bedeckt München

Deutsche Bahn:Frauen am Zug

Vier Bahnmitarbeiterinnen im Porträt (von linksoben im Uhrzeigersinn): Anja Truppel, Susanne Marschner, Michelle Bruhn und Iris Schuster.

(Foto: DB Regio)

Vier Mitarbeiterinnen erklären ihre Jobs bei der Bahn. Die nennt sich jetzt "ArbeitgeberIN" und will deutlich mehr Bewerberinnen einstellen - auf allen Ebenen. Im Vorstand gelingt ihr das noch nicht.

Von Marco Völklein

Die beiden Buchstaben am Ende des Wortes lässt Martin Seiler nun groß schreiben. Der Personalvorstand der Deutschen Bahn (DB) hat sich schon länger zum Ziel gesetzt, den Konzern zu einem attraktiven Arbeitgeber zu machen. Seit Kurzem nun tritt die Bahn in Anzeigen und im Internet als "ArbeitgeberIN" auf - mit Betonung auf den beiden Buchstaben am Ende. Was das soll? Seiler sagt: "Wir betrachten Vielfalt als zentrales Thema und wollen mehr Frauen gewinnen - und zwar auf allen Ebenen."

In diesem Monat hat er eine Art Frauenoffensive ausgerufen: In Online-Events will sich die Bahn an potenzielle Fachkräfte wenden, unter anderem stellen DB-Mitarbeiterinnen sich und ihre Tätigkeiten vor. Über Social-Media-Kanäle versucht der Konzern zudem, für seine mehr als 500 verschiedenen Berufe zu werben.

Aktuell liegt der Frauenanteil im Konzern bei 23,3 Prozent, den will Seiler steigern. "Gemischte Teams sind erfolgreicher", sagt er. Zumal es sich die DB schlicht nicht leisten kann, 50 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung nicht anzusprechen: Das Durchschnittsalter der Belegschaft ist hoch, in den kommenden zehn Jahren wird etwa jeder beziehungsweise jede zweite Beschäftigte in den Ruhestand wechseln, außerdem will die Bahn als umweltfreundliches Verkehrsmittel wachsen. Was übrigens auch für ihre Konkurrenten im Güter- und Personenverkehr gilt: Auch die suchen zum Beispiel in Stellenanzeigen händeringend Lokführer, Zugbegleiter sowie Fachkräfte für ihre Fahrzeugwerkstätten - gerne auch in der weiblichen Form. Die Bahn-Gewerkschaften hatten in der Vergangenheit immer wieder eine nur auf kurzfristige (Ertrags-)Ziele ausgerichtete Personalpolitik der DB kritisiert. Das räche sich nun.

Außerdem will der Konzern bis zum Jahr 2024 den Anteil von Frauen in Führungspositionen von aktuell 21 auf 30 Prozent steigern. Eine prominente Führungsfrau kam ihm aber gerade erst abhanden: Die für die Digitalisierung zuständige Vorständin Sabina Jeschke scheidet - auf eigenen Wunsch, wie es hieß - spätestens im Mai aus. Wird der Posten nicht nachbesetzt, sitzt Güterverkehrschefin Sigrid Nikutta künftig als einzige Frau im Vorstand. Neben fünf Männern.

Erste Frau auf einer Streckenlok im Raum Nürnberg: Iris Schuster, 45.

(Foto: DB)

Die Lokführerin

Totalausfall einer Lok? Ja, sagt Iris Schuster, so etwas habe sie auch schon mal erlebt. Vor einiger Zeit fuhr sie mit einem Regionalzug in Eitensheim ein, einer Gemeinde etwas mehr als zehn Kilometer nordwestlich von Ingolstadt gelegen. Dort gibt es einen kleinen "Haltepunkt", wie es in der Sprache der Bahner heißt. "Rein kam ich noch", erzählt die 45-jährige Lokführerin, sie gab die Türen frei, Fahrgäste stiegen aus, andere stiegen ein. "Aber raus wollte sie nicht mehr."

Egal, was Iris Schuster auch ausprobierte - die Lok ließ sich keinen Meter mehr bewegen. Also musste sie das Notfallprogramm aktivieren: Die Fahrgäste und das Zugbegleitpersonal informieren, über die Leitstelle eine Abschlepplok organisieren, den nachfolgenden Zug auf das Gegengleis lenken, damit die Fahrgäste dann mit diesem - allerdings erst eine Stunde später - weiterfahren konnten.

