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Bewerbung:Der Bluff fliegt auf

Was bedeutet "verhandlungssicheres Englisch"?

Von Christine Demmer

In Stellenanzeigen ist häufig die Rede von verhandlungssicherem Englisch, zuweilen auch von perfektem Französisch, Spanisch oder Russisch. So mancher Bewerber kommt da ins Grübeln, was unter diesen Begriffen genau zu verstehen ist. Reicht es aus, sich in der fremden Sprache geläufig über Begebenheiten des Alltags unterhalten zu können? Oder muss man wirklich so gewandt sein, dass man die Strategie seines Gesprächspartners bis ins Letzte durchschaut und mühelos in der fremden Zunge kontern kann?

Jens Milbrandt, Personalberater bei Heidrick & Struggles in Hamburg, klärt auf: "Perfekte oder verhandlungssichere Fremdsprachenkenntnisse sind im Grunde nicht ohne genaue Kenntnis der Kultur und des Arbeitslebens des jeweiligen Landes zu gewinnen." Bewerber sollten also einen längeren beruflichen Aufenthalt im Ausland nachweisen können. "Wer das nicht kann, sich aber im allgemeinen problemlos verständigen kann, spricht die Sprache gut oder fließend - aber eben nicht verhandlungssicher."

Wenig Sinn habe es, sich dennoch zu bewerben und zu hoffen, man käme damit durch, meint der Berater. Denn: "Heute muss man in großen und vor allem in internationalen Unternehmen immer damit rechnen, dass neben dem deutschen Personaler ein Kollege aus der Muttergesellschaft oder aus der europäischen Zentrale sitzt. Oder dass ein nach Deutschland entsandter Ausländer das Einstellungsgespräch führt. Der entlarvt Bluffer natürlich sofort."

Hat man dies im Hinterkopf, macht auch ein anderer Tipp des Beraters Sinn. "Wer sich bei der deutschen Tochtergesellschaft eines ausländischen Konzerns bewerben will, sollte seinen Lebenslauf auch in der Konzernsprache - meist Englisch - mitschicken. Wer das noch toppen will, liefert auch noch eine dritte Fassung in der Sprache der Konzernheimat, beispielsweise in Französisch oder Spanisch." Das macht es dem Personaler einfach, den CV seinem Kollegen, der vielleicht auch ein Wörtchen mitzureden hat, in die Zentrale zu senden. Und bei der Übersetzung kann man sich schließlich von Sprachkundigen helfen lassen - allerdings sollte man im späteren Gespräch dann nicht so tun, als sei man dem selbst mächtig gewesen. "Sprachbluffer fliegen fast immer auf."

Auch bei der Angabe des Sprachniveaus rät Milbrandt dazu, ein paar Worte mehr als üblich zu verlieren. Dadurch gewinne die Angabe an Aussagekraft, und der Bewerber wirke ehrlich. "Statt Grundkenntnisse, unter denen jeder etwas anderes versteht, sollte man präzisieren: Schulkenntnisse, seither nicht mehr gebraucht. Oder: Schulkenntnisse, ein Jahr Auslandsaufenthalt." Schließlich ginge es nicht nur um ein möglichst genaues Bild, dass sich der Empfänger der Bewerbung vom Kandidaten machen wolle, sondern auch um die Zwischentöne. "Spätestens im Vorstellungsgespräch merke ich dann doch, ob hier jemand blufft oder - das gibt es auch - vermeintlich charmant untertrieben hat. Wer seine Fremdsprachenkenntnisse als gut bezeichnet und dann wie ein Muttersprachler daherkommt, wirkt nämlich auch unehrlich."

© SZ vom 19.2.2005

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