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Digitale Nomaden:Glanerts Ziel: sich selbst überflüssig machen

Vor etwa einem Jahr ist der 31-Jährige Vater geworden. Seither arbeitet er nur noch wenige Stunden am Tag, kümmert sich meist um Kind und Haushalt und sieht sich selbst als "modernen Mann". Ein Team aus freien Mitarbeitern übernimmt sein Tagesgeschäft. Er bringt sich als Coach und Ratgeber nur dann ein, wenn er Lust dazu hat. Digitales Nomadentum bedeutet für ihn nicht nur örtliche, sondern auch zeitliche Flexibilität. Es bedeutet, ein System zu schaffen, das Geld abwirft, aber auch ohne ihn auskommt. Sein Ziel ist es, immer weniger zu arbeiten und sich letztlich selbst überflüssig zu machen.

Glanert zählt sich zu den Leuten, die das digitale Nomadentum "ins Extrem treiben". Menschen, die neben dem Freiheitsdenken im Beruf auch spirituelle Ziele verfolgen, alternative Ernährungsstile und Erziehungsmethoden für ihre Kinder gutheißen. Der 31-Jährige sieht Wochenende und Urlaub als "komische Konzepte", will nicht Aufgaben erledigen, die andere gestellt haben. Manche würden ihn für einen Spinner halten, er sieht sich eher als ein Aussteiger. Nicht so einer mit Schafspulli und langem Bart, aber ein Aussteiger aus dem "mentalen System".

Teilzeit-Reisen mit aufblasbarem Stand-up-Paddling-Bord

Gegen das System hat Tobias Hönemann nichts. Um frei zu sein, hat er lediglich den Bürojob gekündigt. Seinen bisherigen Luxus will er dafür allerdings nicht eintauschen. "Ich bin weit davon entfernt, alles aufzugeben und nur noch das Nötigste zu haben."

Hönemann ist ein digitaler Nomade mit Leihwagen, Flatscreen und eigenem Haus. Sechs Jahre arbeitete er in einer Werbeagentur, 2013 kam er auf die Idee, sich selbständig zu machen. Er konzentrierte sich auf Suchmaschinenmarketing, etablierte mit Freunden Online-Shops, in denen er temporäre Tattoos und Portemonnaies verkaufte, und begann zu reisen. Zumindest Teilzeit.

Die Hälfte des Jahres verbringt Hönemann in seinem Haus in Dortmund. Spätestens nach zwei Monaten kehrt er dorthin zurück, um Geschäftspartner zu treffen. Den Rest der Zeit ist er unterwegs, bepackt mit Koffer, Kamera und Laptop und seinem aufblasbaren Stand-up-Paddling-Board. USA, Norwegen, Südafrika - wohin die Reise geht, entscheiden meist Angebote auf Internetportalen, vorwiegend sind es jedoch westliche Länder.

Manchmal vermisst er die Gespräche mit Kollegen

Bis ins Detail plant Hönemann dann seinen Trip. Unterkunft und Flüge bucht er im Voraus, Informationen über seinen neuen Arbeitsort recherchiert er gründlich. Ein Leben aus dem Rucksack und spontane Abenteuertrips sind nichts für ihn.

Hönemann ist Frühaufsteher. Jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag führt er Telefonate mit seinen Bestandskunden. Etwa acht Stunden arbeitet er, wenn er auf Reisen ist. Zu Hause in Dortmund seien es bis zu 14 Stunden, sagt der 30-Jährige. "Dienstleistungen werden eben nur bezahlt, wenn man gearbeitet und was geleistet hat."

Ihm ist es wichtig, erfolgreich zu sein, gut zu verdienen und einen Ruf in der Branche zu haben. Es scheint, als vereine sich bei ihm der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit mit dem Bedürfnis nach Ordnung, Sicherheit und Altbekanntem. "Manchmal vermisse ich den Austausch mit Kollegen im Büro", sagt er, "sich einfach mal an der Kaffeemaschine zu treffen und zu schnacken."

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