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Motivationsschreiben:Weg mit dem Heuchelbrief!

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Wie motiviert jemand ist, wird bei einem persönlichen Gespräch bemessen - nicht auf einem DIN-A4-Blatt.

(Foto: Steve Johnson/Unsplash)

"Seit ich denken kann, will ich in Ihrem Unternehmen arbeiten": Wer einen Job sucht, ist zu Unsinnsaussagen gezwungen, die selbst die treuherzigste Chefin im Leben nicht glaubt. Warum tun wir uns das an?

Die Weisheitszähne sind aus medizinischer Sicht ein recht sinnloser Bestandteil des Körpers, dienen maximal als Ersatzteillager. Sie können nichts - außer richtig Probleme machen. Man fragt sich: Was soll das? Und wo ist die Evolution, wenn man sie wirklich braucht? Aber weil wir an der Evolution nichts ändern können und uns auch sonst gern Gewohnheiten hingeben, ist eine Revolution nicht in Sicht. Bräuchten wir aber in vielen Bereichen. Im Ranking direkt nach den Weisheitszähnen kommt: Das Motivationsschreiben. Dann das Patriarchat. Stopp, anderes Thema.

Wir müssen über das Motivationsschreiben sprechen. Und über Sätze wie: "Seit ich denken kann, wollte ich in Unternehmen XY arbeiten". Ganz sicher? Also auch, als Windeln noch das Daily Business waren, konnten Sie nur an die Unternehmensberaterkarriere denken? Oder: "Meine einzige Schwäche ist der Perfektionismus." Vielleicht doch eher die maßlose Selbstüberschätzung? Ganz nebenbei werden noch ein paar Fakten zum Unternehmen eingestreut, die jeder, der im vollen Besitz seiner geistigen Fähigkeiten ist, innerhalb weniger Sekunden ergoogeln könnte. Wieso sollten Bewerber*innen also Zeit mit formellem Phrasengedresche verschwenden? Wir wissen doch alle, warum wir hier sind: Eine braucht den Job, der andere bietet ihn an. Es könnte so einfach sein.

In keinem einzigen Vorstellungsgespräch während meiner Vorstellungsgesprächslaufbahn kamen jemals Sätze wie "Oh, die Philosophie unseres Unternehmens haben Sie genau richtig ergoogelt" oder "Der originelle Einstieg hat mich total überzeugt, Sie sind eingestellt". Komisch, wo ich doch etwa 90 Prozent der Vorbereitung ausschließlich damit beschäftigt war, mich besser darzustellen, als ich bin, ohne dabei wie eine überehrgeizige Streberin zu wirken, die an Stühlen sägen will. Eine emotionale Angelegenheit wie Motivation lässt sich einfach nicht auf ein DIN-A4-Blatt quetschen. Wie lesen sich wohl Motivationsschreiben von, sagen wir, Mechatroniker*innen? Ich will hier niemandem ungeahntes Talent absprechen, aber ich denke nicht, dass da im Studium jahrelang an exakten Formulierungen für Bewerbungen gefeilt wurde. Da wird gegoogelt. Und das kollektive Hirn unserer Gesellschaft spuckt allen dieselben Antworten aus. Google scheint generell sehr wichtig zu sein - einschlägige Online-Ratgeber helfen mit wertvollen Tipps wie: "Machen Sie es im Motivationsschreiben wie bei Google: Stellen Sie Fragen und beantworten Sie diese gleich selbst." Wie eine blutleere Suchmaschine funktionieren, das ist das Geheimnis wahrer, überzeugender Motivation?

Klar, es ist von Vorteil, wenn Bewerber*innen ausdrücken können, warum sie für eine Stelle geeignet sind. Aber auch wenn ich schwer motiviert bin, den Job unbedingt will, mich wirklich reinhänge - selbst dann bleiben mir die richtigen Worte irgendwo auf halber Strecke im Halse stecken. Es gibt heute tausend verschiedene Arten, Formate und Kanäle, die Persönlichkeit transportieren und Raum geben, um sich authentisch zu zeigen - aber wenn es um den Beruf geht, mit dem man vermutlich 40 Stunden die Woche verbringt, soll man das plötzlich auf ein trockenes Blatt Papier pressen? Warum existieren immer noch Arbeitgeber*innen, die Motivationsschreiben von Bewerber*innen verlangen? Die Längen und Inhalte vorgeben, die dann, welch Überraschung, großteils verklausulierter Stumpfsinn sind? Vielleicht liegt das am verrosteten Denken, Bewerber*innen müssten sich anbiedern und auf Knien ankriechen. Wer hat überhaupt die Zeit, diesen ganzen Mist ordentlich und aufmerksam zu lesen? Richtig: Keiner.

Der Arbeitsmarkt verändert sich. Generation Y und Z haben zu Recht wenig Lust auf Bürokratie, damit muss sich auch der Bewerbungsprozess anpassen - Konzerne wie die Deutsche Bahn oder Henkel setzen jetzt auf "Slim Recruiting". Heißt: Die Bewerbung bleibt so unkompliziert wie möglich. Lebenslauf und Zeugnisse hochladen, fertig. Wie motiviert jemand ist, wird bei einem persönlichen Gespräch bemessen - wo Heuchler übrigens viel schneller auffliegen als mit einem aufgemotzten Schreiben, das vielleicht sogar aus einer anderen (bezahlten) Feder stammt. Wenn es also selbst die Deutsche Bahn schafft, den Prozess zu modernisieren, sollte sich der Rest der Wirtschaft schämen - und endlich merken, dass es auch ohne Weisheitzähne und Selbstbeweihräucherung geht. So. Jetzt zurück zum Patriarchat.

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