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Hierarchien:Und wo sitzt hier der Chef?

So konnten Chefs früher residieren: Berthold Beitz, der verstorbene Generalbevollmächtigte bei Krupp und spätere Kuratoriumsvorsitzende der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

(Foto: Daniel Biskup/laif)

In der Großraumwelt ist das eigene Büro eines der letzten Statussymbole. Doch jetzt ziehen mehr und mehr Top-Manager zu ihren Mitarbeitern. Ein echter Wandel - oder doch bloß Marketing?

In der Ecke steht ein runder Tisch, umringt von Ledersesseln. An der Wand eine prächtige Standuhr. Durch die Fensterfront, die das Büro im rechten Winkel umschließt, kann man auf die Stadt herabsehen. Und hinter dem Massivholzschreibtisch sitzt er: der Patriarch.

Als die ersten großen Unternehmen entstanden, führten die Fords und Taylors Hierarchien ein wie beim Militär. Generäle haben die schönste Ausgehuniform, den größten Hut. Die Firmenchefs bekamen andere Statussymbole, etwa das größte Büro mit dem besten Ausblick. Auch heute noch gilt vielerorts: Je größer und höher, desto wichtiger. Büros der Bosse sind oft ganz oben. Manchmal haben sie sogar eigene Aufzüge, um dem Fußvolk leichter aus dem Weg gehen zu können. Doch nun verzichten mehr und mehr Führungskräfte auf solche Pfründe. Sie sind Chefs ohne Chefbüro.

"Man sucht Mitarbeiter nicht mehr auf, man bestellt sie zu sich"

"In den letzten 20 Jahren fand meine Arbeit immer an denselben Orten statt. Ich war Teil einer Unternehmensstruktur, die hierarchische Ordnungen anhand von Statussymbolen ausdrückt - wie zum Beispiel zunehmend größere Büros", schreibt Sabine Müller, Chefin von DHL Consulting, in ihrem Blog. Ein Chefbüro habe Einfluss auf die Dynamik am Arbeitsplatz: Es werde zum Zentrum. "Man sucht die Mitarbeiter nicht mehr auf, man bestellt sie zu sich. Für Müller ist das "der Inbegriff des Hierarchiedenkens".

Die hierarchische Organisation funktioniere solange gut, wie das Geschäft keine enge Kollaboration oder Kreativität erfordere, sagt Carsten Schermuly, Professor für Wirtschaftspsychologie an der SRH Hochschule in Berlin. "Heute finden sich Unternehmen in einer Welt wieder, die sich auch ohne eigenes Zutun immer dynamischer verändert, immer unsicherer und komplexer wird. Es gibt nicht mehr nur die eine richtige Entscheidung." Der Chef sei heute kein allwissender Patriarch mehr, der über allem und jedem thront. Alle müssten enger zusammenarbeiten, im Team. Sabine Müller hat deshalb im November 2018 ihr eigenes Büro aufgegeben.

Sie nutzt dieselben Räume wie ihre Kollegen, morgens sucht sie einen Schreibtisch. Für Meetings bucht sie, wie alle anderen, Besprechungsräume, für Telefonate eine Telefonkabine, sie bespricht sich auch mal beim Spaziergang mit den Kollegen. Was sich dadurch verändert hat? "Ich arbeite mit meinem Team nun deutlich enger zusammen. Wir tauschen mehr Ideen aus und inspirieren einander", schreibt Müller. Ihre wichtigste Lektion: "Ich habe gelernt, Vertrauen zu haben und zu schaffen." Führungskräfte könnten Änderungsprozesse nicht mehr hinter verschlossener Bürotür steuern, sie müssten die "neuen, besseren Arbeitsweisen" vorleben. Ihr Chefbüro aufzugeben, bezeichnet die Managerin als ihre "beste Entscheidung".

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Müller ist nicht allein, immer mehr Führungskräfte tauschen Chefbüro gegen Großraum. In der Deutschland-Zentrale von Microsoft in München-Schwabing etwa sucht sich die Vorstandsvorsitzende Sabine Bendiek jeden Morgen einen neuen Arbeitsplatz. Laut einer Untersuchung setzt knapp die Hälfte der Unternehmen im Zuge ihrer New-Work-Strategie auf neue, offene Bürokonzepte.

