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Digitalisierung und Smart Home:"Die Veränderungen fürs Handwerk sind schon heftig"

Lesezeit: 5 min

Die Digitalisierung des Zuhause verändert auch den Beruf des Elektrotechnikers. Ein Brancheninsider spricht über Jobchancen und Kundenansprüche.

Interview von Sarah Schmidt

Während der U-Bahnfahrt mit dem Smartphone die Heizung steuern, auf dem Heimweg von der Arbeit schon mal den Backofen aktivieren und vom Sofa aus das Heimkino mit dem Tablet starten: Die Digitalisierung verändert den Alltag und das Wohnen vieler Menschen grundlegend und damit auch das Berufsbild zahlreicher Handwerker. Irgendjemand muss schließlich all die intelligenten Systeme und vernetzten Geräte installieren und einrichten - und das Ganze wieder zum Laufen bringen, sobald es ein Problem gibt.

Hans Auracher ist Vorstandsmitglied beim Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke. Dort ist er für das Thema Aus- und Weiterbildung zuständig. Der gelernte Elektroinstallateur erklärt, wie gravierend die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Beruf sind - und wie gut sich die Branche auf die Zukunft eingestellt hat.

SZ: Kann jemand mit dem Ausbildungsniveau von vor 20 Jahren den Job überhaupt noch adäquat ausüben?

Hans Auracher: Vielleicht kann jemand der in einem Unternehmen fest angestellt ist, eine Art Hausmeister noch zurechtkommen mit dem, was er damals in der Ausbildung gelernt hat. Aber die Betriebe, die wirklich am Markt sind und die, die ausbilden, können sich das auf keinen Fall leisten. Die brauchen Mitarbeiter, die bei der technischen Entwicklung auf dem Laufenden geblieben sind.

Was hat sich am Berufsbild verändert?

Die Veränderungen fürs Handwerk sind schon heftig. Mittlerweile muss man zum Beispiel einen Wetterfühler verbauen können, damit bei Sonne der Rolladen herunterfährt. Neben der Steuerungstechnik ist aber auch weiterhin die Energieverteilung im Haus eine wichtige Aufgabe. Das Verlegen von Leitungen macht immer noch 80 Prozent der Arbeit aus - schließlich brauchen all die Soundsysteme, Lampen und Heizkörper, die jetzt digital gesteuert werden, Strom. Ob Sie jetzt die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach oder irgendwann das Elektroauto in der Garage in das System integrieren wollen: Sie haben es mit Energie zu tun.

Aber ehrlich gesagt verläuft die aktuelle technische Entwicklung nicht ganz so rasant, wie das in der Öffentlichkeit manchmal erscheinen mag. Gebäude-Automation gibt es im Gewerbebereich schon seit 30 Jahren, jetzt kommt die Sache in den Privathaushalten an. Das ganze Thema ist vor allem das Ergebnis einer tollen Marketingarbeit.

Wie meinen Sie das?

Ich meine den Begriff "Smart Home". Letztlich bedeutet dieser Begriff dasselbe wie intelligente Gebäudesteuerung und die gibt es bereits seit Jahren. Man greift auf bewährte Technik zurück und passt sie für den normalen Haushalt an. Außerdem hat die Entwicklung von Smartphones und Tablets dazu beigetragen, das Ganze attraktiv zu machen. Dabei hat "Smart Home" mit dem Smartphone erst einmal gar nichts zu tun. Wenn Sie ein smartes Zuhause haben, dann müssen Sie es eben nicht selbst übers Handy steuern. Dann entscheidet das intelligente Haus selbst, ob geheizt werden muss, um die Raumtemperatur zu halten. Trotzdem fasziniert es viele Leute, über ihr Display kontrollieren zu können, wer gerade an der Haustür klingelt oder wie warm es im Wohnzimmer ist. Solche Sachen werden nachgefragt.

Digitalisierung und Smart Homes werden also auch von den Betrieben als Wachstumsmarkt wahrgenommen?

Auf jeden Fall. In den letzten Jahren wurde sehr viel investiert. Das liegt auch an den niedrigen Zinsen - die Leute heben das Geld vom Sparkonto ab und bauen lieber das Haus aus.

Viele Meister sagen: "Das tu ich mir nicht mehr an."

Was sind denn die vielversprechendsten Bereiche?

Aktuell ist die Elektromobilität sehr im Fokus. Schon in naher Zukunft werden wir viel mehr Autos haben, die elektrisch fahren. Zum anderen ist die Informationselektronik ein großes Thema. Es geht ganz klar weg vom Fernseher hin zu Multimedia-Anwendungen. Der Computer wird die Kommandozentrale im Haus - sei es für Youtube oder die Türsprechanlage.

Was auf lange Sicht kommt, ist das "assistierte Leben". Wenn man älter wird, kann man daheim in seiner Burg bleiben. Statt ins Pflegeheim zu gehen, wird die Wohnung umgebaut und annehmlich gestaltet. Dann geht das Licht an, wenn ich reinkomme und wenn ich falle, merkt der Teppich das und ruft den Doktor an. Das ist schon Stand der Dinge, das werden wir in den nächsten fünf Jahren verstärkt erleben.

