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Coronavirus - Schweiz

Lehre vor leerem Saal: Das ist die Realität für Dozenten und Professoren. Ihre Vorlesungen werden derzeit zu digitalen Angeboten verarbeitet.

(Foto: Alexandra Wey/picture alliance/dpa)

Angesichts der Krise haben die Hochschulen in Windeseile ein vielseitiges digitales Lehrprogramm aufgelegt. Auf Präsenz wollen sie mittelfristig aber nicht verzichten - aus guten Gründen.

Eigentlich hätte spätestens am 20. April wieder Leben in die Lehrsäle der Hochschulen einziehen sollen, mit Vorlesungen, Seminaren, Übungen, Sprechstunden oder Lernrunden in der Bibliothek. Tatsächlich hat das Semester begonnen, wegen der Corona-Pandemie jedoch zu Hause am Bildschirm. Für die meisten Hochschulen ist das ein Lernprozess, der gefühlt in Lichtgeschwindigkeit stattfindet. Wie auch immer die Themen Technik oder Prüfungen gelöst werden, so steht doch jetzt schon fest: Die Krise wird die Lehre an den Hochschulen dauerhaft verändern. "Sie kriegen die Zahnpasta nicht mehr in die Tube zurück", sagt Torsten Eymann, Vizepräsident Digitalisierung an der Universität Bayreuth.

Bisher war der Prozess der Digitalisierung ein langsamer, räumt Eymann ein. Zwar habe die Uni sich seit Jahren darum bemüht, die Tools für das sogenannte E-Learning voranzubringen, doch die Resonanz war unterschiedlich. Gerade ältere Dozenten hätten an ihren üblichen Vorlesungen festgehalten, im Gegensatz zu jüngeren Kollegen, die teils darauf gedrängt hätten, mehr Online-Elemente einzuführen. "Wir hatten vor der Corona-Krise viel Angebot und arbeiteten an der Nachfrage; jetzt ist es umgekehrt, wir haben die Nachfrage und müssen die Betreuung für die Dozenten hochfahren", berichtet Eymann. Im März und April stockte die Uni deshalb ihren Pool an wissenschaftlichen Hilfskräften auf, die sich damit beschäftigen, Vorlesungen und Seminare online-tauglich umzuarbeiten. "Wir haben im Prinzip die Situation, dass wir aus einer Campusuni eine Fernuni machen müssen."

Fürs digitale Studium braucht es andere didaktische Konzepte als für die Präsenzlehre

Die Kunst besteht darin, ein digitales Angebot zu schaffen, das den üblichen Studienanforderungen entspricht. Das zwingt die Lehrenden dazu, ihre Vorlesungen und Seminare zu überdenken. "Es ist didaktisch nicht sinnvoll, eineinhalb Stunden Vorlesung zu streamen", sagt etwa Martin Huber, Vizepräsident Lehre an der Uni Bayreuth. Die Dozenten könnten die Inhalte stattdessen etwa in Portionen verpacken, oder Power-Point-Präsentationen mit Audioelementen versehen. Auch Seminare soll es geben, in denen man sich digital trifft. Gefordert sind nun vor allem die Lehrenden, das betonen die beiden Vizepräsidenten der Uni Bayreuth unabhängig voneinander. "Die Dozenten müssen das Material jetzt erzeugen, das dann, wenn es gut ist, auch für die kommenden Semester zur Verfügung steht", sagt Eymann. In jedem Fall sollen auch die Studienanfänger, die wegen der Pandemie noch gar nicht nach Bayreuth kommen dürfen, auf der E-Learning-Plattform mit den notwendigen Vorlesungen und Seminaren versorgt werden.

Die RWTH Aachen mit ihren 45 000 Studierenden ist als technisch orientierte Hochschule schon relativ weit in Sachen Digitalisierung. "Aber auf das flächendeckende E-Learning, das jetzt gefordert ist, waren wir nicht vorbereitet", sagt Prorektor Aloys Krieg. "Die Umstellung wegen der Corona-Krise ist die bisher größte Herausforderung, die ich in meiner Amtszeit erlebt habe." Die RWTH hat wie viele andere Unis in den vergangenen Wochen unter Hochdruck gearbeitet. Lizenzen für ein Videokonferenzsystem wurden für alle Lehrenden erworben, Videos von alten Veranstaltungen reaktiviert, Live-Streams, die Fragen ermöglichen, vorbereitet, für Veranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmern wurden Videos vorproduziert. E-Tutorien sollen die klassischen Übungen und Sprechstunden ersetzen. Die Krise setzt unvermutetes kreatives Potenzial frei: An der Theologischen Fakultät wird nun Hebräisch als Serious Game angeboten.

