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Fälschungssichere Zeugnisse:Ein erstes Test mit Studenten

Auch Veronika Kütt hat ein Projekt mit fälschungssicheren Zertifikaten geleitet - so ähnlich wie Fabian Schär mit der Blockchain-Technologie und doch ganz anders. Die Teilnehmer eines Kurses bekamen neben einem klassischen Zeugnis auch eine Art Datenschlüssel. Gibt man diesen in eine spezielle App ein, werden die Daten der Urkunde sichtbar: Name, Datum, Ort und Kursus. Auch bei diesem Modell gilt: Einmal eingestellte Daten können nicht verändert oder manipuliert werden.

In Zukunft, so stellt sich Veronika Kütt das vor, könnten Bewerber ihren potenziellen Arbeitgebern den Schlüssel zu ihrem Zeugniskonto geben. In dem wären dann nicht nur die Zertifikate der Frankfurt School, sondern auch Abi- und Arbeitszeugnisse, Sprachzertifikate oder Weiterbildungsbelege - ein Register wie ein beglaubigter Lebenslauf.

Wie viele Menschen tatsächlich Zeugnisse manipulieren, ist nicht bekannt. Doch einzelne Fälle zeigen, dass Hochstapler weit kommen können: So soll ein Forscher am Klinikum der Technischen Universität München seine Karriere auch durch die falsche Angabe eines Medizinstudiums und Facharzttitels vorangetrieben haben. Der Leiter der experimentellen Unfallchirurgie durfte deshalb auch bei Operationen assistieren und Studenten in klinischen Fächern prüfen.

Detektive überprüfen Bewerber

Kein Wunder also, dass Arbeitgeber Angst vor Betrügern haben. Bei Ärzten oder Piloten stehen Menschenleben auf dem Spiel, in anderen Branchen droht vom Handwerk bis zum Berater zumindest ein Imageschaden. Wirtschaftsdetektive bieten deshalb an, die Lebensläufe von Jobkandidaten zu überprüfen oder herauszufinden, ob verdächtig schwache Mitarbeiter wirklich so erfolgreiche Studenten waren, wie sie bei ihrer Einstellung vorgegeben haben.

Misstrauische Arbeitgeber melden sich auch bei Catharina Klumpp. In einigen anglo-amerikanischen Ländern sei es üblich, sich von externen Anbietern umfassende Profile der Einstellungskandidaten erstellen zu lassen, sagt die Arbeitsrechtlerin der Kanzlei Bird & Bird. "Firmen wollen von uns wissen, ob sie in Deutschland den Namen der Großmutter abfragen dürfen", sagt Klumpp. Und deshalb macht sie sich auch Sorgen, wenn sie an digitale Zeugniskonten denkt.

Müssen Bewerber künftig ihren kompletten Lebenslauf offenlegen? Und wie soll das zusammenpassen mit Datenschutz und Speicherbegrenzung? Kommt der gläserne Bewerber? Den Unternehmen, sagt Catharina Klumpp, wäre das am liebsten. Veronika Kütt von der Frankfurt School glaubt, Bewerber könnten auch künftig entscheiden, welche Daten sie wem zur Verfügung stellen - solange diese zutreffend sind. Aber Klumpp, die die andere Seite kennt, hat Zweifel. Wer etwa Noten nicht freigeben oder Lücken im Lebenslauf offenlassen würde, könne sich mehr denn je verdächtig machen.

Was ist mit dem Datenschutz?

Arbeitgeber in Deutschland dürfen ihren Bewerbern nur Fragen stellen, die für den Job relevant sind. Fragen zur Qualifikation sind also erlaubt, Fragen zur Großmutter nicht. Solange die Fragen zulässig sind, dürfen die Bewerber nicht lügen. Aber es gibt eine große Grauzone: Sich selbst gut darzustellen, ist nämlich erlaubt. "Es kann das Interesse eines Arbeitnehmers sein, Dinge auszusortieren und andere hervorzuheben", sagt Catharina Klumpp. Ein weniger gutes Zeugnis wird weggelassen, ein bestimmtes Projekt betont, das gut zum neuen Job passt. "Der Reiz der Technologie liegt darin, einen möglichst lückenlosen Lebenslauf zu bekommen", sagt die Juristin.

So weit sind die Blockchain-Lösungen noch lange nicht. Auch wenn Fabian Schär immer mehr Anfragen von Arbeitgebern und anderen Universitäten bekommt, die ihre Zeugnisse ebenfalls verschlüsseln wollen und sich an dem Projekt beteiligen. In Basel wurden bisher erst für drei Kurse Blockchain-Zertifikate ausgestellt. Und die Frankfurt School hat für die diesjährigen Absolventen ihres Blockchain-Kurses keine verschlüsselten Zeugnisse ausgegeben. Über die digitalen Fingerabdrücke wird nämlich viel gestritten.

Laut Veronika Kütt und Fabian Schär lassen sich wegen der Verschlüsselung ohne Originaldiplome oder Datenschlüssel keine Rückschlüsse auf die Inhaber der Urkunden ziehen. "Kritiker sind der Meinung, dass die sogenannten Hashwerte dem Datenschutz unterliegen", sagt Veronika Kütt. Sollten Juristen sich dieser Ansicht anschließen, hätten die Unis hochsensible Daten auf eine öffentliche Plattform geladen.

© SZ vom 28.06.2019/berk
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