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Besuch in einer Hauptschule:Wo Deutschlands Kinder verloren gehen

Laut Pisa I versagt kein anderes Bildungssystem im Vergleich der 31 Industrienationen bei der schulischen Förderung von Kindern aus dem unteren sozialen Milieu so sehr wie das deutsche. Die ersten Zahlen von Pisa II, die am Wochenende durchsickerten, bestätigen das nur: Noch immer sind wir Weltspitze in Sachen Selektion. Wer begüterte gebildete Eltern hat, hat Glück, wer sie nicht hat, muss schauen, wie weit er kommt.

Als die Hauptschule Mitte der sechziger Jahre eingeführt wurde, entwarfen die Reformer sie als eine ernstzunehmende Alternative zu Gymnasium und Realschule. Obwohl sie also früher einmal unter dem Aspekt der Chancengleichheit konzipiert wurde, passt die deutsche Hauptschule heute zu den Entsolidarisierungsmaßnahmen der vergangenen Jahre. In einem Memorandum zog der Arbeitskreis Hauptschule kürzlich den bitteren Schluss: "Der Hauptschule fällt die Funktion zu, für die weiterführenden Schulen eine Art Entlastungsschule abzugeben." Ein Endlager für die Übriggebliebenen.

"Die Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems", so Ludwig Eckinger, der Bundesvorsitzende des "Verbands Bildung und Erziehung", "ist fatalerweise eine Rutschbahn und wirkt sich deshalb besonders verheerend für Kinder aus bildungsfernen Schichten und Migrantenkinder aus." Diese Rutschbahn ist in Bayern in den vergangenen drei Jahren nochmal steiler geworden: Dadurch, dass die etwas besseren Kinder jetzt schon in der fünften Klasse mit der Realschule anfangen, und dass die besseren Schüler in die so genannten M-Züge kommen, in denen sie vielleicht einen Realschulabschluss schaffen, bleibt auf der Hauptschule tatsächlich der Rest. Man kommt hierhin, wenn man es nicht geschafft hat. Und für Gymnasiasten und Realschüler ist die Hauptschule über die Jahre eine Art institutionalisierter Knecht Rupprecht geworden: Wenn du jetzt nicht fleißig lernst, dann kommst du auf die Hauptschule!

Zu denen nicht!

Eine Schulart aber, die sich für die meisten nur ex negativo definiert, kann nicht funktionieren. 1975 gab es 2,5 Millionen Hauptschüler in Deutschland; 1993 waren es in Westdeutschland nur 1,1 Millionen. Eine Umfrage des Instituts für Sozialforschung (DIS) ergab, dass nur sechs Prozent der Eltern ihre Kinder auf eine Hauptschule schicken wollen. "Wenn Eltern in Sachen Hauptschule eine bewusste Entscheidung treffen, dann nur die Entscheidung: zu denen nicht", sagt Frau Polta. Zu denen: zu denen, die rudimentäres Deutsch sprechen. Zu denen, die sich in ihre Ethnie zurückziehen und dann einander bekriegen. Albaner, Russlanddeutsche, Türken. Zu denen, die sich schämen, dass sie auf der Hauptschule gelandet sind, ganz unten. "Es kommt vor", sagt Ludwig Eckinger, "dass Leute wegziehen, weil sie ihre Kinder nicht auf diese Schule gehen lassen wollen. Der typische Ghetto-Effekt."

"Das Ghetto. Oder "N.A. West". So nennen die Kinder, die aus den Wohnblocks in Neuaubing West kommen, ihr eigenes Viertel. Die Satellitenschüsseln vor den Wohnungen in N.A. West sind alle nach Osten ausgerichtet, in Richtung Türkei. Deutsch ist schwer. München ist fern - sieben S-Bahn-Stationen. Türkisch ist leicht. Und Ankara nur einen Knopfdruck entfernt. Vor drei Jahren schrieb die PISA-Kommission in ihrem Bericht, man müsse in einigen Hauptschulen fragen, "ob Deutsch noch die dominante Verkehrssprache ist." An der Formulierung verwundert nur der vorsichtige Tonfall. Deutsch ist an vielen Hauptschulen längst Nebensprache. Vor der Hauptschulreform hatten an der Wiesentfelserschule die Hälfte der Schüler ausländische Eltern. Heute sind es 70 Prozent. Für eine Großstadt keine Ausnahme. In Berlin gibt es seit diesem Schuljahr eine Hauptschule, in der kein einziges Kind mehr ist mit deutscher Muttersprache.

In einem Papier des bayerischen Kultusministeriums heißt es, Schule könne "nicht der Ort einer umfassenden Prävention für komplexe soziale Probleme sein." Genau das ist aber die typische großstädtische Hauptschule. Das Kollegium an der Wiesentfelserschule hat für die Schüler Lesepatenschaften organisiert und eine Bibliothek. Die Lehrer kümmern sich in ihrer Freizeit um ihre Schüler, rufen nachmittags bei den Eltern an, und gestern war Frau Zeitler mit einem ihrer Jungen im Krankenhaus. Sie haben eine Förderlehrerin und eine Schulsozialpädagogin und sind mit dem Freizeittreff, mit Pro Familia und der Migrationsbeauftragten eng vernetzt.

Wenn man mit dem Direktor Jürgen Walther durchs Haus geht, grüßt er jedes Kind beim Vornamen. Jedes. Die Kinder lieben Walther und seine Lehrer. Das erzählen sie einem ungefragt, in der Pause, nach der Schule. "Natürlich lieben die uns", sagt Frau Polta ein wenig resigniert. "Für die ist hier ja auch zu Hause." Wenn der Unterricht früher aus ist, stehen die Schüler zehn Minuten später wieder vor der Tür: Die Schule ist der einzige Schutzraum.

Eigentlich wissen alle, woran es fehlt: an flexibleren Lehrplänen, individueller Förderung, und Deutsch, Deutsch, Deutsch. Die meisten Kinder bräuchten Einzelunterricht. Woher nehmen? Im Rahmen der Sparmaßnahmen wird die Hauptschule von allen Schulformen am härtesten rangenommen. Und das Interesse für die Fachrichtung Hauptschule ist seit Jahren rückläufig. Was bei dem schlechten Image, das Lehrer hierzulande ohnehin genießen, kein Wunder ist.

Jetzt, wo die ersten Zahlen von Pisa II bekannt werden und die Deutschen wahrscheinlich wieder mit hysterischer Erlösungssehnsucht auf die finnischen Schulen starren, sei auf das Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki verwiesen, das die finnische Schulphilosophie auf den Satz brachte: "Kein Kind darf verloren gehen." In Deutschland gehen momentan anderthalb Millionen Schüler verloren.