Süddeutsche Zeitung

Coaching für Mitarbeiter:Hinterher ist alles anders

Ein Coaching im Unternehmen kann Angestellte weiterbringen und glücklich machen - ihre Kollegen sind davon nicht immer begeistert. Warum die Probleme nach dem Training oft größer sind als vorher.

Maria Holzmüller

Martina Mayer ist ein bisschen nervös. Die Angestellte einer Versicherungsgesellschaft steht kurz vor ihrem ersten unternehmensinternen Coaching. Weil sie ins Nachwuchsförderprogramm der Firma aufgenommen wurde, wird ihr nun ein Einzeltraining angeboten, in dem sie an ihren Präsentationsfähigkeiten arbeiten soll. Sie will selbstsicherer wirken, vor allem in Meetings mit den Vorgesetzten. Ob das Coaching wirklich funktioniert, weiß sie noch nicht - aber sie hofft, dass danach alles besser wird.

Dass das bei weitem nicht immer der Fall ist, das hat Bernhard Trager, Doktorand der Wirtschaftspädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg, in einer Studie herausgefunden. Selbst wenn das Coaching wirkt und der betreffende Angestellte glücklich mit seinem persönlichen Wandel ist - die Kollegen sind es nicht immer. Trager untersuchte die Wirkung von Coaching-Prozessen innerhalb eines mittelständischen Unternehmens - und kam zu denkwürdigen Erkenntnissen.

"Häufig gehen Angestellte mit hohen persönlichen Erwartungen in das Coaching, ohne zu überlegen, was die möglichen Folgen für Personen aus dem unmittelbaren beruflichen und privaten Umfeld und die entsprechenden Reaktionen sein könnten", sagt er. Wenn sich ein Kollege von einen Tag auf den anderen ändert, weil er nach einem Coaching an sich arbeitet, verschiebt das die Gruppendynamik und damit auch das Betriebsklima. "Wenn das Umfeld im Coaching ausgeblendet wird, sind dann vielleicht die alten Probleme durch die Beratung gelöst, aber mehr neue entstanden", sagt Trager.

So wurde einer Angestellten, die durch ihren übermäßigen Perfektionismus sich selbst und ihre Mitarbeiter unter Stress setzte, von der Personalabteilung ein Coaching zur Lösung des Konflikts angeboten. Sie ließ sich auf die Sitzungen mit einem Berater ein - und arbeitete an sich. All ihre Probleme löste das nicht. "Die Kollegin, mit der sie zuvor die meisten Streitereien hatte, sah das Coaching als eine Art Schuldeingeständnis. Ganz nach dem Motto: "Ich hab ja immer schon gesagt, dass du Schuld an unserem Konflikt hast", berichtet Trager.

Solche Entwicklungen seien völlig normal, sagt der Business-Coach Wolfgang Looss. Seit mehr als 25 Jahren ist er als Personalentwickler und Trainer in Unternehmen tätig. "Ich bespreche mit meinen Klienten, wie sie an sich arbeiten und später auch im persönlichen Umfeld Akzeptanz für die Veränderungen schaffen können."

Looss versteht die Skepsis unter den Kollegen, die selbst kein Coaching hinter sich haben. "Es wirkt irritierend, wenn ein Mitarbeiter plötzlich anders reagiert als man das von ihm erwartet. Manche sagen dann auch: 'Ach so, der hat ein Coaching gemacht. Na, den biegen wir uns schon wieder zurecht'", sagt der Trainer.

In deutschen Unternehmen herrsche zudem noch immer die Annahme, dass nur diejenigen ein Coaching besuchen, die ein Problem haben. "Es wird noch nicht als Beweis dafür gesehen, dass jemand die Bereitschaft und den Mut zeigt, an eigenen Handlungs- und Denkmustern zu arbeiten", sagt Trager.

Vom Chef vor den Kopf gestoßen

Möglicherweise spielt aber auch Neid eine Rolle. Wer sieht, wie ein Kollege sich weiterbildet und fortentwickelt, fühlt sich verunsichert und möchte gerne nachziehen. "Es kam vor, dass Kollegen sofort auch eine Beratung bei dem gleichen Coach wollten", sagt Trager. Der Wissenschaftler weiß aber auch, wie sich eine angespannte Stimmung im Kollegenkreis umgehen lässt. "Im Idealfall herrscht in einem Unternehmen eine offene Lernkultur und der Chef sagt seinen Angestellten klar und offen, dass er ein Coaching besucht hat, um an bestimmten Handlungs- und Denkmustern zu arbeiten, die sich in einer gewissen Situation als unbrauchbar erwiesen haben. Dann wissen die Kollegen woran sie sind und fühlen sich nicht vor den Kopf gestoßen, wenn ihr Vorgesetzter plötzlich anders kommuniziert als vorher".

Auch im privaten Bereich könnte das berufliche Coaching Folgen haben. "Wer daran arbeitet, auch mal nein zu sagen, muss unter Umständen damit rechnen, dass sich auch Freunde, die dieses Verhalten bisher so nicht kannten, zurückziehen", sagt Trager. Trotz aller Widerstände bereuten die Angestellten, mit denen er sprach, ihr Coaching jedoch nicht. "Sie haben trotz aller Irritationen im Umfeld ihre Entwicklung als Verbesserung empfunden", sagt er.

Damit ein Coaching allerdings solch eine tiefgreifende Wirkung zeigt, müssen ein paar Voraussetzungen erfüllt sein."Der Klient muss auf jeden Fall freiwillig daran teilnehmen", sagt Wolfgang Looss. Darüber hinaus stellte Bernhard Trager fest, dass ein gewisses Maß an Bereitschaft zur Selbstreflexion bei den Arbeitnehmern vorhanden sein muss, damit sie überhaupt offen für Vorschläge des Coaches sind. "Wer dann einmal seine Denkmuster erkannt hat, kann sich, unterstützt von seinem Berater, neue Handlungsweisen aneignen. Das ist ein Lernprozess", sagt Trager.

Die Perfektionistin, mit der er sprach, hat diesen Lernprozess umgesetzt. "Sie bekam am Ende sogar positive Rückmeldungen aus ihrem Freundeskreis, weil sie wesentlich entspannter wirkte", erzählt Trager.

Martina Mayer hofft, dass es bei ihr ähnlich laufen wird. Offen für die Vorschläge des Coaches ist sie jedenfalls - bleibt abzuwarten, wie ihre Kollegen reagieren.

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