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Brexit & Bildungsbranche:Noch geht es weiter wie bisher

Ob Europäer künftig Visa für ein Studium in England benötigen und ihre Abschlüsse dort anerkannt werden, ist unklar. Wer bereits studiert, kann die Ausbildung zu den bekannten Konditionen abschließen.

Von Christine Demmer

Mitte September geht's los. In der "Welcome Week" will Stefan Helmrich erst den Campus der Universität Manchester erkunden und danach Physik studieren. Zwei Semester hat der Erfurter fest eingeplant. Vielleicht macht er sogar den Master in England. "Das kommt darauf an", erklärt er, "was sich mit dem Brexit ändert. Falls mein Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wird, komme ich vorher zurück."

Der 24-jährige Student wird die Situation beobachten, aber sich zunächst keine Sorgen machen müssen. Denn für EU-Bürger, die im aktuellen Herbst-/Wintersemester an einer britischen Hochschule eingeschrieben sind, gelten die bisherigen Regelungen weiter - auch über den Brexit im Frühjahr 2019 hinaus. Sowohl bei den Studiengebühren als auch bei den Bedingungen für die staatlichen Studienkredite genießen Studierende aus der EU dieselben Vorzugskonditionen wie Inländer. Schottland garantiert die Gleichbehandlung sogar bis zum Studienbeginn im Wintersemester 2018/19.

Nach Angaben des britischen Rats für internationale Studienangelegenheiten (UKCISA) waren im akademischen Jahr 2014/2015 knapp 437 000 ausländische Studierende eingeschrieben. Das war etwa ein Fünftel der gesamten Studentenschaft. Fast 125 000 Studierende kamen aus der Europäischen Union, darunter etwa 13 700 Deutsche. Britische Hochschulexperten befürchten, dass die weiterhin zum "Brüsseler Klub" gehörenden Europäer künftig einen Bogen um die Insel machen. Denn obwohl das Studium dort einen guten Ruf hat, sind die Lebenshaltungskosten happig und die Studiengebühren höher als im Rest Europas. Wer nicht aus der EU kommt, zahlt sogar noch mehr. Noch wurden keine Neuregelungen getroffen. Aber es könnte sein, dass Studenten aus EU-Ländern ihren bisherigen Mitgliederrabatt verlieren und künftig anstelle der Home-/EU-Rate die hohen Overseas Fees oder International Tuition Fees zahlen müssen, die von Indern, Brasilianern und Chinesen verlangt werden. Was je nach Uni einen Aufschlag von 20 bis 80 Prozent auf die ohnehin saftigen Gebühren bedeuten kann.

EU-Bürger, die in England studieren wollen, brauchen ab 2019 womöglich ein Visum

Falls bis zum Brexit keine bilateralen Vereinbarungen zwischen London und Brüssel getroffen worden sind, müssen britische Hochschulen Studienabschlüsse aus Deutschland nicht mehr anerkennen. "Das gilt auch im umgekehrten Fall", sagt Hans-Peter Braune, Professor für Wirtschaftsrecht an der FOM-Hochschule, "also für Briten, die in der EU studieren wollen". Nur wenn entsprechende Staatsverträge abgeschlossen würden, könnten Hochschulabschlüsse in der Zukunft über die Grenzen hinaus Anerkennung finden - in Deutschland und in Großbritannien. Für Stefan Helmrich ist das der Knackpunkt, denn er hat keine Lust darauf, eines Tages den deutschen Anerkennungsbehörden sein Studium erklären zu müssen.

Ähnliche Sorgen machen sich Führungskräfte, die an einer britischen Business School studieren oder sich dort nebenberuflich zum Doctor of Business Administration (DBA) weiterbilden. Die Frage, ob ein in England erworbener MBA-Titel nach dem Brexit in Deutschland geführt werden darf, bringt Felix Müller, Managing Director der Henley Business School in München, indes nicht aus der Ruhe: "Das ist heute schon in den Hochschulgesetzen der Bundesländer geregelt", sagt er. "Im bayerischen Hochschulgesetz steht zum Beispiel, dass jeder Hochschulabschluss, der im Ausland nach deutschen Standards erworben wurde, gültig ist. Man muss nur in Klammern angeben, wo man den Titel her hat, also zum Beispiel 'MBA (Henley)' oder 'DBA (UK)'. Das ist je nach Bundesland unterschiedlich." Diese Regelung gelte bereits heutzutage.

Ohne neue Vereinbarungen werden England-Studenten aus der EU ab 2019 allerdings ein Visum brauchen. Über die Höhe dieser Hürde wird momentan in Englands Behörden gebrütet, weil ein Ziel des Brexit ja die Verringerung des Zuzugs von Migranten war. Erste Überlegungen sehen zwei Klassen von Studentenvisa vor, davon eines mit strengeren Auflagen für nicht näher bezeichnete "Lower Quality Courses". Die Wirtschaft und die Hochschulen laufen dagegen Sturm. Auch hier heißt es: abwarten und beobachten.

Absehbar ist freilich, dass das Erasmus-Programm nach dem Brexit für das Vereinigte Königreich gestorben ist. Das dürfte vor allem die Engländer selbst schmerzen, denn bis jetzt haben mehr als 200 000 britische Studenten an diesem Austauschprogramm teilgenommen.

Nicht vom Brexit betroffen sind britische Hochschulen, die bereits über einen Brückenkopf in Deutschland verfügen. Hier erwerben Studenten Abschlüsse, die dem deutschen Hochschulrecht entsprechen. Mit Filialen auf dem Festland könnten britische Hochschulen dem befürchteten Exodus der Kontinentaleuropäer entgegentreten. Krisen sind immer auch gute Zeiten für neue Geschäftsmodelle. Die Henley Business School hat gerade für 1,5 Millionen Euro einen neuen Campus in der Münchner Maximilianstraße angemietet, "langfristig", wie Felix Müller bedeutungsschwer hinzufügt. Und das renommierte King's College in London liebäugelt Medienberichten zufolge mit der Einrichtung eines externen Campus in Dresden.

© SZ vom 14.09.2017
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