bedeckt München

Bildungsexperte:"Ein Henne-Ei-Problem"

Mehr Kundenorientierung wünscht sich Frank Ziegele von den staatlichen Hochschulen.

(Foto: David Ausserhofer)

Frank Ziegele kritisiert, staatliche Hochschulen würden zu wenig auf die Bedürfnisse von Teilzeit-Studierenden eingehen.

Interview von Christine Demmer

Seit 2017 beobachtet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) die Entwicklung des Teilzeitstudiums in Deutschland. CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele hält die aktuelle Teilzeitquote von 7,5 Prozent für ausbaufähig.

SZ: Wer an einer staatlichen deutschen Hochschule in Teilzeit studieren will, hat keine große Auswahl an Standorten und Fächern. Woran liegt das?

Frank Ziegele: Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Zum einen haben Teilzeit-Studierende kein Anrecht auf Förderung nach dem BaföG. Sie müssen also selbst sehen, wie sie das Studium und ihren Lebensunterhalt finanzieren. Im Wesentlichen liegt es aber an der geringen Zahl der Angebote staatlicher Hochschulen. Dort heißt es manchmal, die Nachfrage nach Parttime-Programmen sei nicht hoch genug. Das deutet auf ein klassisches Henne-Ei-Problem hin.

Aber das Teilzeitstudium an privaten Hochschulen gewinnt doch immer mehr Anhänger?

Ja, weil ihre Angebote auf die Bedürfnisse Berufstätiger zugeschnitten sind. An staatlichen Hochschulen hingegen muss man sich rechtfertigen, wenn man in Teilzeit studieren will. "Normal" ist Vollzeit; das Teilzeitstudium soll indes den Nachteil ausgleichen, dass jemand später und neben dem Beruf zu studieren beginnt. Das ist nicht studienfreundlich, aber Gesetzeslage. Da wird nicht vom Markt her gedacht.

Auffallend ist die starke Angebots-Spreizung in Deutschland. Im Saarland können zwei von drei Studienangeboten auch in Teilzeit studiert werden, in Bremen gerade eines von fünfzig. Woran liegt das?

Einige Bundesländer haben ihren Hochschulen schneller sowie umfassendere Möglichkeiten eingeräumt, das Studium zu flexibilisieren: Man wollte die Nachfrage nach akademischer Weiterbildung stimulieren; entsprechend dehnt sich in diesen Ländern das Angebot aus. Paradoxerweise hat das Saarland den bundesweit geringsten Anteil an Teilzeit-Studierenden.

Bachelorstudiengänge werden seltener in Teilzeitform angeboten als Masterprogramme. Müsste nicht etwas geschehen, um mehr Berufstätigen einen ersten akademischen Abschluss zu ermöglichen?

Auf jeden Fall. Dieses Segment ist stark unterentwickelt. Es ist wohl noch nicht in der Breite angekommen, dass sich Menschen erst in einer späteren Lebensphase zum Studium entschließen. Für sie bleibt nur die Alternative, entweder drei bis vier Jahre komplett aus dem Job auszusteigen oder ein Fernstudium zu absolvieren.

Was müsste passieren, um das Teilzeitstudium attraktiver zu machen?

Die staatlichen Hochschulen dürfen sich nicht damit begnügen, formal den Zugang zum Teilzeitstudium zu öffnen. Ich würde mir mehr Kundenorientierung wünschen, mehr Denken vom Teilzeit-Studierenden her. Das heißt in erster Linie, bedarfsgerechte Angebote zu schaffen.

Über flexible Studienpläne hinaus?

Ja, sicher. Warum nicht Zimmer bereithalten für Studierende, die nach abendlichen Vorlesungen an der Hochschule übernachten müssen? Und wer tagsüber acht Stunden im Büro gesessen hat, kann sich auf ergonomischen Stühlen besser auf den Unterricht konzentrieren. Eine Studienverlaufsberatung würde von Berufstätigen ganz sicher ebenfalls geschätzt. Wenn man keinen Service bietet, dann kommen auch keine Studenten. Und nicht zuletzt muss die Finanzierung des Teilzeitstudiums über BaföG oder andere Fördermöglichkeiten verbessert werden.

© SZ vom 05.03.2021
Zur SZ-Startseite