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Bildungsstudie:Warum Sachsen kein Englisch können

Der jüngste Schulvergleich zeigt: Im Schulfach Englisch liegen ostdeutsche Kinder weit hinten - das liegt vor allem an den Lehrern.

Christiane Kohl

Sachsens Kultusminister Roland Wöller fordert die Schüler seines Freistaats auf: "Lest Harry Potter im Original!" Er hat allen Grund dazu, denn während die sächsischen Schüler nach der neuen Schulstudie bei den Deutsch-Kompetenzen recht gut abschnitten im bundesdeutschen Vergleich, sieht es im Fach Englisch ganz anders aus: Hier belegten die stets um beste Plätze bemühten Sachsen bei der Überprüfung der Lesefähigkeiten in Englisch nur Platz acht. Was das Hören und Verstehen der englischen Sprache betrifft, landeten die Schüler aus Dresden, Leipzig oder Chemnitz sogar weit abgeschlagen auf dem schmachvollen 13. Platz, noch hinter Thüringen. Sächsisch und Angelsächsisch - das sind offenbar zwei Sprachen, die sich nicht besonders gut miteinander vertragen.

Grundschüler pauken Englisch

Englisch-Unterricht  haben sie - trot zdem können viele Grundschüler am Ende nur ein paar Wörter.

(Foto: dpa)

Generell haben die Schüler aus den ostdeutschen Ländern dem Schultest zufolge ein Problem mit der englischen Sprache. So erreichten die in Sachsen-Anhalt getesteten Neuntklässler beim Hören und Verstehen englischer Texte nur den vorletzten Platz, während die Brandenburger Schüler das Schlusslicht in Deutschland bildeten. Die mangelnde Sprachkompetenz in Englisch ist für Sachsens Kultusminister Wöller (CDU) noch ein Spätprodukt des DDR-Schulsystems: Die Ergebnissen der Studie, so Wöller, "spiegeln noch den geringen Stellenwert wider, den Englisch vor 1990 in den ostdeutschen Ländern hatte". Wöller, selbst ein Westdeutscher, der als Student in den Osten ging, hat überdies festgestellt, dass auch in den ostdeutschen Familien das Bewusstsein für die Bedeutung der englischen Sprache erst in den letzten Jahren gewachsen ist.

Dreh- und Angelpunkt des ostdeutschen Englischproblems sind aber offenbar die Lehrer. So wurden in Sachsen beispielsweise weitgehend alle DDR-Lehrer übernommen, doch vor der Wende war Russisch die erste Fremdsprache. Entsprechend wurden in den neunziger Jahren viele Russischlehrer auf Englisch umgeschult: Was sie den Kindern heute an eigener Sprachkompetenz bieten können, hat mit Oxford-Englisch nicht immer viel zu tun. Der Altersdurchschnitt der sächsischen Lehrer liegt zudem bei 50 Jahren, das Gros der Lehrkräfte wurde mithin noch zu DDR-Zeiten ausgebildet. In anderen ostdeutschen Ländern ist es ähnlich. So berichtet Birgitta Wolff, die Bildungsministerin in Sachsen-Anhalt, dass in den letzten zehn Jahren rund 1000 Lehrer an Weiterbildungskursen in Englisch teilgenommen hätten.

Wolff merkt nun selbstkritisch an, dass man sich in Sachsen-Anhalt bei der Gestaltung des Unterrichts wohl "noch zu wenig auf die mündliche und zu sehr auf die Schriftsprache, Grammatik und Rechtschreibung konzentriert" habe. Immerhin haben die Kinder in Sachsen-Anhalt seit 2005 bereits von der dritten Klasse an Englischunterricht, in Sachsen hatte man schon ein Jahr zuvor Englisch als obligate Fremdsprache vom dritten Schuljahr an eingeführt. Mit intensiven Schüleraustauschprogrammen und Partnerschaften mit Schulen im englischsprachigen Raum versucht Sachsen das Englischdefizit der Schüler zu bekämpfen. Unterdessen bemüht sich Thüringen darum, jungen Thüringern Studienaufenthalte in den USA zu ermöglichen.

Allerdings sieht Thüringens Kultusminister Christoph Matschie (SPD) auch in anderen Schulbereichen Handlungsbedarf: "Thüringen hat sich zu lange auf den Meriten der Vergangenheit ausgeruht", kommentierte er am Mittwoch die Testergebnisse, denen zufolge die Schüler bei der Rechtschreibung und beim Deutsch-Zuhören nur noch auf den Plätzen sieben und elf gelandet sind, nachdem sie in den Pisa-Studien der Vorjahre stets gut abgeschnitten hatten. "Wir sind dabei, den Hebel umzulegen", kündigte Matschie an.

Kommende Woche will Christoph Matschie einen Gesetzentwurf zur Einführung von Gemeinschaftsschulen ins Kabinett einbringen, über den schon jetzt heftig gestritten wird in der schwarz-roten Koalition. Dem Entwurf zufolge sollen die Schüler im Idealfall von Klasse eins bis zwölf auf einer gemeinsamen Schule unterrichtet werden können. Auch wäre es den Schulen möglich, auf die Notengebung zu verzichten. Der CDU geht der Plan allerdings zu weit.

© SZ vom 24.06.2010/holz

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