Bei Online-Prüfungen und Klausuren gibt es derzeit noch juristische Probleme

Die Unikims, die Management School der Universität Kassel, profitiert von ihrer Pionierarbeit auf dem Gebiet des virtuellen Lernens. "Wir bieten schon seit 2005 Online-Lehrveranstaltungen an", sagt Geschäftsführer Jochen Dittmar, der für diese berufsbegleitenden Studiengänge der Uni Kassel zuständig ist. Die Studierenden, die tagsüber arbeiten, finden sich abends oder am Wochenende vor ihrem Rechner ein, der Dozent sitzt ebenfalls am Bildschirm, blendet seine Präsentation ein und sieht die Teilnehmer in einer Liste. Die Verwaltung läuft - wie an vielen deutschen Hochschulen - komplett digital, Unterlagen, Kontaktdaten, Terminpläne, Anmeldung zur Masterarbeit, Noten stehen online zur Verfügung. "Das funktioniert hervorragend", erzählt Dittmar. Gerade diejenigen, die den Master of Public Administration, sprich öffentliche Verwaltung, erwerben wollen, schätzten die Online-Möglichkeiten. "Die wollen nicht quer durch die Republik zu einem Seminar fahren."

Angesichts der Corona-Pandemie wandelt die Unikims die geplanten Präsenz-Workshops in digitale Veranstaltungen um. Damit kommen zu den bisher 800 Studierenden weitere 400 junge Frauen und Männer hinzu. Kein Problem, sagt Dittmar: "Wir haben die Ausstattung und sind damit vertraut." Auf Kapazitätsprobleme stoße man höchstens im öffentlichen Netz.

Das Lehren wird also funktionieren, aber wie steht es um das Prüfen? Was geschieht, wenn keine 800 Leute mehr gleichzeitig in einem Saal ihre Examina schreiben dürfen? Die Aachener reagieren flexibel. "Wir haben noch 400 Klausuren aus dem Wintersemester offen. Die kleineren Klausuren werden wir in mündliche Prüfungen via Videokonferenzsystem umwandeln", erklärt Prorektor Krieg. Das sei auch rechtlich geprüft. Die Examina, die schriftlich stattfinden müssen, sollen auf die Pfingstferien oder Samstage verlegt werden, also in eine Zeit, in der die Kontaktbeschränkungen voraussichtlich erheblich gelockert sein werden.

Noch fehlen aber in den meisten Fällen die rechtlichen Rahmenbedingungen für Online-Prüfungen, wie Vizepräsident Eymann von der Universität Bayreuth erklärt. "Ausländische Unis machen zwar Online-Examen, aber da muss zum Beispiel die Webcam offen sein, um den Prüfling zu überwachen." Noch scheitert die schnelle Umsetzung hierzulande an Bedenken wegen Datenschutz und Prüfungsrecht. Vizepräsident Huber ist aber zuversichtlich, dass das E-Learning beim Prüfen nicht enden wird: "Bis Ende der Vorlesungszeit werden wir ein Set von Tools für elektronische Distanzprüfungen haben, die rechtssicher und datenschutzkonform sind."

Somit könnte die Krise Präsenzunis verzichtbar machen. Gerade in Bereichen, die auf Buchwissen basieren, wie Betriebswirtschaft oder Jura, lässt sich ein Großteil der Lehre ja digital abwickeln. An ein Ende der Unis glauben die Verantwortlichen aber nicht. "Damit wäre die Einheit von Forschung und Lehre gefährdet, die vom kritischen persönlichen Austausch lebt. Das Studium ist eine Lebensphase, zu der die Präsenz vor Ort gehört", betont Huber.

Oder, wie es Krieg von der RWTH Aachen ausdrückt: "Die Technik ist nicht das Problem, aber die soziale Eingebundenheit würde fehlen." Und Laborpraktika, Musik und Kunst funktionieren doch nur mit Präsenz so richtig gut.

© SZ vom 08.05.2020
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