Und das passierte ihr ausgerechnet auf einer ihrer Lieblingsstrecken, auf der durch das Altmühltal. Lieblich ist es dort, im Sommer sind viele Radausflügler unterwegs. Iris Schuster indes genießt das Tal meist von ihrem Lok-Führerstand aus, mit freier Sicht auf die Strecke. "Ich liebe diesen Beruf", sagt sie. Das ständige Unterwegssein, die Vielfalt der bayerischen Landschaften - das gefällt ihr. Und der Schichtdienst? "Klar", sagt sie, "das ist nicht für jeden was." Sie aber mag es, zu unterschiedlichen Zeiten zum Dienst anzutreten und an zahllosen Wochenenden Züge zu fahren. "Dafür habe ich dann unter der Woche frei."

Als Grundschulkind hatte sie ihr sehr viel älterer Bruder mal mit zu einem Tag der offenen Tür im Rangierbahnhof in Nürnberg genommen, dort war der Bruder als Werkmeister tätig. Damals muss sie die Bahn-Begeisterung gepackt haben, erzählt sie, "ab da wollte ich nichts anderes mehr machen". Nach der Mittleren Reife ging sie zur Bahn, absolvierte eine Ausbildung zur Energieelektronikerin, anschließend eine achtmonatige Weiterbildung zur Lokführerin. Den Lehrberuf der "Eisenbahnerin im Betriebsdienst/Fachrichtung Lokführerin" gab es damals noch nicht - eine Lehre als Schlosserin oder Elektrikerin war Voraussetzung, um auf einer Lokomotive anfangen zu dürfen.

Als erste Frau auf einer Streckenlok im Raum Nürnberg legte sie im April 1997 los (im Rangierdienst hatte eine Kollegin schon die einstige Männerdomäne erobert), "anfangs gerade von vielen älteren Kollegen noch kritisch beäugt", wie sie erzählt. Aber das habe sich dann schnell gelegt, "die haben gesehen, dass ich hinlangen kann". Gerade bei mit einer Lokomotive bespannten Zügen müssen die Lokführerinnen und Lokführer hin und wieder in den Raum zwischen die Waggons krabbeln und den etwa 20 Kilogramm schweren Kupplungshaken ein- oder aushängen. Mittlerweile allerdings kommen immer öfter moderne Triebzüge zum Einsatz, bei denen muss keiner mehr ins Gleis steigen und sich schmutzig machen, um sie zu kuppeln. "Da fährt man nur noch langsam auf den anderen Zugteil auf" - der Rest geht fast von selbst.

Als nächsten Schritt plant sie ein duales Studium: Anja Truppel, 23, aus Cottbus.

(Foto: DB)

Die Mechatronikerin

Die vergangenen Monate hat Anja Truppel im Projekt "Helms" verbracht. Meterweise Messleitungen hat sie verlegt in den Loks der Baureihe 294, außerdem zahlreiche Messsensoren installiert. Wer öfter mal auf Rangierbahnhöfen unterwegs ist, der kann Maschinen dieser Baureihe im Einsatz sehen: große, schwere Rangierlokomotiven, meist rot lackiert, die Waggons durch die Gegend bewegen.

Bislang werden diese Loks mit Dieseltreibstoff befeuert, künftig soll das anders werden: Beim Helms-Projekt (das Kürzel steht für "Hybrid Electronic Mechanical Shunter") geht es darum, den dieselhydraulischen Antrieb durch einen elektromechanischen Hybridantrieb zu ersetzen. Zwei Prototypen hat die Bahn dafür entwickelt, diese sollen nun getestet werden. Deshalb haben Truppel und ihre Kollegen im DB-Werk in Cottbus die ganze Messtechnik installiert. Vom Jahr 2022 an sollen, sofern bei den Tests alles klappt, weitere dieselhydraulische Loks umgerüstet werden, um den Rangierbetrieb künftig umweltfreundlicher abwickeln zu können.

Die Arbeit an den beiden Helms-Loks habe ihr sehr gefallen, sagt Anja Truppel. Das Verlegen der Kabel und Leitungen, das Schrauben an der großen, schweren Maschine, die Arbeit im Team - all das mache ihr großen Spaß. Und am Ende eines Tages könne man sehen, was man geleistet hat. "Da stellt sich bei mir immer eine gewisse Zufriedenheit ein", sagt sie.

Handwerklich habe sie schon immer gerne gearbeitet, erzählt die 23-Jährige. Schon ihr Vater habe von klein auf versucht, sie "an die technische Schiene heranzuführen", schenkte ihr beispielsweise einen Radio-Selbstbaukasten. "Da haben wir dann gemeinsam die Teile zusammengelötet." Das Interesse für das Technische war also grundsätzlich geweckt.

