Dienstreisen und Klimaschutz:Helfen virtuelle Treffen dem Klima?

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Dienstreisen und Klimaschutz: Für Michael Müller-Görnert vom ökologischen Verkehrsclub VCD sollte jede Dienstreise kritisch hinterfragt werden.

Für Michael Müller-Görnert vom ökologischen Verkehrsclub VCD sollte jede Dienstreise kritisch hinterfragt werden.

(Foto: VCD/Katja Täubert)

Je mehr Geschäftsreisen online stattfinden, desto positiver fällt die Ökobilanz aus. Verkehrsexperte Michael Müller-Görnert zu der Frage, warum Home-Office trotzdem weniger umweltfreundlich ist als angenommen.

Von Miriam Hoffmeyer

Fast eine Million Geschäftsreisen pro Tag wurden 2019 in Deutschland gezählt. Das entsprach einem Anteil von mehr als zehn Prozent am gesamten Reiseaufkommen. Wenn auch nach dem Ende der Pandemie weniger Menschen berufsbedingt reisen, könnte das die CO₂-Emissionen erheblich senken. Bund, Länder und Gemeinden sollten mit ihren Reiserichtlinien ein Vorbild setzen, fordert Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher des ökologischen Verkehrsclubs VCD.

SZ: Wie stark werden CO-Emissionen reduziert, wenn weniger Geschäftsreisen stattfinden?

Michael Müller-Görnert: Wir rechnen damit, dass die Zahl der Geschäftsreisen in Deutschland im Vergleich zu 2019 dauerhaft um etwa ein Drittel und die gesamte Fahrstrecke um ein Viertel zurückgehen werden. Das bedeutet jährliche Einsparungen von insgesamt drei Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen. Allein der Anteil der nicht gefahrenen Autokilometer macht rein rechnerisch 700 000 Pkw überflüssig. Der positive Effekt für den Klimaschutz ist in diesem Bereich sehr deutlich sichtbar, anders übrigens als beim Home-Office.

Aber durch das Home-Office sinkt die Mobilität doch auch sehr stark, oder?

Nicht unbedingt. Die Leute fahren zwar seltener ins Büro, machen aber dafür Extrafahrten, beispielsweise zum Einkaufen, die sie früher mit der Fahrt zur Arbeit verbunden haben. Außerdem müssen sie zu Hause mehr heizen. Und das Home-Office erhöht auch die Motivation, weiter weg vom Arbeitsplatz zu ziehen. In dem Fall wird zwar seltener gependelt, dafür aber über weitere Strecken.

Auch für Videokonferenzen sind hohe Serverleistungen nötig, deshalb wurden sie auch schon als "Klimakiller" bezeichnet. Sind virtuelle Meetings wirklich so viel umweltfreundlicher als reale Reisen?

Ja, auf jeden Fall. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn zwei Personen zu einem Meeting von Stuttgart nach Berlin fliegen, verursachen sie 470 Kilogramm CO₂-Emissionen. Fahren sie mit dem Auto, sind es 380 Kilogramm, bei einer Zugreise nur 65. Wenn die beiden Geschäftsleute aber ganz auf die Reise verzichten und stattdessen eine vierstündige Videokonferenz mit ihren Berliner Partnern abhalten, wird ein einziges Kilogramm CO₂ ausgestoßen!

Der VCD hat im November 2020 und im Juni 2021 gemeinsam mit dem Borderstep-Institut jeweils 500 Geschäftsreisende zum Thema Videokonferenzen befragt. Die Mehrheit der Befragten war sehr oder eher unzufrieden damit. Heißt das, dass sie künftig genauso viel reisen wollen wie früher?

Das glaube ich nicht. Die Gruppe der zufriedenen Nutzerinnen und Nutzer von Videokonferenzen hat sich im Zeitraum zwischen den beiden Befragungen schon mehr als verdoppelt, von 14 auf 32 Prozent. Die Technik war 2020 für die meisten Menschen ja ungewohnt, und es gab viele Anlaufschwierigkeiten. Je länger Videokonferenzen genutzt werden, desto größer ist offenbar der Gewöhnungseffekt. Besonders die Zeitersparnis wird von 80 Prozent aller Befragten als großer Vorteil wahrgenommen.

Und was ist aus deren Sicht der größte Nachteil von Videokonferenzen?

Die Mehrheit befürchtet, dass sich der Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen und zu Kunden verschlechtert, bis hin zum Verlust der persönlichen Beziehungen. Vor allem Geschäftsleute, die in den Bereichen Vertrieb, Kundenbetreuung und Beratung tätig sind, bezeichnen physische Treffen als essenziell. Aber es verlangt ja auch niemand, Geschäftsreisen völlig abzuschaffen. Wichtig ist, die nicht notwendigen Reisen dauerhaft durch klimafreundliche Alternativen zu ersetzen.

Wird das von selbst passieren? Oder braucht es dazu Vorgaben der Politik?

Die Politik muss vor allem mit gutem Beispiel vorangehen. Bund, Länder und Gemeinden sollten konsequentere ökologische Reiserichtlinien für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einführen. So sollte bei jeder Reise kritisch hinterfragt werden, ob sie nicht durch Videokonferenzen ersetzt werden kann. Erst wenn diese Frage positiv beantwortet wurde, geht es um die Wahl des Verkehrsmittels. Bei der Bundesverwaltung gilt heute schon die Vorgabe, bei Dienstreisen möglichst die Bahn zu bevorzugen. Damit Unternehmen das genauso handhaben, müssen Bahnreisen vor allem zuverlässiger und komfortabler werden. Der jetzt beschlossene Ausbau der Bahn ist überfällig.

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