Und doch gibt es, wie in jeder Branche, Firmen, die größeren Neuerungen skeptisch gegenüber stehen.

Das ist in der Tat zwiespältig. Viele, die in den 80ern und in den 90ern Betriebe übernommen haben, sind jetzt selbst um die 60 Jahre alt. Da gibt es Meister, die sagen: "Das tu ich mir nicht mehr an mit dem modernen Schnickschnack."

Die meisten mischen dann aber doch ein bisschen mit bei der neuen Technik. Schließlich wollen viele den Betrieb nicht zusperren, wenn sie in Rente gehen, sondern verkaufen. Und einem möglichen Interessenten, der dafür ja auch Geld bezahlen soll, können Sie nicht sagen: "Ich habe das so laufen lassen, hier sind meine drei Kunden, bei denen kannst du die Glühbirnen wechseln."

In Summe hat das Handwerk wohl begriffen, dass man sich weiterentwickeln muss. Die Weiterbildungskurse sind jedenfalls immer gut gebucht. Da machen die Kammern mit, die Verbände, aber auch private Anbieter, etwa Technikhersteller.

Hat sich auch der Anspruch geändert, den die Kunden an einen Elektriker stellen? Eine Sicherung reindrehen, bekommen die meisten noch hin. Aber wenn es im hochkomplexen digital vernetzten Zuhause ein Problem gibt, sind sie vermutlich aufgeschmissen.

Die Sicherung können Sie nach wie vor selbst reindrehen. Aber auch beim Thema Vernetzung sind viele Kunden sehr tief im Thema. Schließlich ist auch alles im Internet zu finden. Deshalb sagen wir den Kollegen: Bitte nehmt die Kunden ernst, denen könnt ihr nichts vom Pferd erzählen.

Mittlerweile gibt es auch viele kleine Systeme aus dem Baumarkt für jedermann. Begabte Bastler können sich das selbst einrichten. An die Steckdose muss immer noch ein Zwischensteckerle und daran noch die Stehlampe, bedient wird per Wlan. So haben Sie dann auch eine kleine smarte Lösung. Das ist aber nichts, womit sich die Elektriker befassen, denn für die Stunden, die das braucht, ist die Arbeitszeit einfach zu teuer.

Aber je weiter die Smart-Home-Technologie fortschreitet, je professioneller die Technik wird, desto weniger können Sie das als Laie beherrschen.

Elektro- und Gebäudetechniker sind beliebte Ausbildungsberufe

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Ausbildung?

Schon vor zehn Jahren wurde die Ausbildung überarbeitet und die digitalen Anwendungen wurden in die Ausbildungspläne eingebaut. Da waren wir relativ fix. Der Hintergedanke war schon: Wenn ältere Meister sich nicht mehr reinfuchsen wollen, dann holen wir wenigstens die neue Generation ab.

Was ist besser für jemanden, der jetzt eine Ausbildung anfängt: Generalist oder Spezialist werden?

In den ersten zwei Jahren bekommen die Auszubildenden eine fundierte Grundausbildung. Erst danach folgt die Fachausbildung, also eine Spezialisierung. Von insgesamt sieben Ausbildungsvarianten sind zwei in der Informationselektronik, die sehr stark in das Thema reinwachsen. Früher hat man sich da klassisch um Fernseher und Hifi-Anlagen oder Büro-Kopierer und -PCs gekümmert. Da wird es in Zukunft sehr viel mehr um Heimvernetzung gehen. Zum Beispiel darum, dass die Waschmaschine lernt, wann sie das Programm startet, wenn am Sonntagmittag oder in der Nacht der Strom besonders günstig ist. So etwas zu programmieren und einzurichten ist durchaus komplex. Das ist dann etwas für Facharbeiter.

Später im Beruf ist die Frage eher, ob der Betrieb auf dem Land oder in der Stadt ist: Auf dem Land werden Generalisten gebraucht, in der Stadt angesichts der großen Konkurrenz Spezialisten.

Wir wirkt sich die digitale Entwicklung auf das Image des Elektrotechnikers aus?

Der Elektrotechniker und der Gebäudetechniker sind aktuell der gefragteste Beruf beim Nachwuchs: In Bayern haben wir die Automechaniker, die Mechatroniker, überholt. Das hat schon Zukunft. Wenn es um die Berufswahl geht, ist die Sicherheit auch ein wichtiges Argument: In 20 Jahren wird es auf jeden Fall noch Strom geben, aber wer weiß, wie man dann Auto fährt.

Seitdem der Job sich weiter weg entwickelt von der groben mechanischen Geschichte, ist der Beruf außerdem attraktiver für Frauen geworden. Die Zahl der weiblichen Auszubildenden steigt - auch wenn das gern noch viel mehr werden könnten.

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