Süddeutsche Zeitung

Bewerber über 50:Im Bewerbungsschreiben mit Erfahrung punkten

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In Zeiten des Fachkräftemangels haben Jobsuchende wieder bessere Chancen auf eine neue Stelle. Wie sie bei der Bewerbung ihre Stärken ins rechte Licht rücken.

Ältere Arbeitnehmer können mit etlichen Eigenschaften punkten. Erfahrung, hohe Sozialkompetenz, Disziplin und Loyalität zum Unternehmen gehören dazu. "Sie verfügen über reiches Praxiswissen", sagt Carolin Lüdemann, Business-Coach in Stuttgart. "Im Lauf ihres Berufslebens haben sie viele Dinge gesehen, gehört und zahlreiche Probleme gelöst."

Auf dem Arbeitsmarkt waren Ältere lange Zeit benachteiligt. Inzwischen steigen ihre Chancen wieder. "Wir verzeichnen deutlich höhere Vermittlungszahlen der Bewerber 50plus", sagt Tiemo Kracht. Die ersten Auswirkungen des demografischen Wandels seien in Unternehmen bereits zu spüren, so der Geschäftsführer der Kienbaum Executive Consultants in Hamburg. Aufgrund des Mangels an Ingenieuren und anderen Fachkräften würden einige Firmen ehemalige Mitarbeiter für Projekte sogar aus dem Ruhestand zurückholen.

Andere Unternehmen starteten Kampagnen, um gezielt Bewerber über 55 anzusprechen. Verfügt ein Unternehmen über jüngere und ältere Arbeitnehmer, könne es sowohl auf Talent als auch Erfahrung zurückgreifen. "Ein gesundes Unternehmen muss wie ein gesunder Mischwald sein - es braucht ältere und junge Mitarbeiter", sagt Kracht.

Doch nicht immer fällt es älteren Arbeitssuchenden leicht, ihre Stärken ins rechte Licht zu rücken. "Im Anschreiben finden sich manchmal Sätze wie 'Mein Alter ist nicht von Nachteil'", erzählt Carolin Lüdemann. Ein Kardinalfehler: Nicht die vermeintliche Schwäche, sondern die Kompetenzen gehörten in den Vordergrund. "Wer über eine zehnjährige Berufserfahrung in einem bestimmten Bereich verfügt, sollte dies schon im Anschreiben hervorheben und nicht erst im Lebenslauf."

Auch Tiemo Kracht plädiert für mehr Selbstbewusstsein: "Ältere sollten nicht als Bittsteller auftreten, sondern auf ihre Erfahrung und Leistungsbilanz hinweisen." Ab 50 Jahren zählen Arbeitnehmer heute zu den Älteren. "In der Vergangenheit haben sie sich vieles gefallen lassen müssen", sagt Jürgen Hesse. "Sie haben verinnerlicht, dass ihr Know-how von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht wird", erklärt der Psychologe und Karrierebrater aus Berlin. Doch der Zenit der Diskriminierung sei überschritten. "Ältere haben wieder bessere Chancen - auch wenn es sich noch nicht überall herumgesprochen hat. Wenn jemand nachweislich Erfahrungen auf einem Spezialgebiet hat und erfolgreich war, spielt das Alter nicht die entscheidende Rolle."

Auf der nächsten Seite: Was in den Lebenslauf gehört - und was nicht.

Mit Erfahrung punkten

"Ältere sind mit dem Bewerbungsschreiben oft aus der Übung", räumt Carolin Lüdemann ein. "Sie müssen sich zunächst damit befassen, wie heute eine Bewerbung erstellt wird." Wichtig sei es, Anschreiben und Lebenslauf auf die Stellenausschreibung abzustimmen. Eine Bewerbung sollte jedoch nicht überfrachtet werden. "Natürlich haben ältere Arbeitnehmer im Laufe ihres Berufslebens viele Weiterbildungen gemacht und können Zeugnisse beifügen." Doch auch hier komme es darauf an, eine Auswahl zu treffen, die zur ausgeschriebenen Stelle passt. Angaben zu Ausbildung und Studium etwa gehörten bei älteren Bewerbern nicht mehr ins Anschreiben. Auch was die Bewerbung per E-Mail betrifft, müssten sie oftmals dazulernen. "Wer nicht erkennt, welchen Markt das Internet darstellt, vergibt Chancen", sagt Jürgen Hesse.

Im Vergleich zu Berufsanfängern verfügen erfahrene Arbeitnehmer meist über mehr Kontakte und ein größeres Netzwerk. Und die lassen sich für die Stellensuche durchaus nutzen. "Sie können ihre Fühler in ihre Netzwerke ausstrecken", sagt Carolin Lüdemann. Und wenn es mit der Jobsuche doch nicht klappt, könne auch Zeitarbeit eine Alternative sein. Arbeitnehmer mit Erfahrung, gerne auch mit akademischem Hintergrund, seien gefragt. Was die kommenden Jahre betrifft, sind Karriereberater jedenfalls optimistisch: "In Zukunft werden Personaler ohne mit der Wimper zu zucken, auch noch 60-Jährige einstellen", sagt Jürgen Hesse.

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dpa/Sabine Schrader/bön
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