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Dauerstreit um Frauenquote:Was den Frauen wirklich helfen würde

Frauen in Führungspositionen

Die Debatte um eine feste Frauenquote dreht sich vor allem um Symbolik, da besonders Karrierefrauen profitieren würden. Am Alltag von Millionen Frauen in Deutschland ändert sich jedoch nur wenig.

(Foto: dpa)

Die Koalition hat die feste Frauenquote für Aufsichtsräte abgeschmettert. Na und? Die Politiker sollten über Wichtigeres nachdenken als darüber, ob ein paar Hundert Business-Damen die gläserne Decke zum Top-Job durchbrechen. Ihr Ziel sollte es sein, Millionen anderer Frauen zu mehr Gleichberechtigung zu verhelfen.

Von Barbara Galaktionow

Frauenquote für Aufsichtsräte - ja oder nein? Anfang der Woche schien es, als könne die Frage noch für einigen Wirbel sorgen: Wagt es Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, für den Oppositionsantrag einer festen Quote zu stimmen - und wendet sich damit gegen die Flexi-Quote ihrer Kabinettskollegin Kristina Schröder, ja bringt sie damit vielleicht sogar die Familienministerin zu Fall?

Auch die Frage, ob daran die schwarz-gelbe Koalition scheitern könnte, stand wieder mal im Raum. Sind doch die Liberalen erklärte Gegner jedweder Frauenquote. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle betonte jedenfalls, es gehöre zu den "eisernen Regeln" einer Koalition, nicht mit wechselnden Mehrheiten über politische Themen abzustimmen.

Das war die machtpolitisch interessante Konstellation, die sich Beobachtern bot. Lange währte sie nicht. Denn um dem Abstimmungsdilemma zu entgehen, sattelte die CDU-Spitze kurzerhand auf die kompromisslerische Flexi-Quote einen gegenläufigen Kompromiss drauf: eine gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten von 2020 an, falls die Flexi-Quote bis dahin erfolglos bleibt.

Die gewünschte Wirkung trat ein: Die Koalition schmetterte im Bundestag den von der Opposition eingebrachten Antrag ab. Doch was soll's, liegt die von der Union anvisierte Änderung doch inhaltlich sowieso ganz auf der Linie von SPD, Grünen und Linken. Deren Vorstellung zufolge sollen Aufsichtsräte von 2018 an zu 20 Prozent mit Frauen besetzt sein, von 2023 dann mit 40 Prozent.

Hunderte Aufsichtsräte - Millionen Frauen

In der Öffentlichkeit dürfte das Thema Frauen in Aufsichtsräten die wenigsten in Rage versetzen. Dafür spricht schon die Zahl, um die es geht. Nach dem "Women-on-Board-Index" der Initiative "Frauen in die Aufsichträte" vom März diesen Jahres waren zuletzt von 1622 Aufsichtsräten in den Dax-, MDax-, Sdax und TecDax-Unternehmen 263 Frauen. Das entspricht einem Anteil von etwas mehr als 16 Prozent.

Diese Angaben sind offenbar die genauesten aktuell verfügbaren - und geeignet für eine kleine Hochrechnung, um mal zu sehen, um wie viele Posten hier eigentlich so öffentlichkeitswirksam diskutiert wird. Dabei zeigt sich: Selbst, wenn man die - ja vorerst gescheiterte - Maximalforderung der Opposition betrachtet (40 Prozent Frauenanteil bis 2023), geht es etwa um 386 Frauen mehr in Aufsichtsräten innerhalb der kommenden zehn (!) Jahre.

Mal so zum Vergleich: Ende 2012 lebten in Deutschland nach einer vorläufigen Schätzung des Statistischen Bundesamtes etwa 82 Millionen Menschen. Nur mal grob angenommen, dass die Hälfte davon weiblichen Geschlechts sind, wären das 41 Millionen Frauen. Die meisten von ihnen werden - auch was Chancengleichheit im Arbeitsleben angeht - ganz andere Probleme haben, als die Frage, ob ein verschwindend geringer Anteil von ihnen es schafft, die sogenannte gläserne Decke in eine absolute Spitzenposition zu durchbrechen.

