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Chronisch kranke Mitarbeiter:Psychische Krankheiten als Fehlursache

Ausstieg aus dem Hamsterrad

Auch die Gymnasiallehrerin Regine Karz (Name geändert) verschwieg jahrelang vor Kollegen und Schülern die Symptome ihrer Erkrankung, Multiple Sklerose. Lange Zeit wusste nur ihr Schulleiter davon. Bis ihr Gang immer unsicherer wurde und die Fehlzeiten sich häuften, weil sie bei jedem Schub vier bis sechs Wochen ausfiel. Rückblickend ist sie ihrem Arzt sehr dankbar, dass er ihr ungewöhnlich direkt eine längere Krankschreibung anriet.

Die Vorstellung, sich eventuell vorzeitig pensionieren lassen zu müssen, belastete sie allerdings. "Ich liebte meinen Beruf, wollte ihn nicht aufgeben", sagt sie. Doch der Druck und vor allem die unterstellten Erwartungen der anderen kosteten sie zu viel Kraft. "Mein geplatztes Selbstbild war anfangs das Schlimmste. Trotzdem erlebe ich es heute als positiv, aus dem Hamsterrad ausgestiegen zu sein. Ich fühle mich besser als zuvor", sagt Karz.

Herzbeschwerden und depressive Verstimmungen

Wie viele chronisch Kranke es in Deutschland gibt, weiß niemand so genau. Bisherige Schätzungen gehen von etwa 20 Prozent aus. Doch vermutlich ist die Zahl zu niedrig. Dem "WIdO-Monitor 2008" zufolge, den die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) erhebt, gibt fast jeder dritte Arbeitnehmer chronische Beschwerden an. Hinzu kommt: Je älter die Menschen, desto öfter leiden sie an einer chronischen Krankheit. Angesichts des demographischen Wandels kommt auf die Betriebe also eine neue Herausforderung zu.

Herz-Kreislauf-Beschwerden, Atemwegs- oder Muskel- und Skelett-Erkrankungen gelten als die typischen chronischen Krankheiten. Psychische Belastungen laufen jedoch seit einigen Jahren den klassischen Krankmachern den Rang ab. So schätzt die Weltgesundheitsorganisation, dass bis zum Jahr 2020 die depressiven Verstimmungen nach den Herzbeschwerden an die zweite Stelle der weltweiten Krankheiten vorrücken werden.

Schon heute sind sie nach Angaben der GKV bei Frauen die dritthäufigste Ursache für Fehlzeiten. Als Gründe für den arbeitsbedingten Stress nennt der Bundesverband Deutscher Psychologen vor allem die Angst vor dem Jobverlust, aber auch die Kultur im Unternehmen oder das Verhalten von Führungskräften.

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