bedeckt München 15°
vgwortpixel

Selbständige:"Ich bin jetzt bis Mitte Mai arbeitslos"

Corona-Krise: Was Selbstständigen jetzt helfen kann

Schauspieler, Moderatoren, Musiker, Coaches - Freiberufler leiden gerade besonders unter Auftragsabsagen und Einnahmeeinbußen.

(Foto: dpa-tmn)

Keine Veranstaltungen, keine Aufträge: Freiberufler und Kleinunternehmer trifft die aktuelle Lage besonders hart. Sieben Betroffene erzählen, was sie umtreibt und wie ihnen geholfen werden könnte.

Michael Hofmann, 38, Ton- und Lichtmann

Bei mir wurden alle Aufträge für März und April abgesagt. Ich bin jetzt bis Mitte Mai arbeitslos. Aber auch danach kann niemand abschätzen, wie es weitergeht. Ich befürchte, dass auch die Open-Airs im Sommer ausfallen, eigentlich wäre ich im Juni für das Southside Festival und Rock im Park gebucht. Für die freie Zeit jetzt habe ich überlegt, ob ich beim Nachbarn auf dem Acker helfe, aber tagsüber passe ich auf unseren fünfjährigen Sohn auf. Die Kitas sind ja geschlossen und meine Frau arbeitet im öffentlichen Dienst, bei ihr wird bisher nicht im Home-Office gearbeitet.

Im Veranstaltungsgewerbe ist das Problem, dass wir nicht wie ein Friseurladen wieder aufmachen können und das Geschäft läuft wieder. Firmenveranstaltungen, Konzerte, Messen, das hat alles einen Vorlauf von mehreren Monaten. Allein im März fehlen mir durch die Virus-Absagen über 4000 Euro Umsatz. Ich merke schon, wie das an mir frisst. Seit ein paar Tagen schlafe ich schlecht, obwohl ich damit nie Probleme hatte. Die meisten in meiner Branche können den Ausfall vielleicht zwei Monate überbrücken, aber dann geht es an die pure Existenz - darum, dass wir unsere Wohnungen und Versicherungen bezahlen können und Geld für Essen haben. Wenn wir jetzt einen Kredit aufnehmen, verlagert sich das Problem nur. Wenn wir mehrere Monate nicht arbeiten können, häufen sich Schulden an, die wir nicht zurückzahlen können. Ich kann ja nicht im Herbst doppelt so viel arbeiten. Ich hoffe, die von der Regierung angekündigten Hilfszahlungen kommen schnell bei uns an. Es wäre ja auch volkswirtschaftlich Schwachsinn, wenn Selbständige reihenweise zum Amt rennen müssen oder ihre Altersvorsorge komplett aufbrauchen.

Aniko Willems, 44, Unternehmensberaterin

Normal fahre ich zu Firmen und halte Workshops, moderiere Veranstaltungen und berate bei Veränderungen. Seit sieben Tagen ist Schluss, die Termine wurden auf einen Schlag abgesagt. Bei den meisten Unternehmen gibt es keine Meetings mehr über zehn Personen. Ich berate hauptsächlich Industrieunternehmen und Automobilzulieferer, fast alle Mitarbeiter, die nicht am Band stehen, müssen im Home-Office bleiben. Ich habe das Glück, dass ich nicht nur von den Vorort-Terminen lebe, sondern auch Konzeptarbeit mache und einige Meetings virtuell gehalten werden. Ein Kollege von mir macht nur Trainings, dem sind von einem auf den anderen Tag alle Aufträge weggebrochen. Aber auch bei mir liegt der finanzielle Verlust durch die Krise jetzt schon bei 7000, 8000 Euro. Langfristig ist die Corona-Krise ein guter Zeitpunkt, um noch einmal über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachzudenken.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Selbständige müssten damit nicht mehr mit der Angst leben, dass ihnen von einem auf den anderen Tag die Existenzgrundlage verloren geht. Auch sollte sich jeder Einzelne Gedanken über Solidarität machen. Ich meide soziale Kontakte, arbeite im Home-Office und gehe spazieren, statt mich in Bars oder Restaurants zu treffen. Um andere zu schützen und weil ich weiß, was es bedeutet, wenn ich wegen einer Infektion ganz ausfalle. Wir Selbständige bekommen keinen Lohn, wenn wir krank sind. Da ist es echt beklemmend, wenn man Bilder von vollen Baumärkten oder dem Viktualienmarkt in München sieht, wo Leute dicht zusammenstehen. Viele davon sind wahrscheinlich Angestellte und durch das Virus nicht sofort in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht.

Jad Kobeissi, 36, Fitnessclubbesitzer

Der Club ist am vergangenen Samstag um 18 Uhr auf Anordnung des Gesundheitsamtes geschlossen worden. Auf der Grundlage des Infektionsschutzgesetzes haben sie gesagt. Aber wir arbeiten trotzdem noch. Nicht mit unseren Mitgliedern, aber gerade produzieren wir Trainingsvideos für unsere Webseite. Dann können unsere Mitglieder wenigstens irgendetwas machen. Die drehen ja sonst durch, fünf Wochen ohne Fitnessclub. Das ist schon für uns selber schwierig genug.

