden alle Amerikaner, die können und wollen, die Hälfte ihrer Arbeitszeit von Ferne einbringen. Eine typische Firma könnte ihre Kosten pro Jahr und Beschäftigtem um 11.000 Dollar senken. Das betreffe vor allem Büroimmobilien. Auch die Umwelt profitiere: Die im Berufsverkehr eingesparte Erdölmenge entspreche 37 Prozent der Importe aus dem Persischen Golf.

Abschied am Bahnhof

In einem Land mit so viel Mobilität wie den USA wollen Firmen mithilfe der Heimarbeit aber auch wertvolle Mitarbeiter halten. Als Steve Crumley seinen Arbeitgeber wechselte und von der Hauptstadt Washington nach Minneapolis zog, durfte seine Frau Tanja, die bei der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft arbeitet, ihren Job in die 900 Meilen entfernte Stadt mitnehmen. Seit acht Jahren arbeitet sie nun von daheim aus - in der internen Kommunikation. Sie nutzte den Wechsel für die Familiengründung: "Ich konnte mich immer gut um meinen Sohn kümmern, von der Schwangerschaft habe ich überhaupt erst im letzten Drittel erzählt. Außerdem spare ich mir den Stau", sagt sie. Der Preis: Befördert werden andere.

In den meisten deutschen Firmen ist Telearbeit dagegen exotisch. Noch immer müssen sich unzählige Paare jeden Sonntagabend auf dem Bahnhof verabschieden, weil sie in verschiedenen Städten arbeiten. Wahlfreiheit widerspricht vielerorts der Unternehmenskultur.

Bei Siemens zum Beispiel, einem Hochleister in Technologie, hat zwar ein Großteil der Belegschaft in Deutschland die Möglichkeit zur Fernarbeit. Eine Betriebsvereinbarung regelt allerdings, dass maximal 20 Prozent der Arbeit von daheim aus geleistet werden dürfen. Nur ein sehr kleiner Teil der über 120.000 deutschen Siemens-Beschäftigten hat echte Telearbeitsplätze mit der Erlaubnis, bis zu 80 Prozent von außen zu werkeln. Allerdings hat jeder Telearbeiter einen Anspruch auf einen Arbeitsplatz in einer Niederlassung. Gezielt gefördert wird das Arbeiten von daheim nicht. "Wir verstehen das eher als Angebot", sagt ein Siemens-Sprecher.

Auch beim Deutschen Gewerkschaftsbund steht Heimarbeit noch nicht im Fokus. Beim "DGB-Index Gute Arbeit" zum Beispiel, einer Art Fieberthermometer für Arbeitsqualität, sorgt man sich um anderes: die Gefahren ständiger Erreichbarkeit.