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Digitales Sommersemester:Einfach mal probieren

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Von allem das Beste herausfiltern: Hochschülerinnen und Hochschüler arbeiten zurzeit mit unterschiedlichen Konferenz- und Videosystemen. Welche Methoden sich längerfristig durchsetzen, muss sich erst noch herausstellen.

(Foto: Uwe Umstätter/imago)

Die Hochschulen testen zurzeit viele verschiedene Online-Systeme für die Lehre. Einige haben bereits eine Zwischenbilanz gezogen: Welche Instrumente überzeugen und welche Herausforderungen noch zu meistern sind.

Die Technische Hochschule (TH) Lübeck ist mit rund 5000 Studierenden eine Fachhochschule mittlerer Größe. Was die Digitalisierung betrifft, gehört sie indes zu den ganz Großen: Sie initiierte die Gründung des Hochschulverbunds "Virtuelle Fachhochschule" im Jahr 2001, erhielt 2015 den Preis des Stifterverbands und der Heinz-Nixdorf-Stiftung für die Digitalisierung von Lernstrukturen und beschäftigt mittlerweile 40 Mitarbeiter, die sich dem Thema digitale Lehre widmen. Das sind nur drei Beispiele, die verdeutlichen, warum die Corona-Pandemie und die Umstellung auf ein digitales Sommersemester für TH-Präsidentin Muriel Helbig weniger Stress bedeutet haben als für andere Hochschulen. "Die Techniken, die Kenntnisse, die Infrastruktur - alles, was wir für eine digitale Lehre brauchen, war schon da", berichtet sie. Was gefehlt habe, sei schlichtweg gewesen, das gesammelte Wissen und die vielen Erfahrungen in den Hochschulalltag zu tragen.

Der Datenschutz gehört beim virtuellen Lernen zu den besonders kniffligen Themen

Zum Start des digitalen Sommersemesters Mitte April mussten deutschlandweit die Hochschulen das, was sie zuvor an E-Learning-Elementen wie etwa Videovorlesungen, Webinare, Chats oder Online-Vorlesungen als Livestreams vereinzelt einsetzten, nun flächendeckend umsetzen. "Vor Corona wurden Dinge oft noch lange diskutiert, jetzt werden sie einfach gemacht", sagt Florian Rampelt, stellvertretender Leiter der Geschäftsstelle des Hochschulforums Digitalisierung. Die Einrichtungen fühlen sich dafür bereit: Knapp 90 Prozent der Hochschulen gaben laut Hochschul-Barometer des Stifterverbands Ende April zu Protokoll, sie fühlten sich gut gerüstet für den Start in das Sommersemester. 85 Prozent betonten aber auch, dass noch rechtliche Rahmenbedingungen zu klären seien. "Es gibt eine große Unsicherheit, wie man mit datenschutzrechtlichen Problemen umgehen soll", sagt Rampelt. Welche Copyright-Rechte müssen beachtet werden, wenn man Lehrmaterialien online stellt? Wie gehen Dozenten mit Persönlichkeitsrechten von Studierenden bei der Aufzeichnung von Seminaren um? Und vor allem: Wie lassen sich Prüfungen digital durchführen, ohne dass geschummelt wird? Einfach mal probieren, lautet nun die Devise vielerorts.

Das gilt zum Beispiel für die HHL Leipzig Graduate School of Management. "Wir haben 95 Prozent der Kurse auf digitale Formate umgestellt", berichtet HHL-Rektor Stephan Stubner. Bereits von Mitte Februar an habe man beispielsweise sichergestellt, dass auf den Rechnern der Dozenten Softwareprogramme für Konferenzen oder Chats wie Microsoft Teams, Webex oder Zoom installiert und Webcams angebracht wurden. "Vieles in der Lehre hat sich gut eingependelt", bilanziert er. Weniges sei noch unklar. Dazu gehört die Prüfungssituation. Mehrere Ansätze hat die HHL dafür bereits erprobt. Eine Option war die Open-Book-Variante, bei der Studierende in der Klausur Bücher nutzen dürfen. Wissen wird in der Klausur dann nicht abgefragt; es kommt vielmehr darauf an, Gelerntes bei der Suche nach Lösungen einzusetzen. Eine andere Möglichkeit: Man stellt in der Klausur bewusst zu viele Aufgaben, sodass den Hochschülern keine Zeit bleibt, sich das Wissen mühsam online oder in Büchern zusammenzusuchen. Als normal gilt dann, nur 70 bis 80 Prozent der Aufgaben zu schaffen. Variante drei nutzt Youtube: Dabei zeichnet eine Videokamera auf, wie der Student zu Hause eine Klausur schreibt. "Dieses Livestreaming war jedoch technisch fehleranfällig, da sehr viele Studierenden immer wieder Übertragungsschwierigkeiten hatten", berichtet Stubner. Welche der Varianten künftig zum Einsatz komme, sei noch offen. "Wir sind dabei zu experimentieren."