Es handelt sich also vorrangig um ein Eliten-Thema - entsprechend kann es der Mehrheit der Frauen in Deutschland herzlich egal sein. Warum macht die Politik so viel Wind darum? Weil es hier nicht um Krethi und Plethi und Lieschen Müller, sondern um die künftigen Entscheiderinnen in der deutschen Wirtschaft geht?

Weil es hier um Frauen mit Macht geht und - so hofft man - gesellschaftlicher Strahlkraft, Leuchtturmfrauen, in deren Lichtkegel auch die Karrieren anderer Frauen heller erstrahlen. Wenn sich ganz oben was ändert, profitieren über kurz oder lang alle Frauen davon, so die These, - egal, ob sie in Meetings wichtige Entscheidungen treffen, am Computer Grafiken entwerfen, Kaffee servieren oder die Büroräume putzen.

Fortschritt oben verdeckt Dilemma unten

Gerne wird hier auf das Prinzip der homosozialen Auswahl gesetzt, wonach Chefs am liebsten Untergebene fördern, die ihnen ähneln, also Männer Männer. Ob deshalb Frauen auch zwangsläufig Frauen fördern, muss sich jedoch noch erweisen. Ähnlichkeit kann sich ja auch auf andere Qualitäten beziehen, zum Beispiel auf die soziale Herkunft.

Zweifel kann in diesem Punkt auch eine neue Studie aus Großbritannien säen. Die besagt, dass Fortschritte für Frauen an der Spitze überhaupt keinen Einfluss auf die Frauen unten haben - zumindest, was das Einkommen angeht. Demnach haben Frauen einer bestimmten Altersstufe mit Uni-Abschluss ein fast dreimal so hohes Einkommen (plus 198 Prozent) wie Frauen ohne Berufsausbildung - Männer mit akademischem Grad verdienen hingegen nur 45 Prozent mehr als die sogenannten unskilled workers.

Dalia Ben-Galim, stellvertretende Direktorin des Mitte-links-orientierten Institute for Public Policy Research, das die Studie erstellt hat, zieht aus der Untersuchung recht weitreichende Folgerungen:

"While feminism has delivered for some professional women, other women have been left behind. Many of the advances for women at the top have masked inequality at the bottom."

Der politische Ansatz, der sich auf die Förderung von Frauen in Chefetagen konzentriert, habe sich als nicht erfolgreich erwiesen, was den Wechsel hin zu einer familienfreundlichen Arbeitskultur angehe oder die Eröffnung von beruflichen Aussichten für andere Frauen, sagt Ben-Galim weiter.

Was wirkt: Klasse statt Geschlecht

Sie stellt fest, dass das Geschlecht zwar immer noch einen starken Einfluss auf die Verdienstmöglichkeiten von Frauen habe - ihr Einkommen liegt stets unter dem von Männern in vergleichbaren beruflichen Positionen. Doch einen viel größeren Einfluss hätten: Klasse (oder auch Schicht oder Herkunftsmilieu, wie immer man das formulieren will), Erziehung und der berufliche Hintergrund. Recherchen dazu, ob es sich in Deutschland ähnlich verhält oder nicht, erbrachten bislang kein Ergebnis.

Doch zeigt sich auch in Deutschland das Phänomen, dass die Familienpolitik die Interessen von Frauen aus unteren Schichten gerne mal vernachlässigt - unter dem Siegel eines vermeintlich allgemeingültigen feministischen Interesses. So profitieren vom einkommensabhängigen Elterngeld vor allem die, die ohnehin schon Geld haben - für Geringverdiener war das frühere Erziehungsgeld die günstigere Lösung.

