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Betreuermangel:Kindertagesstätten buhlen um Erzieherinnen

"Wir suchen händeringend 40 Erzieher": Im Großraum München könnten viele Kindertagesstätten ausgebaut werden, doch es mangelt schlichtweg an qualifiziertem Personal. Die Träger konkurrieren deshalb verstärkt um die raren Erzieherinnen - und locken mit mehr Geld, mehr Urlaub oder besseren Verträgen.

Inga Rahmsdorf

Die neue Kindertagesstätte steht, die Liste der Anmeldungen ist lang - doch es fehlt das Personal. Mit dieser Situation sehen sich immer mehr Krippen, Kindergärten oder Horte im Großraum München konfrontiert. Um gute Fachkräfte für die Kinderbetreuung ist ein Konkurrenzkampf entbrannt.

Wo Betreuer fehlen: Immer mehr Kindertagesstätten in München suchen händeringend nach Personal.

(Foto: AP)

Stellenanzeigen zu schalten ist fast aussichtslos. Wer Erzieher sucht, muss sich einiges einfallen lassen. Die Stadt München wirbt mit unbefristeten Verträgen, bildet Grundschullehrer als Erzieher aus und zahlt eine monatliche Zulage von 107 Euro. Die Stadt Fürstenfeldbruck erwägt ebenfalls einen Sonderzuschlag. Die Stadt Freising hat kürzlich einen Empfang für Praktikanten organisiert, um sie für die Ausbildung zu gewinnen. Auch bei den freien Trägern und in den kleinen Gemeinden der umliegenden Landkreise wächst der Druck.

Wir suchen händeringend 40 Erzieher", sagt Eleonore Hartl-Grötsch, Leiterin der 430 städtischen Kitas in München. Doch die Anzahl der Bewerbungen geht zurück - trotz der Kampagne, mit der München nun schon seit drei Jahren um Erzieher wirbt. In diesem Jahr haben allein die städtischen Einrichtungen 400 neue Fachkräfte für die Kinderbetreuung eingestellt; die Stadt rechnet im kommenden Jahr mit weiteren 400 Stellen, die neu zu besetzen sind.

Ballungsräume wie der Großraum München sind besonders betroffen vom Fachkräftemangel. Hier liegt die Betreuungsquote für Kleinkinder derzeit schon weit über den bundesweit angestrebten 39 Prozent. Den Ausbau der Kinderbetreuung finanzieren Bund, Länder und Kommunen gemeinsam, doch die neuen Einrichtungen allein reichen nicht aus. Viele Kitas könnten eigentlich mehr Gruppen anbieten, es fehlt ihnen aber schlichtweg das Personal.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass zur Verbesserung der Qualität die Anzahl der betreuten Kinder pro Erzieher verringert wurde. Und die Nachfrage wird in den kommenden Monaten mit dem Krippenausbau weiter steigen: Von August 2013 an haben Eltern einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung ihrer Kleinkinder. Bieten die Städte und Gemeinden dann nicht ausreichend Plätze an, könnte eine Klagewelle auf sie zukommen.

Vertretung - nicht zu finden

"Wir merken, dass die Konkurrenz wächst. Bei einigen privaten Trägern erhalten die Erzieher mehr Geld oder mehr Urlaubstage", sagt Monika Niedermayer vom Sozialreferat der Stadt München. Kleine Träger mit nur einer Einrichtung wiederum haben Schwierigkeiten, weil sie nicht so flexibel sein können wie die Stadt München.

"Wir haben nicht die Möglichkeit, dass unsere Fachkräfte in andere Einrichtungen wechseln können", sagt Margit Knapp, die eine Münchner Kita in privater Elterninitiative leitet und Landesvorsitzende des Berufsverbands Katholische Erziehergemeinschaft ist. Wenn kurzfristig eine ihrer Mitarbeiterinnen ausfalle, sei es fast unmöglich, eine Fachkraft zu finden, besonders wenn sie eine Vertretung suche und die Stelle somit nur befristet ist.

