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Systemrelevante Jobs:Immer im Dienst

Coronavirus - Schutzmaßnahmen im Einzelhandel

Provisorische Schutzmaßnahmen in einer Hamburger Penny-Filiale

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Respekt und Anerkennung haben sich viele Dienstleister lange gewünscht. Jetzt in der Krise bekommen sie endlich, was ihnen zusteht. Das muss so bleiben.

Es musste eine Krise kommen, damit sie anerkannt und respektiert werden: Menschen, die Lebensmittelregale in den Läden auffüllen. Frauen und Männer an den Kassen im Handel. Pfleger und Pflegerinnen in den Krankenhäusern und Altenheimen. Reinigungskräfte in den Büros und anderen Orten. Polizisten und Polizistinnen, die für das richtige Verhalten in der Öffentlichkeit sorgen. Rettungsdienste und Feuerwehrleute, die ihr Leben für das anderer riskieren. Müllwerker, Lastwagenfahrer, Landwirte ...

Sie alle erfreuten sich bislang nicht der größten Wertschätzung und sie gehören auch nicht zu den Topverdienern. Aber jetzt sind sie da, damit in Corona-Zeiten das Leben anderer so normal wie möglich weitergehen kann. Viele von ihnen arbeiten teils bis zur Erschöpfung unter Bedingungen, die physisch und seelisch krank machen können. Diese Menschen heißen nun zu Recht "systemrelevant".

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Die vielen Millionen Beschäftigten in Krankenhäusern, im Handel und auf den Straßen ermöglichen weiterhin unser zivilisiertes Zusammenleben. Ohne sie verliert die Gesellschaft an Stabilität, wird roh und lieblos. Denn es sind die Grundbedürfnisse, die durch Verkäufer und Polizistinnen, durch Krankenpfleger und Landwirte gestillt werden.

Nahrung, Gesundheit, Sicherheit. Werden diese Güter knapp, dann kommt es zu Verwerfungen, dann kämpfen die Menschen darum, ein Stück der Reste zu ergattern - koste es, was es wolle und jeder für sich. Das unsinnige Horten von Klopapier lässt erahnen, wie brutal die Menschen miteinander umgehen könnten, wenn es die "systemrelevanten" Frauen und Männer nicht gäbe. Das Coronavirus hat die Menschen auf eben jene Grundbedürfnisse zurückgeworfen. Für eine Gesellschaft, in der Eigennutz wichtiger ist als Gemeinsinn, Selbstdarstellung und Konkurrenzgehabe gefördert und Solidarität belächelt werden, mag dies ungewöhnlich und erschreckend sein.

Doch es ist auch heilsam, weil die Krise zeigt, dass Individualismus seine Grenzen hat. Dass es Gemeinschaftssinn braucht, um Gesellschaften weiterzuentwickeln. So wie sich gerade, wenn auch zaghaft, das Ansehen eben jener Berufe verändert, deren Image schlecht ist. Es sind dabei Arbeiten, die hierzulande kaum einer machen will, weil sie sich nicht gemütlich und sauber am Schreibtisch erledigen lassen. Es sind Jobs, die körperlich und nicht selten auch psychisch anstrengend sind. Wenig Wertschätzung und mieses Image - wer möchte da schon so einen Beruf erlernen?

Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, dass es Berufe jener Branchen sind, in denen es einen enormen Mangel an Fachkräften gibt. Wo sogar Politiker, wie der Gesundheitsminister, im Ausland auf Personalsuche gehen.

Doch wer bislang dachte, etwas Besseres zu sein als diese Menschen, die anderen - wo auch immer - zu Diensten sind, den holt die Realität nun ein. Endlich!

Mehr Anerkennung für die, die nicht nur das Vermögen, sondern das Wohl aller vermehren

Wertschätzung und Respekt müssen die Leitlinie für den gesellschaftlichen Umgang sein - besonders anzuerkennen sind jene, die gerade jetzt ihren Dienst versehen. Anerkennung zeigt sich immer auch an der Höhe des Gehalts. Pfleger und Pflegerinnen in Krankenhäusern verdienen zumeist weniger als 3000 Euro brutto im Monat. Im Einzelhandel und im Reinigungsgewerbe sind es im Schnitt sogar weniger als 2000 Euro. Das ist wenig Geld, zu wenig, um etwa in München eine Familie gut über die Runden zu bringen. Doch Anerkennung zeigt sich auch daran, wie eine Gesellschaft mit ihren Mitgliedern umgeht. Nicht selten war dies herablassend und respektlos mit den nun als "systemrelevant" benannten Beschäftigten.

In diesen Tagen kann man eine Veränderung beobachten. Da wird das Pflegepersonal beklatscht und dem Mann an der Kasse und der Frau in der Polizeiuniform "danke" gesagt.

Dies muss nun auch so bleiben, denn es ist Zeit für einen nachhaltigen Wertewandel. Es liegt an allen, das kleine Pflänzchen zu pflegen. Wertschätzung, gute Arbeitsbedingungen und guter Umgang könnten nach der Krise zu einem besseren gesellschaftlichen Klima führen. Es ist Zeit, jene mehr anzuerkennen, die nicht nur das Vermögen, sondern das Wohlergehen anderer vermehren. Ja, sie sind für ein gutes Leben aller relevant. Wenn dies nach der Viruskrise Konsens wäre, hätte Corona sogar etwas Gutes.

© SZ vom 24.03.2020

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