Das Vorstellungsgespräch:Wie reagieren Sie auf die Frage nach den "persönlichen Stärken und Schwächen"?

Niemand erwartet auf diese Frage eine wahrheitsgemäße Selbstauskunft. Aber es gilt zu zeigen, dass einem bewusst ist, auf welche Soft Skills es heute ankommt, wenn man sich beruflich vorteilhaft positionieren möchte.

Claus Peter Müller-Thurau

Die meisten Arbeitsverhältnisse werden nicht aufgrund mangelnder Fachkenntnisse aufgekündigt, sondern weil das persönliche Eigenschaftsprofil nicht mit den Anforderungen des Jobs im Einklang steht. Consultants haben den beruflichen Misserfolg in diesem Sinne längst auf eine einfache Formel gebracht: "Hired by ability, fired by personality."

Auf welche Eigenschaften bzw. Soft Skills kommt es also an?

Empathie/Einfühlungsvermögen:Diese Schlüsselqualifikation meint die Fähigkeit, sich in die Rolle anderer zu versetzen. Sie ist die Grundlage für eine erfolgreiche Mitarbeiterführung, für eine gute Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen und für kundenorientiertes Denken und Handeln. Wer über ein hohes Maß an Empathie verfügt, denkt zuallererst an den, den er überzeugen möchte und dann an das, was er sagen will. Empathie ist die Fähigkeit, "mit dem Kopf des anderen zu denken".

Kommunikative Kompetenz:Diese Eigenschaft ist der Renner in den Anforderungsprofilen von Stellenangeboten. Wer einen Standpunkt sicher und psychologisch wirkungsvoll vertreten kann, erfüllt eine wesentliche Voraussetzung für beruflichen Erfolg. Dabei geht es weniger darum, perfekt zu formulieren, sondern vielmehr um die Fähigkeit, mit anderen "in Augenhöhe" zu kommunizieren - also Menschen dort abzuholen, wo sie stehen.

Teamfähigkeit:Wer sich auf eine Stellenanzeige mit dem Abspann "... möchten wir unser kleines Team verstärken" bewirbt, kennt das "Knocked-out"-Kriterium. Insbesondere kleine Organisationseinheiten sind in ihrer Handlungsfähigkeit hochgradig gefährdet, wenn ein neuer Mitarbeiter seinen Platz im Team nicht findet. Aber auch größere Unternehmen können die Komplexität ihre Geschäftsprozesse nur beherrschen, wenn ihre Mitarbeiter gute "Teamplayer" sind.

Mit Leuten, die nur von ihrer eigenen "Marke, die Ich heißt" überzeugt sind, lässt sich die Zukunft nicht gewinnen. Teamfähigkeit heißt freilich nicht, sich von seinen eigenen Vorstellungen und Überzeugungen zu verabschieden und vor lauter Harmoniebedürfnis zum Jasager zu mutieren.

Zielstrebigkeit / Prioritäten setzen:Ziele sind Leuchtfeuer für das Handeln. Daher ist die Formulierung und die Umformulierung von Zielen eine zentrale Tätigkeit im Berufs- und vor allem im Managementprozess. Wer nicht weiß, wohin die Reise gehen soll, braucht sich später nicht zu wundern, wenn er irgendwo ankommt, wo er überhaupt nicht hin wollte. Die hilfreiche Schlüsselfrage lautet hier: Worauf kommt es eigentlich an? Diese Fähigkeit kann man bereits gut im Vorstellungsgespräch zeigen.

Natürlich gibt es noch diverse andere Soft Skills wie Organisationstalent, Belastbarkeit, Durchsetzungsvermögen, Kreativität oder interkulturelle Kompetenz. Hier muss man jeweils prüfen, welche dieser Eigenschaften ganz offensichtlich in hohem Maße mit dem späteren beruflichen Erfolg der entsprechenden Aufgabe korrelieren und im Vorstellungsgespräch dann darauf eingehen.

Die meisten Bewerber finden die Frage nach den persönlichen Schwächen weitaus ungemütlicher.

Wie bereits gesagt: Es geht hier nicht um die reine Wahrheit, sondern darum, wie elastisch und dennoch selbstkritisch jemand auf diese Frage reagiert. Als Berufseinsteiger kann man als Schwäche zum Beispiel die fehlende Praxiserfahrung benennen bzw. einräumen, dass die im Oberseminar erlernte Theorie nicht immer zur betrieblichen Wirklichkeit passen dürfte.

Manche Bewerber parieren die Frage nach den Schwächen mit dem Bekenntnis, dass sie bisweilen zu ungeduldig seien und zu viel zu schnell erreichen wollten. Bei jungen Leuten ist dies durchaus verzeihbar. Und wenn man sich hierzu gar nicht äußern möchte? Nun - keine Antwort ist bisweilen auch eine Antwort.

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