Den Doktortitel finanzieren Geschafft!

Individualpromotion oder Graduiertenkolleg? Diese zentrale Entscheidung müssen Doktoranden treffen. In den Graduiertenkollegs hat man engen Kontakt mit anderen Wissenschaftlern.

(Foto: mauritius images / age fotostock)

Mit einer sogenannten Individualpromotion ist es häufig schwer, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Wer dagegen ein Graduiertenkolleg besucht, ist finanziell besser gestellt.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Die Zahlen sind hoch und steigen kontinuierlich. Insgesamt 196 200 Promovierende forschen an heimischen Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen, pro Jahr schließen durchschnittlich 25 000 Doktoranden ihre Promotion ab. Damit ist Deutschland europaweit führend. Doch es gibt noch Luft nach oben, denn die teils schwierige Einkommenssituation der Promovierenden sorgt für Unsicherheit. Trotz Promotionsförderung durch Universitäten und Stiftungen begleiten Geldsorgen viele Wissenschaftler im mehrjährigen Forschungsprozess.

Durchschnittlich verfügen die Doktoranden über ein monatliches Nettoeinkommen von 1261 Euro. Das belegt der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017. Er wurde von einem unabhängigen wissenschaftlichen Konsortium unter der Leitung des Instituts für Innovation und Technik erstellt. Zwölf Prozent der Doktoranden verfügen über besonders niedrige Einkommen von weniger als 826 Euro; dabei handelt es sich häufig um Promovierende der geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer.

Für Geisteswissenschaftler gibt es weniger bezahlte Doktorandenstellen an Universitäten

Dementsprechend scheuen Interessierte oft die akademische Laufbahn. "Die Frage nach der Finanzierung des eigenen Lebensunterhalts ist einer der wichtigsten Aspekte für Promotionsinteressierte. Häufig kann dieser nicht durch eine Anstellung an der Universität oder eines der begehrten Stipendien gesichert werden, was tatsächlich viele von der Promotion abhalten kann", sagt Christian Schmitt-Engel, stellvertretender Leiter des Graduiertenzentrums der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU).

Dies gelte besonders für den Bereich der Geisteswissenschaften. Während etwa in Forschung im Bereich der Naturwissenschaften und Medizin vergleichsweise viel Geld von Universitäten sowie vom Bund und der Wirtschaft fließt, sieht es bei Fächern der Geistes- und Sozialwissenschaften schlechter aus. Die besseren Bedingungen für Doktoranden der Mint-Fächer zeigt auch die Statistik. Nach Humanmedizin (6089) gab es in Biologie (2717), Chemie (2273) und Maschinenbau (1836) 2017 deutschlandweit die meisten Abschlüsse.

Wesentlichen Einfluss auf den Verdienst hat neben der Fächerwahl die Art der Promotion. Die Individualpromotion, bei der sich Wissenschaftler selbständig um die gesamte Organisation samt Betreuung durch einen Doktorvater oder eine Doktormutter sowie um die Finanzierung des Projekts kümmern müssen, war jahrzehntelang das traditionelle Modell. Heute wird dieser anspruchsvolle und häufig zeitaufwendige Weg nur mehr von circa einem Drittel der Dissertanten absolviert. Als Einnahmequellen sind bei Individualpromotionen Stipendien und eine Erwerbstätigkeit abseits der Wissenschaft Usus. Erste Adresse für Stipendien sind die Begabtenförderungswerke, die aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung monatliche Stipendien zahlen.