Geben Chefs ihr Büro auf, sagt Experte Schermuly, würden sie ein Signal an ihre Mitarbeiter senden: "Ich reiße Mauern ein und möchte barrierefrei mit euch kommunizieren und zusammenarbeiten." Mit den Bürowänden werde auch die Hierarchie "eingerissen". Aber nur, wenn sich zugleich die Kultur im Unternehmen ändere. Die Mitarbeiter müssten bei der baulichen und organisatorischen Revolution miteinbezogen werden. Auch ein Großraumbüro brauche Rückzugsorte und Meetingräume, und eine flache Hierarchie strukturierte Abläufe, gerade bei Teamarbeit.

"Ein guter Chef braucht kein Statussymbol, kein großes Büro, um als Führungskraft zu wirken", sagt Schermuly. Statussymbole als legitimierte Machtgrundlagen seien ohnehin nur kurzfristig wirksam. Langfristig funktioniere nur die charismatische Macht, bei der Chefs mit ihrer Ausstrahlung, oder die Expertenmacht, bei der sie mit ihrem Wissen überzeugen. "Diese Machtkonzepte sind unabhängig vom Platz der Führungskraft."

Eine "nette Geste"

Selbstbewusstsein und soziale Kompetenz sind für den Wirtschaftspsychologen entscheidend. "Bin ich näher an den Mitarbeitern dran, bin ich auch stärker in deren Themen und Konflikte involviert." Da gelte es durchzuhalten. Denn ob der Auszug aus dem Chefbüro mehr ist als ein Marketing-Gag, zeige sich erst nach etwa sechs Wochen. "Wenn die Führungskraft dann noch immer mit den Mitarbeitern im Büro sitzt und sich nicht schon wieder zurückgezogen hat", so Schermuly, meine sie es ernst.

Sollten also alle Führungskräfte ihr Büro aufgeben und zu ihren Mitarbeitern in den Großraum ziehen? Nein, meint Cord Bruegge. Er ist Geschäftsführer beim Hamburger Supply-Chain-Unternehmen Oceanwide Logistics. Der Auszug aus dem Chefbüro sei eine "nette Geste", die im Einzelfall funktionieren könne. In seinen 20 Jahren als Geschäftsführer einer mittelständischen Firma in der weltweiten Logistikbranche habe er auf sein Büro aber nicht verzichten können.

Aus mehreren Gründen: Seine Mitarbeiter kämen mit allen möglichen Anliegen zu ihm - mit Eheproblemen, Geldsorgen oder Gesundheitsleiden. "Solch private Themen müssen hinter verschlossener Bürotür besprochen werden", sagt Bruegge. Außerdem seien einige Geschäftsinterna nicht für alle Mitarbeiter bestimmt: "Wenn ich etwa mit der Buchhalterin über den Verlust des letzten Quartals rede, fangen meine Mitarbeiter an, sich Sorgen um ihre Jobs zu machen." Die Erfahrung habe gezeigt, "dass sich meine Mitarbeiter konstant beobachtet und unwohl fühlten, wenn ich im Großraum saß", so der Firmenchef.

Flache Hierarchien habe er auch vom Chefbüro aus etablieren können: "Ich hatte immer die Politik der "offenen Tür, jeder konnte jederzeit zu mir kommen", sagt Bruegge. So habe er auch im eigenen Büro immer genug vom Tagesgeschehen mitbekommen. Zu viel Tagesroutine lenke ihn von seinen Aufgaben ab. Und: "Als Manager lese ich auch mal stundenlang Zeitung, um mich über neue Gesetze oder Börsenzahlen zu informieren. Oder ich starre an die Decke, um darüber nachzudenken, wie ich ein Problem löse." Wenn seine Mitarbeiter das sähen, bekämen sie den Eindruck, er würde nicht hart arbeiten. In anderen Kulturen gehöre das Chefbüro einfach dazu. Gerade asiatische Geschäftspartner müsse Bruegge in seinem eigenen Büro empfangen können. "Sonst nehmen die mich nicht ernst." Der Trend geht zum Großraum - allerdings ist der Auszug aus dem Chefbüro nicht jedermanns Sache.

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