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Bologna und Hartz IV:Reformen aus einem Geist

Unfreie Universitäten: Hartz IV macht aus Arbeitslosen Arbeitsscheue, das bürokratisierte Bologna-System aus wissbegierigen jungen Menschen Bummelstudenten - beide setzen auf Kontrolle und Zwang.

Gustav Seibt

Spät, aber doch beginnt so etwas wie eine breite Diskussion zu den Bologna-Reformen der deutschen Universitäten. Eine nichtfachliche, nicht lobbyistisch befangene Öffentlichkeit beginnt zu ahnen, dass es um mehr geht als um den Umbau einer institutionellen Sonderwelt mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Hörsaal, ddp

Schlechte Zeiten für Studenten: Das neue System betrachtet sie als mangelhaft vorgebildete, sogar unneugierige, studierunwillige junge Menschen, denen man Studienpflichten auflegen muss.

(Foto: Foto: ddp)

Begonnen hatte die Reform vor zehn Jahren in dem Windschatten, in dem bildungspolitische Anliegen vor den Pisa-Studien und vor der Wahrnehmung der Ausbildungsdefizite einer dramatisch alternden Gesellschaft gelandet waren. Inzwischen aber ist nicht nur Ausbildung, sondern sogar "Bildung" - als Gemeinsames einer fast grenzenlos differenzierten Gesellschaft - wieder ein großes Thema geworden.

Und so verraten auch die gereizten Reaktionen von Verwaltungsfachleuten, dass die Einwürfe von "Feuilletonisten" vielleicht nicht mehr ganz achtlos abgetan werden können; ganz zu schweigen von der Verwunderung ausländischer Beobachter, die registrieren, dass Deutschland eine seiner wertvollsten Erbschaften nicht einfach auf den heutigen Stand bringt, sondern komplett abschafft.

An der Verwaltung hängt alles

Die jüngste Rückzugslinie der Bologna-Verteidiger gegen eine in praktischen Erfahrungen mittlerweile wohlbegründete Kritik lautet: Es sind Umsetzungsprobleme. Die Idee eines europaweit vereinheitlichten, durch Modularisierung vergleichbar gemachten Studierens bleibe richtig. Die aktuellen Schwierigkeiten - zeitliche und stoffliche Überforderung der Studierenden, rigide Erhöhung der Schranken beim Universitäts- und Länderwechsel - seien den Verwaltungen vor Ort, teils auf Länderebene, teils in den Hochschulen zuzuschreiben.

Sie haben die Idee einseitig, also dysfunktional in die Wirklichkeit umgesetzt. Und Professoren, die unter Verwaltungslasten ächzen, haben etwas falsch verstanden. Positive Gegenbeispiele, die natürlich auch vorliegen, beweisen, dass Bologna im Prinzip das Richtige will.

Tatsächlich? Man kann all diesen Argumenten vorbehaltlos zustimmen und doch festhalten, dass genau sie das zentrale Problem benennen. Es besteht eben in der Abhängigkeit von administrativen Leistungen, von der Qualität der Verwaltung, die den Bologna-Prozess offenbar kennzeichnet. Er kann gelingen, sofern die Verwaltung gut ist; aber an ihr hängt es eben.

Damit ist aber für die Studierenden bereits ein entscheidender Mobilitätsverlust bezeichnet. Im ungeordneten bisherigen System war es erheblich leichter, Schwächen auszuweichen. Im Zweifelsfall genügte der Wechsel der Lehrveranstaltung, des Professors oder der Fakultät. Wer dagegen jetzt an einer Hochschule landet, die Bologna unzulänglich umgesetzt hat, muss die Universität oder gar das Bundesland wechseln - mit allen materiellen, aber auch zeitlichen und bürokratischen Schwierigkeiten, die das bedeutet: Ein- und Ausschreiben, Anerkennung des bisher Geleisteten, Umzug, Wohnungssuche.

Solche Mühsal hat das Potential, ein Studium scheitern zu lassen. Die Reform der Reform, die jetzt kommen mag, wird dieses strukturelle Übergewicht der Verwaltung und ihrer Leistungen bestimmt nicht reduzieren.