64 Prozent der Doktoranden sind als wissenschaftliche Mitarbeiter an einer Universität angestellt

Die größte Einrichtung ist die Studienstiftung des deutschen Volkes mit aktuell etwa 1100 geförderten Doktoranden. "Es gibt geisteswissenschaftliche Dissertationen, die in einem Zeitraum von zehn Jahren angefertigt worden sind und deren Ergebnisse bahnbrechend sind. Und es gibt juristische Arbeiten, die eineinhalb Jahre dauern und wichtig für die aktuelle Rechtsprechung sind", sagt Ursula Bitzegeio, Referentin Promotionsförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Daher müsse das individuelle Modell, das je nach Intensität der Betreuung und eigenem Zeitplan mehr Raum für Flexibilität bietet, auch künftig möglich sein. Von der Stiftung, die auf Politik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften fokussiert ist, erhalten Stipendiaten monatlich 1350 Euro plus 100 Euro Forschungskosten-Pauschale. Die Geldleistung läuft maximal drei Jahre, für Wissenschaftler mit Kindern sind es vier. "Wer bei uns ein Stipendium bekommt, kann zusätzlich eine Viertelstelle an einer Universität annehmen. Die Promovierenden sind damit in die Projekte am Lehrstuhl eingebunden, in der Lehre tätig und können zur Finanzierung ihrer Lebenshaltungskosten das Stipendium nutzen", sagt Bitzegeio.

Vergleichsweise gut gestellt sind Promovierende mit festem Vertrag als wissenschaftliche Mitarbeiter an einem Universitätsinstitut. Mit 64 Prozent zählt die große Mehrheit aller Promovierenden zu dieser Gruppe. Einkommensbasis ist der Tarifvertrag öffentlicher Dienst. Doktoranden verdienen mehr als 3500 Euro brutto im Monat bei Vollzeitbeschäftigung. Einkünfte, die für Promovierende der Naturwissenschaften und Technik üblich sind.

In anderen Fächern müssen sich häufig zwei oder sogar vier Doktoranden eine Stelle teilen. Doch ist man mit einer Anstellung in der Wissenschaft nicht unbedingt bis zur Fertigstellung der Dissertation finanziell abgesichert. Laut dem Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs sind Jungwissenschaftler an Hochschulen zu 93 Prozent befristet beschäftigt, an außeruniversitären Forschungseinrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft und der Max-Planck-Gesellschaft, die ebenfalls Dissertationsprojekte fördern, sind es 84 Prozent.

Strukturierte Programme haben einen straffen Zeitplan, doch dafür bieten sie mehr Sicherheit

Ein Einkommen in Verbindung mit einem fixen Curriculum und fester Laufzeit bieten strukturierte Promotionsprogramme. Dieses Gegenmodell zur Individualpromotion ist als Graduiertenschule und Graduiertenkolleg an die Universität angegliedert und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Vorteile der verschulten Form sind neben der engen Anbindung an die jeweilige Hochschule die gute Forschungsinfrastruktur mit enger Begleitung durch Professoren sowie die geregelte Finanzierung. "Ziel unserer strukturierten Programme ist, die Qualität der Forschung zu steigern und die Betreuungsleistung zu heben. Das erreichen wir etwa durch begleitende Seminare zum wissenschaftlichen Arbeiten, regelmäßigen Austausch der Promovierenden untereinander und mit etablierten Wissenschaftlern", sagt Schmitt-Engel.

Eine Betreuungsvereinbarung, die Rechte und Pflichten von Doktorand und Betreuer festlegt, und Betreuungsteams aus mehreren Professoren tragen ebenfalls dazu bei. Strukturierte Programme verkürzen zwar die Promotionszeit, sind aber aufgrund des fixen Zeitplans nicht für jeden machbar. Die finanzielle Förderung an den Graduiertenschulen der FAU erfolgt durch die Hochschule über eine Promotionsstelle, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) oder ein Stipendium. Graduiertenkollegs, die meist einen engeren fachlichen Fokus aufweisen, werden an den Unis hingegen als zeitlich befristete Forschungsprogramme von der DFG finanziert.

Interessierte können sich an der jeweiligen Hochschule um eine Forschungsstelle oder ein Stipendium der DFG bewerben. Es umfasst bis zu 1356 Euro pro Monat zuzüglich eines Sachkostenzuschusses von 103 Euro pro Monat plus Kinderzulage für Eltern. Das Stipendium unterliegt nicht der Steuer oder der Sozialversicherung. Für Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung müssen die Doktoranden selbst aufkommen.