Den Beruf des Erziehers ergreifen weiterhin vor allem Frauen. In den städtischen Kindertagesstätten in München machen die männlichen Mitarbeiter gerade einmal einen Anteil von sechs Prozent aus. Hinzu kommt, dass es immer noch vor allem Frauen sind, die längere Zeit aussetzen, wenn sie eine Familie gründen. Die Träger der Kitas sind dadurch häufig auf Vertretungen angewiesen.

Wichtig sei es, dem Personal Wertschätzung zu vermitteln, sagt Elisabeth Pentenrieder-Giermann, Leiterin der städtischen Kitas in Freising. Die Stadt plane mit einer Imagekampagne, mehr Fortbildungen und einem Kontaktprogramm für Erzieher in Elternzeit, Fachkräfte zu binden und neu zu gewinnen. Viele Gemeinden sehen aber kaum Handlungsspielraum, um zusätzliche Leistungen anbieten zu können.

"Auf kommunaler Ebene sind uns die Hände gebunden", sagt Grafings Bürgermeister Rudolf Heiler (FW), zugleich Bezirksvorsitzender des Gemeindetags. Er hat sich mit einem Brief an das bayerische Familienministerium gewandt und um Hilfe gebeten. Ministerin Christine Haderthauer (CSU) verwies in ihrer Antwort jedoch darauf, dass "grundsätzliche Verbesserungen" von den zuständigen Trägern und Gemeinden ausgehen müssten.

Zwar ist auch die Ausbildung für Erzieher im Großraum München ausgebaut worden, doch es wird noch drei bis vier Jahre dauern, bis tatsächlich mehr Erzieher auf dem Markt sind. Elisabeth Seibl-Kinzlmaier vom Bayerischen Roten Kreuz in Ebersberg plädiert daher dafür, die fünfjährige Ausbildung zum Erzieher um ein Jahr zu verkürzen. Ein Problem sei zudem, dass die Gesellschaft den Beruf immer noch nicht ausreichend wertschätze und nicht anerkenne, was Erzieher alles leisten und an Qualifikationen brauchen.

Auch aus anderen Regionen lassen sich kaum noch Erzieher in den Großraum München locken. Es gibt zwar bundesweit noch Unterschiede, doch die Fachkräfte werden mittlerweile fast überall gesucht. In den ostdeutschen Bundesländern werden zudem in den nächsten Jahren überdurchschnittlich viele Erzieher das Rentenalter erreichen.

Für das Schnupperwochenende Ende November, das die Stadt München jedes Jahr anbietet, haben sich bisher nur 30 Interessierte gemeldet, in den vergangenen Jahren waren es schon 200. Die hohen Lebenshaltungskosten machen den Einrichtungsträgern das Leben schwer.

München - zu teuer für Erzieherinnen

"Man kann es sich im Großraum München als Erzieher fast nicht leisten zu wohnen", sagt Tanja Tippmeier vom Kita-Regionalverband Ebersberg mit Vaterstetten. Wer deutschlandweit gefragt ist, ein relativ niedriges Gehalt bekommt und sich aussuchen kann, wo er arbeiten möchte, zieht nicht in die Region München.

Der Druck, der durch den Ausbau der Kitas entstanden sei, habe aber auch positive Auswirkungen, sagt Marlene Niederschweiberer, Referentin vom Berufsverband Katholischer Erziehergemeinschaft. Wer händeringend gesucht wird, habe eine bessere Verhandlungsgrundlage. Die Arbeitsverhältnisse der Erzieher seien stabiler als früher, als es fast nur befristete Teilzeitstellen gab.

Die Träger müssten sich nun stärker überlegen, wie sie die Bedingungen verbessern könnten, sagt sie. Das könnte den Beruf insgesamt aufwerten. Gleichzeitig erschwere es aber die Arbeitsbedingungen, wenn die Stellen nicht ausreichend mit Fachkräften besetzt werden können.

Niederschweiberer befürchtet zudem, dass durch den Konkurrenzkampf die Qualität sinken könnte. Schnelle Umqualifizierungsprogramme sieht sie sehr skeptisch. Schließlich gehe es nicht nur darum, dass die Kinder einfach verwahrt werden, sondern um verantwortungsvolle Aufgaben, um Bildung und Erziehung.

© SZ vom 21.11.2011/gal
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