Bundeswehr wird in Schulen aktiv Angst vor "Eroberung der Schulen"

Formell darf ein Schulleiter den Besuch der Offiziere trotz Abkommen verbieten, ebenso wie Rektoren in Ländern ohne Kooperation Soldaten einladen dürfen und dies auch quer durch die Republik tun. Aber: Wenn ein mit Majoren posierender Minister die Marschrichtung vorgibt, ist ein Ausklinken schwieriger. Und dass es neben den Jugendoffizieren auch Wehrdienstberater gibt, die konkret Nachwuchs anwerben, kommt hinzu - zumal ein Referent, selbst wenn er nicht für den Soldatenberuf wirbt, dies indirekt tut, indem er einseitig am Image der Armee feilt. Kaum verwunderlich, dass die Entwicklung auf Widerstand trifft, und zwar auf immer schärferen. Friedensinitiativen rüsten sich, sie beklagen die "Eroberung der Schulen" durch die Bundeswehr. Die Armee wolle die Jugendlichen "auf Kurs bringen", sie brauche schließlich "Nachwuchskräfte" für Auslandseinsätze, heißt es in der Analyse eines Tübinger Bündnisses. Lehrer diskutieren die Rolle der Bundeswehr, gerade im Lager der Alt-68er. Eltern sind besorgt und proben den Protest.

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Mancherorts ist das Thema zum Politikum geworden: In Mecklenburg-Vorpommern wurde ein Kooperationsabkommen Anfang Juni in letzter Minute im Kabinett verschoben, die Koalitionäre SPD und CDU hatten sich zuvor über den Wortlaut gestritten. Grüne und Linkspartei waren ohnehin dagegen: "Allgemeine politische Bildung ist nicht Aufgabe der Bundeswehr", heißt es aus der Grünen-Fraktion. Und falls ein Offizier in der Schule auftrete, solle das für Schüler freiwillig sein. Kritiker führen auch auf, dass man mehr Alternativ-Referenten wie Friedensaktivisten einladen sollte - als Korrektiv sozusagen, damit die Armee nicht die Deutungshoheit erlange.

Sven Neeb, dem Politik-Lehrer der Rheinbacher Klasse, sind diese Sorgen durchaus bewusst, er kennt sie auch aus dem Kollegenkreis. "Blind" würde er einen Offizier auch nicht in seine Klasse lassen, im Vorfeld hatte er sich ein Bild von Schlich gemacht, ist mit ihm die Themen durchgegangen. Schlich plädiert in diesem Punkt für Offenheit: "Ich bin da, um Themen zu diskutieren, nicht um die heile Welt zu verkünden", sagt er. Ebenso wolle er den Schülern vermitteln, "dass sich kein Soldat einbildet, der große Friedensbringer zu sein". Deswegen erklärt er auch den Ansatz der vernetzten Sicherheit in Afghanistan, das Zusammenspiel von Militär, Polizei, Justiz und anderen Ressorts - ohne "mit der westlichen Brille" an den Hindukusch zu blicken, wie er vor den Schülern betont. Auch die Not gelte es zu lindern, Hauptursache für Konflikte. "Ohne Mampf kein Kampf, sagen wir bei der Bundeswehr", sagt Schlich in der Klasse und lacht. Von den Schülern lacht keiner.

Es klingelt zur nächsten Stunde. Die Schüler ziehen weiter, auch Schlich hat es eilig. Ein neuer Termin wartet, diesmal im Verteidigungsministerium in Bonn. Die Sonne brennt herab auf den Dienstsitz auf der Hardthöhe, es hat sich gelohnt, dass Schlich nur das Hemd trägt, keine volle Infanterie-Uniform. Zwei zehnte Klassen einer Realschule sind aus dem Sauerland nach Bonn gereist: erst Schlichs Vortrag, dann zum Haus der Geschichte, die Bundeswehr bezahlt den Bus. Die Einsatzmedaillen, die in einer Vitrine im Foyer des Besucherzentrums glänzen, haben es einigen Jungen angetan, mit großen Augen mustern sie die Orden. Andere warten auf Wichtigeres: die Kiste Cola, die an diesem heißen Tag bereitgestellt wird.