Büro-Knigge Bitte mit Anstand

Braucht gutes Benehmen starre Regeln? Eine Einführung in die Etikette.

Von Nicola Holzapfel

Beim Grüßen geht es schon los. Wer grüßt wen zuerst? Wer darf wem die Hand reichen? Wann ist ein freundliches Nicken besser als ein lautes "Grüß Gott?". In Sachen Benimm fühlen sich viele unsicher. Und obwohl sich jeder richtig benehmen will, benimmt sich mancher daneben. Da klingeln Handys im Vieraugengespräch, Türen werden dem Nachfolgenden vor der Nase zugeschlagen und Kollegen werden mit intimen Fragen vor den Kopf gestoßen.

Der Knigge liegt auf den wenigsten Büroschreibtischen zum Nachschlagen bereit. Benehmen sich deshalb so viele Kollegen ständig daneben?

(Foto: ddp)

Und das obwohl das Geschäft mit der Etikette blüht. Schließlich gilt schlechtes Benehmen als Karrierekiller. Ratsuchende in Benimmfragen erwerben Bücher, besuchen Seminare, konsumieren geradezu hörig Experten-Tipps.

Dass dennoch so viel falsch gemacht wird, liegt womöglich an einem feinen Unterschied: Benimm-Regeln lassen sich auswendig lernen, aber höfliches Verhalten hat auch mit inneren Werten zu tun.

Diesen Unterschied machte schon Adolph Freiherr Knigge. "Ihm ging es nicht um starre Verhaltensweisen nach dem Motto 'Wie muss ich mich hinsetzen?', sondern um die innere Einstellung im Umgang miteinander", sagt sein Urgroßneffe Alexander Freiherr Knigge, der in Berlin als Rechtsanwalt arbeitet und die Webseite knigge.de betreibt. Dort gibt es zwar konkrete Empfehlungen, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten soll, aber Knigge sagt auch: "Mit der richtigen Einstellung kann man die meisten Situationen meistern. Das ist gar nicht so schwierig". Im Zweifelsfall hilft es darüber nachzudenken, wie wohl der Andere ein bestimmtes Verhalten empfindet.

Beispiel Handy: Ist es unhöflich das Mobil-Telefon bei Besprechungen eingeschaltet zu haben? "Klar!", sagt Knigge. "In einem Vieraugengespräch erwartet mein Gegenüber, dass ich meine ganze Aufmerksamkeit auf ihn richte. Wenn ich gleichzeitig mein Handy angeschaltet lasse, zeige ich ihm damit, dass mir Anrufe wichtiger sind."

Beispiel Grüßen: Jemanden zu übersehen statt ihn zu grüßen, kommt schlecht an. Knigges Nachhilfe für Muffel: Wer in einem Raum kommt, grüßt. Und: Auf dem Büroflur grüßt, wer den anderen zuerst erblickt.

Beispiel unhöfliche Zeitgenossen: "Mit unhöflichem Verhalten richtig umzugehen, ist eine große Herausforderung", sagt Knigge. Man müsse auch unterscheiden, ob es ein bewusstes Zeichen der Geringschätzung oder Ausdruck einer fehlerhaften Erziehung ist. "Das beste ist diskret darüber hinwegzugehen. Es sei denn, man ist zum Beispiel als Vorgesetzter für jemanden verantwortlich, der sich schlecht benimmt. Dann sollte man ihn sehr diskret und freundlich darauf hinweisen. Ansonsten könnte er sich selbst und auch die Firma schädigen."

Obwohl das Interesse an Benimmregeln so groß ist, stellt Alexander Freiherr Knigge bei seiner beruflichen Tätigkeit fest, dass "der Anstand verloren geht: Es gibt weniger moralische Skrupel. Zusagen werden nicht eingehalten, oder es wird sogar gelogen."

Und was hat nun das altmodische Wort Anstand mit Etikette zu tun? Für reine Benimm-Regel-Junkies hat Knigge eine Antwort parat: "Es ist gut, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sich angemessen verhält. Aber ein guter Mensch wird man durch das bloße Einhalten von Benimm-Regeln nicht."