Süddeutsche Zeitung

Bildungsexperte:Vernetzte Alma Mater

Wie kann die Lehre flexibler und interaktiver werden? Als Geschäftsführer des Hochschulforums Digitalisierung erklärt Oliver Janoschka, warum es wichtig ist, dass Hochschulen künftig enger zusammenarbeiten.

Als Geschäftsführer des Hochschulforum Digitalisierung berät und koordiniert Oliver Janoschka Bildungsexperten im Hinblick auf die Frage, wie die digitale Zukunft der deutschen Hochschullehre gestaltet werden kann. Das 2014 gegründete Hochschulforum Digitalisierung ist eine gemeinsame Initiative des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft mit dem CHE Centrum für Hochschulentwicklung und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

SZ: Für wen arbeitet das Hochschulforum Digitalisierung? Für Hochschulen, für Dozenten, für Studenten?

Oliver Janoschka: Die Digitalisierung bietet für alle große Chancen. Insbesondere die Massenuniversitäten sehen sich angesichts der zunehmenden Heterogenität der Studierenden, was das Alter angeht, den Familienstand, die Herkunft, vor enormen Herausforderungen. Mit digitalen Tools kann man dieser Vielfalt besser gerecht werden. Auch den Studierenden eröffnet die Digitalisierung mehr Flexibilität. In ihrer Freizeit sind sie ja längst damit vertraut. Künftig können sie, was sie ja auch wollen, individueller lernen und sich bei der Hochschulbildung stärker einbringen.

Was ist der Mehrwert des Hochschulforum Digitalisierung? Die Hochschulen selbst arbeiten doch sehr eifrig an der Umstellung auf die digitale Zeit.

Dieser Wandel ist grundlegend. Eine einzelne Hochschule ist nicht in der Lage, den Überblick zu haben, was aktuell alles möglich ist. Das Hochschulforum ist die ideale Plattform, um sich zu informieren, was andernorts getan wird. In der Kooperation liegt ein wahrer Schatz.

Inwieweit vertreten Sie die Interessen der Hochschulfinanzierer?

Die Hochschulen brauchen die Politik. Nicht nur, weil sie von den Bundesländern finanziert werden. Das Hochschulforum Digitalisierung ist auch dafür da, dass die Anliegen der Hochschulen mehr Gehör finden. Wir sind, was die Digitalisierung angeht, das Scharnier zwischen Hochschulen und Politik.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Die Studierenden brauchen ein anderes Kompetenzset. Das müssen sie an Universitäten, Fach- und Fernhochschulen erhalten. Deshalb wenden wir uns in erster Linie an die Lehrenden der Hochschulen. Aber auch Medienzentren, Rechenzentrum oder didaktische Zentren der Hochschulen können das digitale Lernen und Arbeiten unterstützen.

Wir fragen zudem die Studierenden, wie sie im digitalen Zeitalter lernen wollen. Kürzlich haben wir Studierende aus ganz Europa eingeladen, uns in einem Workshop ihre Vorstellungen von der Zukunft der Hochschulbildung zu beschreiben. Sie möchten gern vernetzt zusammenarbeiten und gleichzeitig in ihrer Eigenständigkeit unterstützt werden. Sie möchten Einfluss nehmen können auf ihren Lernprozess. Sie wollen moderne Lernumgebungen und den Zugriff auf Informationen, unabhängig davon, mit welchem Gerät sie arbeiten. Viele sehen für sich eine Rolle, in der sie Hochschulen und Lehrende unterstützen können.

Die Digitalisierung soll Kosten sparen helfen. Ein Nebenziel Ihrer Arbeit?

Aktuell ist das nicht in der Debatte. Zunächst muss man die Hochschulen in die Lage versetzen, mit dem digitalen Wandel klarzukommen. Dafür brauchen sie mehr Geld und mehr Personal. Darüber hinaus sollte man das Potenzial für Synergien sehen. Nicht jede Hochschule muss alles selbst machen. Wir gehen deshalb der Frage nach, wie man die hochschulübergreifende Kooperation stärken kann. Das liegt nicht zuletzt im Interesse der Studierenden. Es ist heute noch nicht selbstverständlich, dass an einer Hochschule online erbrachte Studienleistungen an einer anderen Hochschule anerkannt werden.

Wo sehen Sie die deutschen Hochschulen in zehn Jahren?

Sie nutzen das Potenzial des Internets und der digitalen Medien sehr viel selbstverständlicher als heute. Ich sehe sie in einer viel größeren Art und Weise vernetzt arbeiten. Wo Studenten persönlich die Hochschulen besuchen, wird ihre Präsenz anders genutzt werden als bisher. Die reine Vermittlung des Stoffs tritt zurück hinter kreativer, interaktiver Zusammenarbeit, aus der Neues entsteht.

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Quelle:
SZ vom 12.10.2017
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