Büro "Noch nie jemanden im Verlag gefragt, wie schnell er tippen kann"

Den größten Nutzen vom schnellen Blindtippen haben zweifellos hauptberufliche Vielschreiber, die ihre Texte nicht aus Versatzstücken zusammenbauen können. Trotzdem gibt es viele Journalisten, PR-Leute, Lektoren und Wissenschaftler, die mit einem Zweifinger-Hacksystem gut durchkommen. Ihre Arbeitgeber interessieren sich eher nicht für den mechanischen Aspekt. "Ich habe noch nie jemanden im Verlag gefragt, wie schnell er tippen kann - komisch eigentlich", sagt Claudia Limmer von der Verlagsgruppe Randomhouse. "Wir gehen wohl einfach davon aus, dass Personen, die sich hauptberuflich mit Sprache und Text beschäftigen, auch etwas zu Papier bringen können. Schnelligkeit ist dabei ja auch nicht entscheidend."

Tastschreibkurse bietet Randomhouse seinen Beschäftigten denn auch nicht an. Dagegen können interessierte Mitarbeiter des Industriekonzerns Bosch, bei dem Menschen mit völlig unterschiedlichen Berufen arbeiten, an vielen Standorten kostenfrei tippen lernen, außerhalb der Arbeitszeit. Bei Bedarf würden auch Auszubildende geschult, sagt Michael Kattau von Bosch. "Wir machen aber die Erfahrung, dass gerade die Jüngeren schon sehr schnell am PC tippen können, wenn auch nicht immer im Zehnfingersystem."

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Wie viele Menschen in Deutschland Tastschreiben beherrschen, ist unbekannt. Neben Vereinen und anderen Trägern bieten vor allem die Volkshochschulen regelmäßig Kurse an. Aufschlussreich ist ein Blick in eine Statistik des VHS-Verbands, die seit den Fünfzigerjahren die Entwicklung des Kursangebots an 30 über das Land verteilten Volkshochschulen erfasst. Während 1960 nur 60 einschlägige Lehrgänge angeboten wurden, waren es 1975 mehr als doppelt und 1990 viermal so viele. Im Jahr 2012 wurde mit 262 Kursen in Tast- oder Maschinenschreiben ein Höhepunkt erreicht, danach brachen die Zahlen abrupt ein. Zuletzt wurden noch 75 Angebote registriert.

Simone Kaucher vom VHS-Verband vermutet, dass die Teilnehmer seit mehr als 20 Jahren eher privat als beruflich motiviert sind: Das Interesse stieg mit der Verbreitung von Computern in Privathaushalten und schwand mit dem Siegeszug der Tablets.

Von den verbliebenen VHS-Kursen in Tastschreiben richten sich deutlich mehr als früher an Kinder und Jugendliche, auch weil an den Schulen so viele Präsentationen gefordert werden. Das ist einerseits sinnvoll, denn wer sich erst mal seine eigene Tippmethode angewöhnt hat, kann nur noch mit viel Mühe umlernen. Andererseits schreiben Jugendliche im Alltag vor allem mit den Daumen auf dem Smartphone und nur wenig auf Computertastaturen. Die Gefahr ist groß, das Gelernte schnell wieder zu vergessen.

Grundsätzlich lässt sich das Zehnfingersystems innerhalb von Tagen lernen, doch bis zur Automatisierung der Bewegungen sind Hunderte Übungsstunden notwendig. Regina Hofmann ist Vorsitzende des traditionsreichen Deutschen Stenografenbundes, der auch die Deutsche Meisterschaft in Stenografie, Tastaturschreiben und Textbearbeitung ausrichtet. Die Vereine müssten sich immer stärker anstrengen, um Nachwuchs zu gewinnen, sagt sie: "Die Begeisterung, viel zu trainieren, geht den jungen Leuten manchmal ab. Die sagen, dass sie Tastschreiben beruflich gar nicht groß brauchen. Dabei ist das wie Leistungssport: Hundert Meter in zehn Sekunden laufen zu können, braucht schließlich auch niemand im Beruf." Hofmann denkt jetzt darüber nach, einen weiteren Wettbewerb ins Leben zu rufen: in Tabellenkalkulation.

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