Ideen für sinnvolle Frauenpolitik

Und auch beim vom Herbst an geltenden Betreuungsgeld erscheint es plausibel, dass neben Geringverdienern, für die 100 oder 150 Euro tatsächlich einen Anreiz bieten mögen, ihre Kleinkinder nicht in eine öffentliche Kinderbetreuung zu schicken, vor allem eine Gruppe einen Vorteil haben wird: Familien, die es sich ohnehin leisten können, dass nur der Mann arbeitet, und die ein solches Zubrot als eine Art Mami-Taschengeld mitnehmen.

Familien, in denen, wie schon heute in Thüringen (wo es bereits ein Betreuungsgeld gibt), die daheimbleibende Ehefrau über die Gesamtheit staatlicher Zuwendungen aus Kindergeld und Betreuungsgeld von 718 Euro pro Monat tatsächlich sagt: "Das ist wenig, aber es spielt eine Rolle in unserem Haushalt." (SZ-Artikel "Von Wegen Kinderspiel" vom 5.2.2012, nicht online erschienen). Es soll Menschen geben, für die sind 718 Euro das Gegenteil von wenig.

Und es soll auch Frauen geben, die arbeiten müssen, um für sich und ihre Familien das zum Überleben notwendige Geld zu verdienen. Für die Kinderbetreuungsplätze eine Notwendigkeit sind und nicht nur Teil eines feministischen Selbstverwirklichungsdiskurses. Und für die Frage, ob ein paar wenige, sehr privilegiert lebende Frauen es in den kommenden Jahren schaffen werden, in irgendeinen Top-Job vorzustoßen, sehr viel weniger Relevanz haben dürfte, als es die aufgeblasene politische Debatte darum vermuten lässt.

Dabei gäbe es für Politiker wirklich einiges, wo sie gesetzgeberisch tätig werden oder zumindest ihren Einfluss geltend machen sollten. Hier mal ein paar Ideen:

  • Frauenquoten auf allen Unternehmensebenen: Bei den Dax-Unternehmen gibt es sie schon (was das Familienministerium seinem Einsatz zuschreibt), in anderen Bereichen kämpfen die Frauen selbst dafür, so zum Beispiel im Medienbereich. Und wenn man denn schon die Quote für ganz oben will, sollte man sie doch dort fordern, wo die Macht tatsächlich liegt: bei den Vorständen. Bei den Dax-Konzernen sind derzeit nicht einmal acht Prozent mit Frauen besetzt.
  • Politische Unterstützung für eine 30-Stunde-Woche: Gleichberechtigung hängt, gerade in Familien, auch mit der gleichberechtigten Teilung der Aufgaben zusammen. Fast 40 Prozent der Eltern wünschen sich einer vergangene Woche veröffentlichten Studie zufolge, dass beide Partner Teilzeit arbeiten und sich die Familienarbeit teilten könnten - doch nur die wenigsten leben tatsächlich so.
  • Mehr Akzeptanz schaffen für Väter in Elternzeit oder mit Teilzeitarbeit - denn ohne Männer gibt es keine Gleichberechtigung.
  • Leider immer noch ein Thema: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder gar "gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit", wie Gregor Gysi bei der Debatte im Bundestag sagte. Denn Erzieherinnen oder Krankenschwestern arbeiten genauso hart wie Techniker oder Metallarbeiter.
  • Und, immer wieder: Einsatz für Kinderbetreuung, Kinderbetreuung, Kinderbetreuung - und dabei sollte es nicht nur darum gehen, die Zahl der Plätze auszuweiten, sondern auch ihre Qualität zu heben. Wohl kaum eine Maßnahme schafft mehr Gleichberechtigung - und kostet den Staat auf Dauer vergleichweise wenig.

Wir hatten unsere Leser gefragt, was sie sich von der Politik für mehr Gleichberechtigung von Frauen wünschen würden. Hier eine kleine Auswahl der Vorschläge.

© Süddeutsche.de/mati
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