Süddeutsche Zeitung

Arbeitsmarkt:Jobsuche andersherum

Jede fünfte Stelle in Deutschland wird nicht mehr bloß ausgeschrieben, Unternehmen bemühen sich selbst um Mitarbeiter. Oft notgedrungen.

Mit der Bewerbung lief das mal so: Der Arbeitgeber schaltete eine Anzeige, die Bewerber schickten ihm daraufhin ein Anschreiben, einen Lebenslauf und Zeugnisse zu, und im besten Fall wurden sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Noch immer werden in Deutschland auf genau diese Weise viele Jobs vergeben. Doch in manchen Branchen hat sich das Ganze ins Gegenteil verkehrt. Da suchen die Bewerber nicht selbst. Sie werden gesucht.

Jede fünfte Stelle in Deutschland wird von den Unternehmen nicht mehr bloß ausgeschrieben. Stattdessen spüren Firmen geeignete Kandidaten zunehmend selbst auf. In der IT-Branche ist die Quote sogar doppelt so hoch, zeigt eine Befragung der Universitäten Bamberg und Erlangen-Nürnberg im Auftrag eines Karrierenetzwerks. "Die Unternehmen gehen diesen Weg, weil sich auf manche Stellenanzeige schlicht und einfach niemand meldet", sagt Sven Laumer, Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Insbesondere in IT-Berufen suchen die Arbeitgeber dringend nach Fachkräften. Die Beschäftigten wiederum sind oft nur latent auf der Suche nach einem neuen Job - Druck spüren sie kaum. Kein Wunder, dass inzwischen sechs von zehn Kandidaten lieber von Firmen angesprochen werden statt sich selbst initiativ zu bewerben.

Um neue Mitarbeiter zu rekrutieren, gehen die Unternehmen erstaunlich analog vor: Sie präsentieren sich auf Jobmessen, halten über sogenannte Talent-Pools Kontakt mit ehemaligen Bewerbern und Praktikanten oder lassen sich von ihren Mitarbeitern potenzielle neue Kollegen empfehlen. Wenn sie online suchen, dann vor allem über Karrierenetzwerke wie Linked-In oder Xing. "Hier dreht sich das klassische Anschreiben geradezu um", sagt Laumer. Es ist nicht mehr der Bewerber, der beschreibt, wieso er der Richtige für die Stelle ist. Das Unternehmen muss erklären, warum es dem Beschäftigten den bestmöglichen Arbeitsplatz bieten kann.

Um überhaupt erst auf sich aufmerksam zu machen, können aber auch die latent Wechselwilligen netzwerken. Auch bei Linked-In kennt man die Floskeln, mit denen Bewerber im Anschreiben um sich werfen: Eine Auswertung der Plattform zeigt, dass sich besonders viele Berufstätige als "spezialisiert" und "erfahren" beschreiben. Barbara Wittmann von Linked-In empfiehlt den Mitgliedern, anhand von Beispielen herauszustellen, welche Kompetenzen sie interessierten Arbeit- und Auftraggebern bieten. Zudem könnten Berufstätige ihr "Expertenwissen" auch beweisen, indem sie einen Meinungsartikel zu ihrem Fachthema im Netzwerk veröffentlichen.

Lisa Groiß hat sich noch einen anderen Weg ausgedacht, wie sich Fachkräfte und Unternehmen schneller kennenlernen können. Mit ihrem Start-up Skillster bietet sie Jobsuchenden eine Plattform, um sich selbst vorzustellen und mithilfe eines Persönlichkeitstests zu zeigen, wie sie bei Konflikten und in stressigen Situationen agieren. Die Unternehmen wiederum können in dem Online-Portal aktiv nach Mitarbeitern suchen, die zu ihnen passen und sie gezielt ansprechen.

Ein Anschreiben im klassischen Sinn gibt es bei Skillster nicht. Doch die Bewerber können auf der Seite nicht nur einen Test machen, sondern sich auch in einem kurzen Video vorstellen. "Diese beiden Elemente sind gewissermaßen ein modernes Anschreiben", sagt Groiß. Auch wenn es gerade für die Deutschen immer noch eine "mentale Hürde" darstelle, sich das Smartphone vors Gesicht zu halten und über die eigenen Vorzüge zu sprechen. Ein Profil kann man bei Skillster daher auch ohne Video anlegen.

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SZ vom 14.03.2019/mkoh
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