Wir gehören zu keiner Kette, wir sind ein Einzelunternehmen, 23 Festangestellte und 50 Freiberufler. Da ist natürlich der feste Bestand an zahlenden Mitgliedern, aber das Geschäft läuft eben auch so, dass jeden Monat 30 bis 40 kündigen. Das ist immer so, dafür kommen dann auch 30 bis 40 neue Mitglieder dazu. Nur jetzt kommt eben keiner mehr und wir verlieren um die 5000 Euro im Monat. Das lässt sich eine Zeit lang durchhalten, nur, wenn jetzt eine Angstwelle kommt und immer mehr Leute kündigen, spätestens dann bekommen wir ein Riesenproblem. Dann kann ich zumachen.

Die Politik hat Hilfen angekündigt, klar. Man müsse sich keine Gedanken machen, heißt es. Tatsächlich weiß im Moment keiner, wer da was wann bekommt. Unser Steuerberater weiß nichts und die Ämter haben alle zu, die Hotlines, IHK, Gesundheitsbehörde und so weiter, das kannst du vergessen. Da geht keiner ran. Wir sind da im Moment ganz auf uns gestellt. Gleichzeitig schreiben mich meine Mitglieder an, ob wir ihnen ihre Beiträge stunden können. Zum Beispiel der Busunternehmer, den trifft Corona voll - und man will da ja nicht unmenschlich sein.

Salomé Balthus, 34, Prostituierte

Ich bin High Class Escort und arbeite nur für mich selbst. Den Betrieb von Bordellen und Agenturen hat die Politik untersagt - aber ich könnte eigentlich weitermachen. In der Praxis ist das schwer. Meine Kunden sind Besucher von Messen und Kongressen. Wenn die abgesagt werden, kommen sie nicht nach Berlin. Außerdem treffe ich sie meist im öffentlichen Raum, in Restaurants oder in Hotels, die nur noch stark eingeschränkt arbeiten oder geschlossen haben.

Es ist auch psychisch schwer. Ich habe Angst, mich anzustecken und als Virenschleuder durch die Gegend zu laufen. Außerdem funktioniert mein Geschäftskonzept nicht mehr richtig. Ich verkaufe lasziven, ausschweifenden Sex in einer anregenden Atmosphäre, mit Gesprächen zu aktuellen Themen. Wer hat denn dafür noch den Kopf? Diese Woche hatte ich ein Date - vermutlich das letzte für Monate. Ich habe mich geduscht, geschminkt - aber die Vorstellung, gleich einen Fremden zu küssen, war zu viel. Ich habe dem Mann abgesagt. Finanziell ist das unheimlich schwierig.

Ich habe Rücklagen für ungefähr zwei Monate, wie es danach weitergeht, weiß ich nicht. Andere Kolleginnen trifft es noch viel härter. Frauen, die drogenabhängig sind oder hohe Schulden haben, leben oft von Freier zu Freier. Und viele von den Kolleginnen aus Osteuropa stehen jetzt auf der Straße. Die Grenzen sind dicht, sie wissen nicht, wohin. Auf staatliche Hilfe machen wir uns keine große Hoffnung. Unser Beruf ist immer noch sehr stigmatisiert. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft in der Corona-Krise erkennt, dass wir ein Teil von ihr sind. Sie verlangt von uns, dass wir aus Rücksicht auf andere unseren Beruf nicht ausüben. Da sollte auch Solidarität zurückkommen.

Hanns Otto, 38, Kulissenbauer

Ich habe Theatermaler gelernt und arbeite seit ein paar Jahren auch für Filmproduktionen. Es gibt ja zum Glück immer noch Regisseure, die nicht vor allem auf den Computer vertrauen und alles virtuell produzieren. Wes Anderson ist so einer, der arbeitet sehr viel mit Miniaturen, in seinem Film "Grand Hotel Budapest" zum Beispiel. Also statt großer Kulissen oder eben Computerbildern lässt der viele seiner Motive als kleine Modelle bauen. Das sind dann erst mal die Rohbauten, die ich dann bemale. Dadurch bekommt der Film tatsächlich einen ganz anderen Ausdruck, die Farben, die Patina, das macht eine Menge aus. In manchen Produktionen geht es auch um Schwerter und andere Waffen: Bei Massenschlachten wäre es viel zu teuer, alle Schauspieler mit echtem Gerät auszustatten. Außerdem erlaubt das auch die Versicherung nicht.

Gerade habe ich einen neuen Auftrag für eine große Produktion in Babelsberg begonnen. Die Schauspieler brauchen da Waffen und anderes Gerät aus einem Materialmix aus Kunststoffen und Holz. Ich muss die dann so bemalen, dass sie auch wirklich echt aussehen. Nur haben sie den Dreh jetzt erst mal auf Eis gelegt. Wie lange die Produktion ausgesetzt wird, oder ob sie vielleicht ganz gestorben ist, das ist im Moment alles unklar. Ich bin jedenfalls Freiberufler und meine Freundin ist noch bis August in der Elternzeit. Das Geld für die Miete ist zwar erst mal da, aber natürlich läuft im Hinterkopf immer mit, wie sich das jetzt entwickeln wird. Der Auftrag wäre sichere Arbeit bis zum Sommer gewesen. Das einzig Gute an der Situation ist, dass ich unseren einjährigen Sohn jetzt mehr sehen kann.