Nach dem Abitur in Potsdam ging sie "der Liebe und der Arbeit wegen", wie sie sagt, nach Cottbus, wo ihr Freund bereits im DB-Werk arbeitete. Dort begann sie eine Ausbildung zur Mechatronikerin, die normalerweise dreieinhalb Jahre dauert. Sie konnte die Zeit um ein halbes Jahr verkürzen. Anja Truppel war die einzige Frau neben etwas mehr als 30 männlichen Mechatroniker-Azubis.

Wie war das so, allein unter Männern? "Sehr lustig", sagt Truppel, locker sei der Umgang gewesen, "da wurde viel gelacht, wurden oft Scherze gemacht." Vorbehalte oder Vorurteile habe keiner gehabt, "ich wurde auf Augenhöhe akzeptiert". Von sich selbst sagt sie: "Ich bin ein bodenständiger Typ" - gerade deshalb gefalle ihr auch die Arbeit in den überwiegend mit Männern besetzten Werkshallen.

Als Nächstes wird sie ein duales Studium angehen, Fachrichtung Mechatronik/Automation. Auch das bei der Bahn. Und zusammen mit ihrem Freund hat sie gerade erst ein Haus in der Gegend gekauft. Da passt es gut, dass die Bahn vor Kurzem beschlossen hat, das Cottbusser Instandhaltungswerk auszubauen und 1200 zusätzliche Jobs zu schaffen. Anja Truppel jedenfalls sagt: "Ich fühle mich hier wohl."

Chefin von 350 Leuten im gesamten südbadischen Raum: Susanne Marschner, 52.

(Foto: DB)

Die Instandhalterin

Die Bahntrasse durch das Rheintal, vom Großraum Köln/Bonn bis hinunter nach Basel, gilt als wichtige Rennstrecke im europäischen Güterverkehr. In Hochzeiten "fahren wir hier die Züge im Abstand von wenigen Minuten", sagt Susanne Marschner, "das ist zum Teil wie bei der S-Bahn".

Die 52-Jährige ist als Leiterin Instandhaltung unter anderem zuständig für den südlichen Teil der Rheinbahn, dem Abschnitt zwischen Baden-Baden und dem Badischen Bahnhof in Basel, der schon auf Schweizer Territorium liegt, sich aber in der Zuständigkeit der Deutschen Bahn befindet. Außerdem zieht sich ihr Verantwortungsbereich noch ein gutes Stück den Oberrhein hinauf und in den südlichen Schwarzwald hinein.

350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Techniker wie Ingenieurinnen, unterstehen ihr; sie wachen über den Zustand von insgesamt 2000 Kilometer Gleisen, 2500 Weichen, 1300 Brücken und 148 Stellwerke. All diese Anlagen müssen ständig überwacht und notfalls repariert werden. Klemmt irgendwo eine Weiche oder fällt ein Signal aus, müssen Marschners Leute raus und schauen, dass sie das Problem irgendwie lösen.

"Abwechslungsreich" sei die Tätigkeit, sagt die Instandhaltungsleiterin, nicht nur für die Kolleginnen und Kollegen, die ständig draußen unterwegs sind. Sondern auch für sie selbst: Etwa ein knappes Drittel ihrer Arbeitszeit gehe für "Troubleshooting" drauf, sagt sie, also das Lösen von kurzfristig auftretenden Problemen. Der Rest seien planbare Tätigkeiten: Das Budget verwalten, Aufträge an Drittfirmen vergeben, bei den einzelnen Außenposten in ihrem Bereich vorbeischauen, neues Personal suchen und gewinnen. "Ich bin selbst immer noch platt, wie vielfältig unserer Arbeit ist", sagt sie.

Auch Marschner sucht in ihrem Bereich - wie der gesamte Bahnkonzern - ständig neue Leute, auch weil in den kommenden Jahren viele Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand wechseln werden. Dabei versucht sie auch, junge Frauen für die Bahn zu begeistern, insbesondere im technischen Bereich. Doch sie merkt, dass dies nach wie vor schwierig ist, weil gerade Mädchen sich oft weniger für Fächer wie Mathematik oder Physik oder technische Zusammenhänge interessierten. Um das zu ändern, müssten bereits die Eltern beginnen, ihre Töchter an solche Bereiche heranzuführen, findet Marschner. "Bei mir zu Hause war das so."

Ihr Vater war Maschinenbauingenieur. Musste am Haus etwas gemacht werden, wurde die ganze Familie eingespannt. "Mit 13 Jahren konnte ich Fliesen legen." Nach dem Abitur - Leistungskurse: Mathematik, Biologie - studierte sie Elektrotechnik, ging dann als Ingenieurin zur Bahn. Seit zwei Jahren nun ist sie verantwortlich für die Instandhaltung im gesamten südbadischen Raum. Einen technischen Beruf auszuüben sei "kein Hexenwerk", sagt sie, "alles kann man lernen, das gilt für Frauen wie für Männer". Und vor körperlicher Arbeit müsse sich niemand fürchten: "Heute schleppt auch kein Mann mehr eine Schwelle rum", sagt sie. Dafür gebe es genügend technische Hilfsmittel.

