Süddeutsche Zeitung

Bewerbung per Videochat:In Pantoffeln zum neuen Job

Immer mehr Unternehmen lernen ihre Bewerber via Skype kennen. Das spart Zeit und Kosten auf beiden Seiten - doch hat auch seine Tücken. Darum gibt es einige Regeln, die Bewerber bei dieser speziellen Form des Vorstellungsgesprächs beachten sollten.

Lange Anfahrt, hohe Reisekosten und dann das bange Warten in der Lobby: So sieht für viele Bewerber der Weg zum Vorstellungsgespräch aus. Nicht aber für Ellen Nagel. Als man ihr im Bewerbungsprozess beim Versandhandel Otto ein Vorstellungsgespräch via Skype anbot, sagte die 28 Jahre alte Kommunikationswirtin sofort zu.

Denn sie wohnte in Berlin, und der Unternehmensstandort von Otto war Hamburg. Sie hätte also einen Tag Urlaub nehmen müssen, was ihr damaliger Arbeitgeber wohl nicht gut gefunden hätte. "Die Kontaktaufnahme via Skype war für mich die optimale Lösung", sagt Nagel.

Mit dieser Meinung steht sie nicht allein. Immer mehr Unternehmen setzen mittlerweile auf das digitale Vorstellungsgespräch. Neben Otto, wo die Personaler seit 2009 mit Skype arbeiten, bedienen sich auch mittelständische Firmen der Software. Dazu zählen beispielsweise der Online-Ticketing-Anbieter X-TIX und die Marketingagentur DocCheck.

"Es ist eine zeit- und kostensparende Möglichkeit, Bewerber kennenzulernen, die nicht aus der unmittelbaren Umgebung kommen", sagt Rouven Schäfer, Personaler bei DocCheck. Gleichzeitig vermittle das Gespräch per Videochat einen Eindruck, wie unkompliziert und technikaffin ein Bewerber sei. "Wer sich auf so ein Gespräch nicht einlässt, passt wahrscheinlich auch nicht zu unserer Firma, die im Onlinemarketing tätig ist", erklärt Schäfer.

Ganz so streng sieht man es bei Otto nicht. Dort haben die Bewerber die Möglichkeit, sich für das erste Vorstellungsgespräch zwischen einem Treffen per Skype und einem persönlichen Termin am Ort zu entscheiden. "Aber gerade Job-Interessenten, die von weiter weg kommen, nehmen dieses Angebot oft gerne an", sagt Ireen Baumgart, die Leiterin des Personal-Recruitings bei Otto.

Natürlich könne man dem Bewerber per Skype nicht die Hand schütteln oder mit ihm einen Rundgang durch das Unternehmen machen. Aber gerade deshalb werde auch nie allein auf Grundlage des Skype-Vorstellungsgesprächs eine Personalentscheidung getroffen. "Haben beide Seiten nach dem virtuellen Treffen noch Interesse, laden wir den Bewerber selbstverständlich persönlich ein. Aber so wissen wir zumindest schon einmal, ob er oder sie prinzipiell zu uns passt", erklärt Baumgart.

Ähnlich sieht es bei DocCheck aus: Dort werden die Bewerber nach einem gelungenen Skype-Gespräch zum Probetag eingeladen. Sind sie aus dem Ausland, findet bei X-TIX das finale Gespräch ebenfalls online statt.

Bei Ellen Nagels Bewerbung im Otto-Konzern verlief das Skype-Vorstellungsgespräch positiv. Aufgeregt sei sie nur vorab gewesen und habe Sorge gehabt, dass etwas mit der Technik nicht funktionieren werde. "Nachdem das Gespräch begonnen hatte, habe ich mich aber sehr wohl gefühlt. Das lag vor allem daran, dass ich mich in meiner gewohnten Umgebung befand", sagt Nagel. Technische Störungen oder peinliche Zwischenfälle gab es nicht.

Ein erstes Kennenlernen, mehr nicht

Laut dem Münchner Bewerbungscoach Hans-Jörg Liersch ist das aber nicht immer so. "Es kann durchaus passieren, dass der Mitbewohner durch das Bild läuft oder plötzlich die Katze auf die Tastatur springt", sagt er. Mit solchen Vorfällen solle man "charmant und gelassen" umgehen. Otto-Personalerin Baumgart erinnert sich an ein Interview per Skype: Da klingelte bei der Bewerberin plötzlich der Wecker. "Darüber haben wir herzlich gelacht. Heute ist sie bei uns beschäftigt."

Dennoch gelte es, mögliche Fehlerquellen auszuschalten, erklärt Hanna Pfirmann, Recruiterin bei X-TIX. Wichtig seien allen voran eine stabile Internetverbindung und gute Tonqualität. "Technische Störungen während des Gesprächs sind ein No-Go", sagt sie. Zudem mache es einen schlechten Eindruck, wenn das Umfeld laut sei oder wenn sich der Bewerber in einem sichtbar unaufgeräumten Zimmer aufhalte.

Bewerbungscoach Liersch rät zudem, das Gespräch vorher mit einem Freund zu proben und sich Feedback geben zu lassen. "So kann man sicherstellen, dass die Technik funktioniert und man selbst überzeugend rüberkommt." Vor allem Menschen, die viel gestikulieren, sollten das beim Skype-Gespräch unterlassen, sagt Liersch. Man laufe sonst Gefahr, mit den Händen vor der Kamera herumzufuchteln und ein unruhiges Bild zu erzeugen. Personalerin Pfirmann sieht es zudem gern, wenn Bewerber direkt in die Kamera und nicht auf den Bildschirm schauen. "Dadurch entsteht indirekt Augenkontakt, was den Bewerber sympathischer macht", sagt sie.

Im Gespräch kann man dann laut Personaler Schäfer zusätzlich durch einen routinierten Umgang mit der Videochat-Software punkten." Ein Bewerber schickte uns beispielsweise über die Chat-Funktion einen Link zu einem Projekt, das er kürzlich abgeschlossen hatte." Das sei ihm positiv aufgefallen.

Für Baumgart sind solche technischen Feinheiten nicht ausschlaggebend. Sie möchte ihr Gegenüber vor allem gut sehen können. "Deshalb ist es schlecht, wenn die Sonne ins Bild scheint und der Bewerber nur schemenhaft zu erkennen ist", sagt sie. Baumgart rät deshalb dazu, vor dem Gespräch zu überprüfen, in welche Richtung die Sonne wandern wird.

Auch die Kleidung muss auf das virtuelle Vorstellungsgespräch abgestimmt werden. "Wegen der vergleichsweise niedrigen Bildauflösung eignet sich kleingemusterte Kleidung gar nicht", sagt Liersch. Lieber solle man dunkle oder kräftige Farben tragen. Sonst gilt laut Schäfer dasselbe wie für jedes andere Vorstellungsgespräch auch: Das Outfit dürfe ruhig ein wenig schicker sein, als das sonst im Unternehmen üblich ist. Dabei sieht der Personaler natürlich immer nur das, was oberhalb der Tischkante ist. "Manch einer mag Hausschuhe tragen", sagt Personalerin Baumgart.

Ellen Nagel hat auf legere Fußbekleidung verzichtet. "Das wäre peinlich geworden, wenn ich zwischendurch hätte aufstehen müssen", sagt sie. Nagel schaffte nach ihrem gelungenen Skype-Gespräch den Sprung in die engere Auswahl. Heute ist sie Referentin im Personalmarketing bei Otto.

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SZ vom 24.11.2012/wolf
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