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Digitalisierung:Zeit bleibt auf der Strecke

"Shadow Work", Schattenarbeit, nennt der Harvard-Soziologe und Journalist Craig Lambert dieses Phänomen in seinem gleichnamigen Buch, das soeben auf Deutsch erschienen ist ("Zeitfresser: Wie uns die Industrie zu ihren Sklaven macht", Redline Verlag). Was aufgrund all dieser Extra-Aufgaben, die sich über den Tag summieren, auf der Strecke bleibt, ist natürlich Zeit.

Die halbe Stunde, die wir einsparen, weil sich Unterlagen blitzschnell als Mail-Anhang verschicken oder Sachverhalte recherchieren lassen, geht dafür drauf, dass wir mit demselben Computer das passende Bahnticket für die bevorstehende Dienstreise suchen und buchen. Bis dann noch die Banküberweisungen, die Web-Einkäufe und -Bewertungen erledigt sind, zieht sich die Arbeit bis in den Abend, obwohl doch eigentlich um 17 Uhr Büroschluss war. Technischer Fortschritt, der uns eigentlich Arbeit abnehmen und Zeit schenken sollte, hat uns zusätzliche Stunden aufgebrummt.

34 Prozent

... der Berufstätigen in Deutschland fühlen sich von der digitalen Arbeitswelt überfordert. Nach einer TNS Infratest-Umfrage glauben sie, dafür nicht immer gerüstet zu sein. 68 Prozent finden hingegen, dass digitale Technologien wie Smartphone und Internet ihren Job einfacher machen. Bereits knapp jeder Vierte arbeitet nicht an einem festen Arbeitsplatz im Büro, sondern vermehrt mobil.

Aber vielleicht sind wir an dieser Entwicklung nicht unschuldig. Vielleicht wollen wir es gar nicht anders. Vielleicht fürchten sich viele unbewusst vor Freizeit. In manchen Firmen herrscht das Last-man-standing-Prinzip: Wer abends am längsten bleibt, beweist, dass er am härtesten arbeitet - egal, was er oder sie da eigentlich am Computer treibt. Wer viel in Eile und dauernd beschäftigt ist, beweist die eigene Wichtigkeit. Da kommen zeitraubende Extra-Aufgaben, die sich ins Leben schleichen, durchaus zupass.

"Wer darauf Wert legt, von seinen Mitmenschen als erfolgreich wahrgenommen und bewundert zu werden, muss einen übervollen Terminkalender vorweisen, akuten Zeitmangel demonstrieren und diesen zugleich beklagen", schreiben Karlheinz Geißler und Jonas Geißler in ihrem Buch "Time is honey - Vom klugen Umgang mit der Zeit". Der Kommunikationskiller "Ich habe keine Zeit" fungiere als "Türöffner für die Suiten der Erfolgreichen, der Angesehenen und der Bewunderten".

Zu Kommunikationskillern macht die Schattenarbeit in der Tat. Die menschlichen Kontakte reduzieren sich. Wo kein Schalterbeamter, kein Supermarktkassierer, kein Reisebüromitarbeiter, da kein Plausch, kein Ideenaustausch, keine spontanen Tipps. Stattdessen: Strafarbeiten.

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