Bologna rechnet mit dem Schlimmsten

Aber was wäre die Alternative? Damit ist das zweite Hauptargument der Bologna-Befürworter berührt: Der frühere, wenig geordnete, oft genug chaotische Zustand war nicht haltbar. Er lief, als Überdehnung des Humboldtschen Modells von Einsamkeit und Freiheit in einer Massenuniversität, darauf hinaus, die Privilegierten, von Hause aus schon Vorgebildeten weiter zu bevorzugen, also auf eine Art Überleben der Fittesten, während die breite Masse hilflos zurückblieb und verheerend Lebenszeit vergeudete. So wird hier ein Klassenargument entwickelt: Hochmütige Bildungsbürger wollen an einem liberalen Chaos festhalten, das am Ende nur ihnen und den elitär-faulen Professoren nützt.

Schrille Dissonanz

Auch dieses Argument kann man ohne weiteres gelten lassen, ohne die daraus gezogenen Konsequenzen richtig zu finden. In der Tat konnte man in der bisherigen deutschen Universität, vor allem in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, regelrecht verlorengehen. Es gab auch Hunderttausende, die nur zum Schein studierten, es gab die Langzeitstudenten und die Abbrecher, die dabei allen Lebensmut verloren.

Doch die im Bologna-Prozess eingeleitete Gegensteuerung gleicht in ihrem Geist auf verblüffende Weise den Hartz-IV-Reformen. Sie rechnet nämlich mit dem Schlimmsten und setzt mehr auf Zwang und Kontrolle als auf Anreize und Angebote. Die Hartz-IV-Maßnahmen mit dem berechtigten Impuls, Fördern mit Fordern zu verbinden, sind ähnlich abhängig von konkreter Umsetzung wie der Bologna-Prozess.

Im Prinzip aber wird so getan, als suchten die Arbeitslosen gar keine Arbeit, sondern müssten dazu gezwungen werden - durch Nachweispflichten, materiellen Druck und durch ständiges Nachkontrollieren. Dass dieser Drohkulisse vielerorts gar kein funktionierender Arbeitsmarkt entspricht, steigert die Dissonanz ins Schrille.

Negatives Bild der Studierenden

Ähnlich rechnet nun die sich durch Bologna abzeichnende Neuordnung der Universitäten mit einem denkbar negativen Bild der Studierenden: Nicht nur mangelhaft vorgebildet, sogar unneugierig, studierunwillig müssen junge Menschen sein, denen man so durchgestaltete Studienpläne und -pflichten auferlegt.

Anstatt vor allem auf Resultate und Ziele zu schauen, werden die Wege festgelegt, als sei gar niemand imstande, sich selbst zu orientieren. So wie Hartz IV auf Arbeitsscheue und Transferleistungsabgreifer starrt, so wendet sich das bürokratisierte Bologna-Studium an den idealtypischen Bummelstudenten.

Kürzlich wollte ein Hartz-IV-Beamter in einer Göttinger Arbeitsagentur die Almosen im Becher eines Fußgängerzonenbettlers mit dem Hartz-IV-Satz verrechnen. Selbst den individuellen Spielraum, den jenseits der Bürokratie die Mildtätigkeit eröffnet, wollte dieser Verwalter einkassieren. Aus Hilfe wird so eine Abgabe, aus Zuwendung Pflicht. Auch das ist ein kleines Kapitel aus dem großen Max-Weber-Thema, dass jede Institution sich ihren Menschentypus heranbildet.

Sinkendes Europa?

Und das tut künftig natürlich auch die Bologna-Universität, die mit aller Gewalt den Antitypus zum Schreckbild des Langzeitstudenten und Studienabbrechers hervorbringen will, am Ende also eine Kunstfigur. Dieser eingeborene anthropologische Pessimismus, der bei Studierenden nicht zunächst mit neugierigen, für Anregung, Zuwendung und Hilfe dankbaren Menschen rechnet, sondern mit Überforderten und Desorientierten oder gar Arbeitsscheuen, denen man die Richtung vorgeben muss, er wird am Ende den guten Geist des Studierens aus den Unfreien Universitäten austreiben.

Die Menschenbilder von Hartz IV und Bologna - sie gleichen sich auf überraschende Weise. Diese Nähe ist womöglich ein Signum unserer Zeit, einer Epoche der wirtschaftlichen Stagnation, des demographischen Rückgangs, der klimatischen Turbulenzen. Eine solche Epoche war in Europa zuletzt das 17. Jahrhundert, die Zeit, in der der absolutistische Staat mit seiner bis dahin unerhörten Verwaltungsintensität sich formierte.

Sollte ein sinkendes Europa wieder in einer solchen Epoche angekommen sein und dabei unter dem ehrwürdigsten Namen seiner Universitätsgeschichte eben diese verspielen?

© SZ vom 16.07.2009/af

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