Georgia Tsopoulidou, 29, Friseurin

Es rufen vor allem ältere Kunden an, die ihren Termin absagen. Das ist ja auch richtig, weil sie zur Risikogruppe gehören. Es gibt aber noch Leute, die neue Termine machen. Ich finde es nicht richtig, dass Friseure noch offen haben. Wir sind ein kleiner Betrieb, ich habe zwei Angestellte. Meinem Vater habe ich verboten, weiter im Geschäft zu arbeiten. Er ist über 60 und zuckerkrank. Ich habe große Angst, dass er sich ansteckt. Einen eigenen Laden zu haben, war schon immer mein Traum. Vor zwei Jahren hat es geklappt, das werde ich jetzt nicht aufgeben. Ich will alles tun, um mich und meine Angestellten über Wasser zu halten.

Wenn wir keine Kunden mehr bedienen, würden die Rücklagen vielleicht reichen, um zwei Monate die Mieten und Löhne weiter zu bezahlen. Irgendwie müssen wir einen kühlen Kopf behalten und dürfen keine Panik kriegen, das schadet mehr als das Virus selbst. Wenn ich den Laden schließen muss, will ich die Zeit möglichst positiv nutzen. Dann mache ich mir Gedanken zu Styling-Techniken und teste neue Farbkombinationen. Falls wir länger schließen müssen, ist es wichtig, dass unsere Angestellten vom Arbeitslosengeld bezahlt werden oder wir andere Unterstützung bekommen. Sonst kann ich mir vorstellen, dass mancher Betrieb nicht wieder aufmachen kann. Normalerweise freue ich mich, wenn der Laden voll ist, sich die Kunden unterhalten und viel gelacht wird. Die neue Realität sieht leider anders aus, das kann einen schon erdrücken. Aber ich schöpfe Kraft daraus, wenn ich einen Blick zu dem Kiosk an der Ecke gegenüber werfe. Dann wird mir klar, dass wir alle im selben Boot sitzen. Es hilft, dem Kioskbesitzer zuzulächeln - man bekommt dann sogar ein Lächeln zurück."

Helene Stolzenberg, 41, Ladenbesitzerin (Design-Shop)

Ich habe "Nordliebe" 2012 eröffnet und seitdem haben wir schon einige schwierige Situationen gemeistert. Das geht, weil wir wirklich ein tolles Team sind. Aber das wird jetzt richtig heftig. Ich habe meinen Laden am Dienstagabend schließen müssen. Ich verstehe diese Maßnahme und ich halte sie auch für richtig. Aber für jemanden, der seit Jahren mit Herzblut an dem Geschäft arbeitet, ist das ein echt harter Schritt. Meine Kunden wollen ja bei uns einkaufen und ich mache ihnen den Laden vor der Nase zu. Ich stoppe den Zug in voller Fahrt. Noch am Dienstag sind Stammkunden gekommen, um Gutscheine zu kaufen, weil sie uns unterstützen wollen. Ich habe 22 Angestellte, einen großen Laden, ein Büro und ein Lager für den Onlineverkauf, die Gehälter, die Mieten, das alles will bezahlt sein. Das bleibt ja nicht stehen. Nur wir bleiben stehen.

Wir müssen schauen, dass wir einen Teil des verlorenen Geschäfts mit dem Internetverkauf ausgleichen. Deshalb bekommt jeder, der für mehr als 40 Euro bei uns bestellt, seine Sachen innerhalb Berlins kostenfrei geliefert. Wir werden uns noch ein paar andere Aktionen überlegen. Aber im Moment bin ich voll damit beschäftigt, zu klären, welche Unterstützung wir bekommen können. Ganz so einfach, wie die Politik tut, ist das nämlich nicht. Am Montag habe ich wegen meiner Angestellten einen Tag lang mit dem Arbeitsamt geredet, am Dienstag und am Mittwoch muss ich mit meiner Bank sprechen. Das Problem ist nur, dass die selber nicht wissen, wie die Finanzhilfe für die Selbständigen konkret aussieht. Das heißt für mich, dass ich für März und vermutlich auch für den April die Mieten und die Gehälter vorstrecken muss. Das ist mir mein Geschäft wirklich wert, aber es geht richtig ans Eingemachte.

© SZ vom 21.03.2020
Familie Was Eltern jetzt tun können

Corona und Kinderbetreuung

Was Eltern jetzt tun können

Fünf Wochen keine Schule, keine Kita: Wie sollen Eltern jetzt daheim arbeiten und gleichzeitig die Kinder bespaßen? Ein paar Vorschläge.   Von Anna Fischhaber, Oliver Klasen, Mareen Linnartz, Nadeschda Scharfenberg, Violetta Simon, Barbara Vorsamer und Martin Zips

Zur SZ-Startseite