An der Schnittstelle: Michelle Bruhn, 27, aus Hamburg.

(Foto: DB)

Die Bauingenieurin

Für die naturwissenschaftlichen Fächer hat sich Michelle Bruhn schon immer interessiert. Mathematik und Biologie waren in der Oberstufe ihre Leistungsfächer. "Und dass es nach dem Abitur irgendwie in diese Richtung weitergehen sollte, das war klar", erzählt die 27-Jährige. Architektur hatte sie zuerst ins Auge gefasst, "aber ich kann nicht zeichnen". Also orientierte sie sich in die technische Richtung.

Vor acht Jahren fing sie bei der Bahn ein duales Studium als Bauwirtschaftsingenieurin an, seit vier Jahren arbeitet sie als Projektingenieurin beim Neubauprojekt S4-Ost in Hamburg. Sie hat Pläne auf deren Qualität geprüft, Unterlagen für die Genehmigungsbehörde erarbeitet. Seit vergangenem Jahr füllt sie zudem eine "Schnittstellenfunktion aus", fungiert als "Ansprechpartnerin für Anwohner, Behörden, politische Gremien", wie sie erzählt.

Das S4-Ost-Projekt sieht vor, dass parallel zur bestehenden, zweigleisigen Strecke von Hamburg in Richtung Lübeck zwei weitere Gleise gebaut werden, um die S-Bahnen getrennt vom restlichen Zugverkehr führen zu können. Etwa 1,8 Milliarden Euro fließen in das Projekt, zusammen mit Bruhn arbeiten im Projektteam etwas mehr als 30 Menschen daran, 13 davon sind Frauen. Geleitet wird das Projekt von einer Frau, was selten ist in einem Metier, das von Männern geprägt wurde. Nicht nur bei der Bahn, auch im Straßen- oder Wohnungsbau - überall gaben über Jahrzehnte Ingenieure den Ton an. Ingenieurinnen wie Bruhn waren die Ausnahme.

"Das aber ändert sich nach und nach", sagt sie. Als sie anfing mit dem Studium, waren unter den gut 30 Studierenden nur vier Frauen. "Und alle vier haben es durchgezogen bis zum Schluss", sagt Bruhn. Kritisch beäugt worden seien sie damals dennoch von so manchem Kommilitonen: "Was wollt ihr Mädels auf der Baustelle?" - so hätten die Sprüche geklungen. Dann aber wurde rasch klar, dass sich Frauen genauso wie Männer das Grundwissen aneignen können, die Vorbehalte hätten sich "ziemlich schnell gelegt", sagt Bruhn. "Alles in allem habe ich es nie negativ gespürt, dass ich eine Frau bin."

Und nun im Berufsalltag, draußen auf der Baustelle? Herrscht da nicht ein rauer Ton? Das schon, sagt sie, "das muss man abkönnen". Zudem sei die Bahn in Großprojekten wie dem S4-Ausbau nun mal der Auftraggeber - und das merke der Gegenüber, etwa ein Auftragnehmer, "dann doch irgendwann". Dabei lächelt sie. Aber man kann sich schon vorstellen, dass sie auch hart verhandeln kann.

Zumal sie privat auch noch ein weiteres Großprojekt verfolgt: ihren Masterabschluss. Die Bahn unterstützt sie dabei, übernimmt unter anderem einen Teil der Studiengebühren. Und der Konzern gesteht ihr in diesem Jahr elf zusätzliche freie Tage zu, damit sie ihre Masterarbeit schreiben kann. Und danach? "Das wird man sehen", sagt Bruhn. Ihre Chefin jedenfalls habe vorgemacht, wie und wohin man sich weiterentwickeln könne. Bis 2025 aber will sie beim S4-Projekt bleiben. Dann ist die Inbetriebnahme der neuen Gleise geplant. "Ich möchte schon gern sehen, wie die S-Bahn da entlangfährt."

© SZ
Zur SZ-Startseite

SZ PlusVerschwörungsmythen im Job
:Der Leugner neben mir

Corona? Halb so wild. Impfen lassen? Nie im Leben. Söder und Drosten? Die profitieren doch durch die Krise. Was es im Unternehmen anrichtet, wenn Kolleginnen und Kollegen abdriften.

Von Julian Erbersdobler

Lesen Sie mehr zum Thema