An der Universität Hannover hat Cornelis Kater Mitte Mai eine erste Zwischenbilanz des digitalen Sommersemesters gezogen. Kater leitet die Abteilung E-Learning Service an der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre und schafft mit seinem Team die technischen Voraussetzungen dafür, dass Professoren möglichst reibungslos lehren können. Einer der Gewinner des digitalen Sommersemesters ist Big Blue Button, ein Tool für Videokonferenzen, das Hochschulen ohne Lizenzkosten nutzen können. "Lehrende können damit Seminare für bis zu 100 Studierende in Echtzeit abhalten, man kann Gruppenräume einrichten und Präsentationen übersichtlich darstellen", sagt Kater. Da die Übertragungsdaten im Besitz der Hochschule bleiben und nicht wie bei konkurrierenden Systemen dem Videoanbieter überlassen werden, sind auch die Datenschutzanforderungen erfüllt. Enorm zugenommen hat an der Universität Hannover der Einsatz von Videos in Vorlesungen: Waren es vor der Krise nur circa 80 Veranstaltungen, arbeiten mittlerweile Dozenten in rund 1300 Veranstaltungen mit Videos unterschiedlicher Art, vom kleinen dreiminütigen Erklärvideo über 15-minütige Videoblöcke bis hin zur 90-minütigen Vorlesung. Kater: "Videokonferenzen und der Einsatz von Videos in der Lehre werden auch nach der Corona-Krise fester Bestandteil der Lehre bleiben."

Einige Formate werden auch in der Zukunft nur als Präsenzangebot funktionieren

Das Sommersemester hat bereits gezeigt, wo Grenzen liegen. An der Leipziger HHL hat Rektor Stubner einen "Ermüdungseffekt" bei den Studierenden ausgemacht. "Die Studenten vermissen die Interaktion in der Klasse, mit Menschen in einem Raum zu sein", sagt er. An der TH Lübeck ergab eine Umfrage Anfang Mai, dass es mehr als 50 Prozent der Studierenden schwieriger fanden, den Stoff digital zu erarbeiten als in der Präsenzlehre und dass das mehr Zeit erfordere. Dazu kamen technische Probleme: So beklagte jeder Fünfte eine unzureichende Internetanbindung. "Zu glauben, dass alle Studierende Digital Natives" seien, sei "widerlegt", stellt Digitalisierungsexperte Rampelt fest. "Sie müssen in der Online-Lehre begleitet werden, zum Beispiel durch Beratungsangebote, klare Empfehlungen zum gemeinsamen Arbeiten oder regelmäßige Webinare zum Lernen und Selbstorganisieren im digitalen Sommersemester." Bestätigt hat das Sommersemester bislang auch, dass man nicht alle Formen der Lehre ins Digitale transferieren kann. "Fachliche Exkursionen, Praktika in den Naturwissenschaften oder die Arbeit an Geräten in Laboren lassen sich nicht digital umsetzen", sagt die Lübecker TH-Präsidentin Helbig. Ähnliches gilt auch für kommunikationsstarke Studiengänge wie die Theaterwissenschaften oder für Teamarbeiten an Objekten wie zum Beispiel in der Architektur. "Gemeinsam in einer Studierendengruppe ein Baumodell begutachten und darüber diskutieren, ist kaum möglich."

Finanzielle Unterstützung fürs digitale Sommersemester erhalten die Hochschulen über Förderprogramme, die die Wissenschaftsministerien vieler Bundesländer im Zuge der Corona-Pandemie rasch aufgelegt haben: Acht Millionen Euro geben etwa das Niedersächsische Wissenschaftsministerium und die Volkswagenstiftung für die Landeshochschulen. "Jede Unterstützung hilft, und was es als Erstes braucht, ist Personal", sagt Cornelis Kater. Dieses werde gebraucht für den Betrieb der IT-Systeme, die Unterstützung der Lehrenden und Studierenden oder die Produktion von Lernmedien.

Wie die Hochschullehre der Zukunft aussehen wird, wird sich zeigen. "Die derzeitige Situation ist eine Notsituation und nicht der Regelfall", betont Florian Rampelt. "Die Digitalisierung in der Lehre ist wichtig, weil es die Lehre flexibler macht, es wird die Präsenzhochschule jedoch nicht ersetzen", so Muriel Helbigs Resümee. Ziel sei, die besten Instrumente aus beiden Welten zu kombinieren.

© SZ vom 05.06.2020
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