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Besuch in einer Hauptschule:Wo Deutschlands Kinder verloren gehen

"Ich bin ein Loser. Ich hab's ja nicht auf die Realschule geschafft" - keiner will auf die Hauptschule, und viele schämen sich, dort zu sein.

Als Monika Hohlmeier ein Jahr nach ihrem Amtsantritt beschloss, die vierstufige durch die sechsstufige Realschule zu ersetzen, ging ein Aufschrei durch Bayern, den das Kultusministerium mit seinem feinen Gespür für Volkes Stimmung sofort als Panikmache auszumachen in der Lage war. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband warnte, die Hauptschule werde durch diese Reform "ausbluten". Der Elternverband argumentierte, der Auslesedruck in den Grundschulen werde sich massiv erhöhen. Das Kultusministerium ließ sich nicht beirren. Monika Hohlmeier sagte am 7. Juli 2000: "Wir wollen eine starke Hauptschule, die eine echte Alternative zu Realschule und Gymnasium ist." Dann führte sie die sechsstufige Realschule ein. Seither bluten die Hauptschulen aus; es entscheidet sich für Kinder im Alter von zehn Jahren, was später mal aus ihnen wird. Und die Hauptschulen sind so schwach wie nie zuvor.

Neuaubing, Münchner Stadtrand, die Hauptschule an der Wiesentfelserstraße. Im Klassenzimmer der 7b hängt der "Rattenfänger vom Hameln" als Bildergeschichte. Neben die Zeichnungen hat Elsbeth Zeitler, die Lehrerin, die Beschreibungen der Kinder gepinnt: "Der Rattenfänger entführte die Kinder der Stad da er sich reichen wollte. Er hat sie auf ein Berg entfürt. Er lokte sie mit der Flöte an." - "Er entvurt ale Mense unt ertrenkt sie im see mit seiner flöte."

21 Kinder beugen sich über eine kleine Geschichte von Georg Britting. Vier der 21 haben deutschsprachige Eltern. Die Lehrerin arbeitet sich mit ihnen Satz für Satz durch den Text. Wie lang und unübersichtlich ein einzelner deutscher Satz sein kann... Manche der Kinder verheddern sich beim Lesen in längeren Adjektiven wie in dichtem Gestrüpp. Es ist ruhig im Unterricht, und je länger man den Kindern beim Lesen zusieht, desto stärker wächst ein stilles Gefühl der Scham. Weil man doch dachte, ein Besuch an der Hauptschule, das wird ganz, ganz krass.

Die deutschen Medien berichten über Hauptschulen ungefähr so ausgeglichen wie der englische Boulevard über Deutschland berichtet: Alles Neonazis. Testosteronbrutalos. Springmesser, Drogen, und immer in roten Riesenschlagzeilen. Nach der ersten Pisa-Studie besuchte die Redaktion des TV-Jugendmagazins quer die Wiesentfelserschule, um hier bestätigt zu bekommen, dass alle Hauptschüler verhaltensgestört sind. Sie setzten sich in die damalige Klasse von Frau Zeitler und beschwerten sich nach zehn Minuten darüber, dass es zu ruhig sei. In dem Beitrag wurde dann ein Junge gezeigt, der Probleme beim Lesen hat. Alle Sätze, in denen er stolperte, wurden zusammenmontiert. Frau Zeitler erinnert sich, dass der Junge sich selbst in der Sendung gesehen hat. "Er kam am nächsten Tag und sagte: ,Ich les kein Wort mehr'. Der hat Aufgaben nur noch schriftlich erledigt. Zwei Jahre lang kein Referat gehalten, keinen Text gelesen, es war nichts zu machen."

Wäre das an einem Gymnasium passiert, hätte der Bayerische Rundfunk Ärger bekommen mit dem Elternbeirat. Hauptschulen aber haben keine Lobby. Viele Schüler müssen sich freinehmen, wenn ihre Mütter einen Termin beim Arzt oder beim Kreisverwaltungsreferat haben, um für sie zu dolmetschen. Wie aber sollen Eltern, die nicht mal deutsch lesen können, einen geharnischten Brief an den BR schicken?

Die eigentliche Tragik aber liegt darin, dass viele Betroffene selbst solch einen Beitrag gar nicht als empörend empfinden. Schließlich ist die Hauptschule ja das Letzte. Weiß doch jeder. Und das verheerende Image des ganzen Schultypus sickert natürlich auch in die Kinder ein. "Unsere Fünftklässler sagen: Ich bin ein Loser. Ich hab's ja nicht auf die Realschule geschafft. Wir müssen dann erstmal schauen, wie wir die wieder aufbauen", sagt Frau Zeitler. Als die Lehrer der Wiesentfelserschule vorschlugen, ein Schul-T-Shirt zu machen, waren alle Schüler dagegen: "Dann sieht doch jeder, wo wir herkommen."

Was für einen Sinn macht es, deutschlandweit 1,5 Millionen Kinder auf eine Schule zu schicken, für die sie sich schämen? Wie soll eine Schulform funktionieren, die von den Schülern als Stigma erlebt wird? Wolfgang Clement sagte im Juni, die Hauptschule sei zur Restschule verkommen. Renate Polta sagt: "Recht hat er." Frau Polta unterrichtet seit 1980 in Neuaubing. Sie erklärt, ihr Beruf habe sich in diesen 20 Jahren komplett geändert, weg von der Lehre, hin zur Sozialarbeit.

Vor zwanzig Jahren... damals... Die Lehrer erzählen von dieser Zeit wie von einer versunkenen Epoche. Damals haben wir mit denen Erörterungen geschrieben. Damals mussten wir in einem Text ein, zwei abseitige Adjektive erklären. Damals haben wir in Hauswirtschaftslehre Menüs gekocht. Es klingt, als glaubten sie sich das selbst nicht mehr. Heute lernen die Kinder in Hauswirtschaftslehre, wie man einen Tisch deckt, und, was für viele weitaus schwieriger ist, wie man gemeinsam eine Mahlzeit einnimmt.