Süddeutsche Zeitung

Digitale Nomaden:Wanderarbeiter in eigener Sache

Moderne Nomaden arbeiten als Berater, Blogger oder Marketingexperten. Auch wenn sie immer auf Reisen sind: Sie brauchen gewisse Strukturen, damit das Berufsmodell funktioniert.

Felicia Hargarten und Marcus Meurer haben gepackt. Drei Quadratmeter misst die Lagerbox, in der sie die Überbleibsel ihres früheren Lebens verstaut haben. Ein Leben, das nun in blaue Ikeatüten passt, dazu ein paar Kisten mit Erinnerungsfotos und alten Tennispokalen.

Hargarten und Meurer sind digitale Nomaden. So nennen sich Menschen, die ortsunabhängig arbeiten. Zogen Nomaden früher aus wirtschaftlichen Gründen umher, verlassen heutige Wanderarbeiter ihr Zuhause aus freien Stücken. Sie arbeiten als Blogger oder Berater, als Spezialisten für Marketing oder Webdesign - und das von überall auf der Welt.

Ein Lebensstil, für den man sich rechtfertigen muss

Mit großen Rucksäcken bepackt, sind Hargarten und Meurer seit drei Jahren unterwegs. Sie reisen dem Sommer hinterher - nach Thailand, Tansania oder Tasmanien. Ein Lebensstil, den sie gerade am Anfang immer wieder rechtfertigen mussten, erzählt Meurer: "Nein, wir haben nicht im Lotto gewonnen. Nein, das ist kein Dauerurlaub. Nein, auch nicht irgendein Egotrip."

Die beiden arbeiten als Selbständige, verdienen ihr Geld mit Online-PR oder Event-Management - nur eben auf Reisen. Feste Strukturen und Routine seien trotzdem wichtig, sagt Meurer. Wer ortsunabhängig und eigenverantwortlich arbeiten will, brauche Disziplin. "Die Chance, an den coolsten Orten der Welt zu arbeiten, ist gleichzeitig die größte Herausforderung."

Im Mai vergangenen Jahres organisierte das Paar die erste deutschlandweite Konferenz für digitale Nomaden. Geplant war ein kleiner Workshop für Bekannte. Etwa 30 Leute sollten im Berliner Betahaus, einer offenen Bürogemeinschaft für digitale Arbeiter, zusammenkommen. Die Nachfrage war größer. Aus der kleinen Gruppe wurden 180 Teilnehmer, und die DNX entstand, eine Mischung aus Karriere- und Lifestyle-Veranstaltung für reisende Selbständige. "Unser Ziel war es, Knowhow zu vermitteln, aber auch Vernetzung untereinander zu ermöglichen", sagt Hargarten, 33 Jahre alt. Der ersten Konferenz folgten zwei weitere mit 300 und 500 Teilnehmern. Die vierte ist in Planung, außerdem eine Version in englischer Sprache.

Gestandene Manager, vom Fernweh geplagt

Mindestens zwei Mal im Jahr wollen die beiden künftig die Szene versammeln. Und es scheint, als hätten sie mit ihrer Idee den Nerv einer neuen Arbeitnehmergeneration getroffen. Zu den Konferenzteilnehmern zählen Selbständige, die schon länger unterwegs sind, Freelancer, die über den Aufbruch nachdenken oder Studenten, die noch nicht wissen, welchen Weg sie einschlagen sollen. Es sind aber auch gestandene Manager dabei, die schon vieles erreicht haben und plötzlich vom Fernweh gepackt werden.

Abitur, Ausbildung, Studium, Beruf - Hargarten und Meurer kennen die üblichen Lebensstationen, haben selbst jahrelang an einem Ort, im selben Büro, mit denselben Menschen gearbeitet. Doch zwischen den vertrauten Gesichtern und den geregelten Abläufen schlich sich irgendwann das Gefühl ein, dass dies nicht alles gewesen sein kann. 2013 kündigten beide ihren Job. Sie wollte reisen, er träumte von der Selbständigkeit. Irgendwo zwischen Myanmar und den Philippinen kam ihnen die Idee, beides zu verbinden.

Präsenzkultur als Relikt der Industriegesellschaft

Die ersten Leser ihres Reise-Blogs, der erste Facebook-Fan, das erste selbst verdiente Geld durch Amazon-Werbung - und der Stein kam ins Rollen. Sehnsucht nach Sesshaftigkeit habe sie seitdem nur selten erfasst. "Irgendwann merkst du, dass sich das Leben zu Hause eigentlich kaum verändert. Nur du hast megaviel erlebt", sagt der 37-jährige Meurer. Zumindest erscheint es den Reisenden so, denn was die Daheimgebliebenen wirklich bewegt, rückt für sie in immer weitere Ferne.

Jetzt sei der perfekte Zeitpunkt, um ins digitale Nomadentum einzusteigen, findet Hargarten: "Die Bedingungen sind besser geworden. Wir stehen nicht mehr ganz am Anfang, es ist aber auch noch Luft nach oben." Nine-to-five-Jobs und die Präsenzkultur in den Unternehmen hält sie für ein Relikt der Industriegesellschaft, überholt durch neue digitale Möglichkeiten. Das Nomadentum passe zum Lebensgefühl der Generation Y, die nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung im Berufsleben verlangt. "Ich habe jetzt einen Status, den ich noch nie hatte", sagt Meurer. "Keiner kann mir irgendwas sagen. Das ist besser als das fetteste Auto der Welt." Was früher ein Firmenwagen, eine Gehaltserhöhung oder eine weitere Stufe auf der Karriereleiter waren, sind heute Freiheit und Flexibilität. Zumindest für einige.

Nomadentum als örtliche und zeitliche Flexibilität

Martin Glanert ist seit 2012 unterwegs. Als sogenannter Info-Marketer verkauft er digitale Produkte und zeigt anderen, wie sie im Internet Geld verdienen können. Dazu konzipiert er Workshops, führt Blogs und vermarktet eigene Videoschulungen.

Etwa ein Drittel der Zeit verbringt er in Deutschland, ein Drittel in Indien und ein Drittel auf Reisen. Ein liebevoll restauriertes Bauernhaus in Bad Dürrheim und ein Haus umgeben von Reisfeldern im südindischen Tiruvannamalai - Glanert und seine Frau haben zwei Wohnsitze: "Ich brauche eine feste Basis, an die ich zurückkehren kann." Dass er von dem Geld, das er mit deutschen Kunden verdient, in Indien ein Luxusleben führen kann, sei ein angenehmer Nebeneffekt.

Glanerts Ziel: sich selbst überflüssig machen

Vor etwa einem Jahr ist der 31-Jährige Vater geworden. Seither arbeitet er nur noch wenige Stunden am Tag, kümmert sich meist um Kind und Haushalt und sieht sich selbst als "modernen Mann". Ein Team aus freien Mitarbeitern übernimmt sein Tagesgeschäft. Er bringt sich als Coach und Ratgeber nur dann ein, wenn er Lust dazu hat. Digitales Nomadentum bedeutet für ihn nicht nur örtliche, sondern auch zeitliche Flexibilität. Es bedeutet, ein System zu schaffen, das Geld abwirft, aber auch ohne ihn auskommt. Sein Ziel ist es, immer weniger zu arbeiten und sich letztlich selbst überflüssig zu machen.

Glanert zählt sich zu den Leuten, die das digitale Nomadentum "ins Extrem treiben". Menschen, die neben dem Freiheitsdenken im Beruf auch spirituelle Ziele verfolgen, alternative Ernährungsstile und Erziehungsmethoden für ihre Kinder gutheißen. Der 31-Jährige sieht Wochenende und Urlaub als "komische Konzepte", will nicht Aufgaben erledigen, die andere gestellt haben. Manche würden ihn für einen Spinner halten, er sieht sich eher als ein Aussteiger. Nicht so einer mit Schafspulli und langem Bart, aber ein Aussteiger aus dem "mentalen System".

Teilzeit-Reisen mit aufblasbarem Stand-up-Paddling-Bord

Gegen das System hat Tobias Hönemann nichts. Um frei zu sein, hat er lediglich den Bürojob gekündigt. Seinen bisherigen Luxus will er dafür allerdings nicht eintauschen. "Ich bin weit davon entfernt, alles aufzugeben und nur noch das Nötigste zu haben."

Hönemann ist ein digitaler Nomade mit Leihwagen, Flatscreen und eigenem Haus. Sechs Jahre arbeitete er in einer Werbeagentur, 2013 kam er auf die Idee, sich selbständig zu machen. Er konzentrierte sich auf Suchmaschinenmarketing, etablierte mit Freunden Online-Shops, in denen er temporäre Tattoos und Portemonnaies verkaufte, und begann zu reisen. Zumindest Teilzeit.

Die Hälfte des Jahres verbringt Hönemann in seinem Haus in Dortmund. Spätestens nach zwei Monaten kehrt er dorthin zurück, um Geschäftspartner zu treffen. Den Rest der Zeit ist er unterwegs, bepackt mit Koffer, Kamera und Laptop und seinem aufblasbaren Stand-up-Paddling-Board. USA, Norwegen, Südafrika - wohin die Reise geht, entscheiden meist Angebote auf Internetportalen, vorwiegend sind es jedoch westliche Länder.

Manchmal vermisst er die Gespräche mit Kollegen

Bis ins Detail plant Hönemann dann seinen Trip. Unterkunft und Flüge bucht er im Voraus, Informationen über seinen neuen Arbeitsort recherchiert er gründlich. Ein Leben aus dem Rucksack und spontane Abenteuertrips sind nichts für ihn.

Hönemann ist Frühaufsteher. Jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag führt er Telefonate mit seinen Bestandskunden. Etwa acht Stunden arbeitet er, wenn er auf Reisen ist. Zu Hause in Dortmund seien es bis zu 14 Stunden, sagt der 30-Jährige. "Dienstleistungen werden eben nur bezahlt, wenn man gearbeitet und was geleistet hat."

Ihm ist es wichtig, erfolgreich zu sein, gut zu verdienen und einen Ruf in der Branche zu haben. Es scheint, als vereine sich bei ihm der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit mit dem Bedürfnis nach Ordnung, Sicherheit und Altbekanntem. "Manchmal vermisse ich den Austausch mit Kollegen im Büro", sagt er, "sich einfach mal an der Kaffeemaschine zu treffen und zu schnacken."

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Quelle:
SZ vom 18.07.2015
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